19.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Inbegriff des Kapitalismus: Lower Manhattan in New York
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Warnungen vor einer neuen «Great Depression» à la 1929 sind völlig daneben, findet Matthias Breitinger . Die US-Politik agiere derzeit besonnen, und mit Sozialismus, den Oskar Lafontaine ausgemacht haben will, habe das auch nichts zu tun.
Wer hätte das gedacht: Jahrelang galten die amerikanischen Finanzmärkte als der Inbegriff des zügellosen Kapitalismus, gebilligt von politischer Seite und nun schreiten ausgerechnet die US-Regierung und die US-Notenbank massiv ein. Was sich dabei für das Auge des Laien wie Willkür ausmachen mag Lehman lässt man fallen, AIG fängt man mit staatlichem Kredit auf hat durchaus System. Keine Dogmatik, wie sie Linkspartei-Chef Oskar Lafontaine gleich unterstellt hat (nach dem Motto «In New York regiert jetzt der Sozialismus»), sondern kluge und bislang offenbar fehlerfreie Pragmatik.
Die Sache ist im Grunde denkbar einfach: Die Politik greift angesichts der schweren Krise den Instituten unter die Arme, die so wichtig für das Finanzsystem sind, dass ihr Kollaps eine Kettenreaktion auslösen würde. Dazu zählen die geretteten Hypotheken-Riesen Fannie Mae und Freddie Mac oder der einst größte Versicherer der Welt, AIG. Fannie und Freddie sind verstaatlicht, und auch AIG gehört jetzt zu 80 Prozent dem Staat.
Dagegen hat sich offenbar auch in Washington der Glaube durchgesetzt, dass es womöglich mit ein paar reinen Investmentbanken weniger geht und der Zusammenbruch eines Hauses nicht das gesamte System ins Straucheln bringt. Denn während Fannie, Freddie und AIG mit Hypotheken beziehungsweise Versicherungen bei Millionen Amerikanern aktiv sind, beschränkte sich das Geschäft bei Lehman auf Großkunden. Die kollabierte Bank wird jetzt filetiert, und Merrill Lynch floh unters Dach der Bank of America. Auch bei Morgan Stanley prüft man inzwischen eine Fusion mit einer Großbank.
Experten sprechen hier von einer klassischen Marktbereinigung, die nach einigen Jahren der Blase dringend geboten sei. Der US-Finanzsektor hatte sich im Zuge des Immobilienbooms ziemlich aufgebläht, jetzt kehrt man auf ein «gesundes» Niveau zurück. Dass hinter der Blase teils obskure, hochkomplexe Finanzprodukte stecken, die die Konzerne selbst konstruiert hatten und die ihnen nun selber auf die Füße fallen, ist dabei der Treppenwitz der Bankenkrise. Und gierige Banker, die in der Boomphase den Hals nicht voll bekamen und jedem Amerikaner ohne jegliche Sicherheiten einen Hypothekenkredit gewährten, dürfen jetzt auch nur mit wenig Mitleid rechnen.
Während also bei den reinen Investmentbanken das Geschäftsmodell dem Ende entgegen geht, steht die US-Regierung offenbar schon vor dem nächsten weisen Schritt, den Lafontaine wieder als Verstaatlichung betrachten könnte, hinter dem aber etwas anderes steckt: Der US-Wirtschaftssender CNBC berichtet von einer geplanten staatlichen Auffanglösung für Bankschulden.
Demnach würde eine staatlich organisierte Zweckgesellschaft gegründet, die faule Kredite bündelt und abwickelt sprich: den schwer gebeutelten Finanzunternehmen ihre problematischen Wertpapiere abnimmt. Das Konzept ist attraktiv: Die Banken sind erst einmal ihre Probleme los und können zum Tagesgeschäft zurückkehren, und die Gefahr, in den kommenden Tagen und Wochen weitere einzelne Institute retten zu müssen, wäre gebannt.
Damit würde auch das allseits vermisste Vertrauen an die Märkte zurückkehren. Denn die aktuelle Krise ist vor allem eine Vertrauenskrise: Weil sich die Banken angesichts unkalkulierbarer Risiken gegenseitig extrem misstrauen, will keine der anderen noch Geld leihen. Stattdessen wenden sie sich an die Notenbank, die wie in den vergangenen Tagen immer wieder frisches Geld in die Märkte pumpen muss, damit diese nicht austrocknen.
Das dürfte einer der interessantesten Aspekte der derzeitigen Krise sein. Denn Vertrauen stellen nicht per se die Banken her dass Milliarden Menschen in aller Welt ihnen ihr Geld anvertrauen, liegt daran, dass sie darauf vertrauen, dass das System funktioniert. Und das tut es nur, wenn gewisse Kontrollinstanzen gewährleistet sind, und dazu gehören an vorderster Front die staatlichen Aufsichtsbehörden.
Auch da muss die US-Regierung langfristig ran. Jetzt werden akute Probleme angegangen. Auf längere Sicht muss sich der Staat aber die unregulierten Finanzprodukte und -vehikel vorknöpfen, die erst zum Ausbruch und der Verschärfung der Krise geführt haben.
Solange aber Finanzminister Hank Paulson und Notenbankchef Ben Bernanke schon mal klug agiert, um die Folgen für die restliche Wirtschaft zu begrenzen. Die Chancen stehen also nicht schlecht, dass die Welt um eine Rezession herumkommt. Eine Panikmache mit Verweisen auf die «Great Depression» 1929 ist derzeit jedenfalls unangebracht.