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Bierwährung und Discounter: 

Kreditkrise macht Briten zu Aldianern

02. Sep 2008 11:21
Aldi-Angebote sind auch bei Briten gefragt
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Mit kuriosen Ideen und einer neu entdeckten Liebe für deutsche Discounter versuchen die Menschen des ehemals blühenden Vereinten Königreichs die Folgen der Wirtschaftskrise zu lindern: «Bitte ein Pint Bier! Hier sind drei Makrelen.»

Wer tauscht Kartoffeln gegen Bier, steht auf tiefgekühlte Erbsen und hat Aldi für sich entdeckt? Die Briten in der Kreditkrise. Seit Nahrungsmittel immer teurer werden, Hauspreise fallen, Banken straucheln und das Wort Rezession in aller Munde ist, hat sich das Konsumverhalten in Großbritannien erheblich verändert.

Mit kuriosen Ideen und einer neu entdeckten Liebe für deutsche Discounter versuchen die Menschen die Folgen der Wirtschaftskrise zu lindern. Für viele Geschäfte scheint der so genannte «Credit Crunch» das beste Marketinginstrument geworden zu sein. So zum Beispiel für den Pub «The Pigs» im ostenglischen Edgefield: Dort können Geldsparer ein Kilo Kartoffeln, ein Dutzend Eier oder auch drei Makrelen für ein Pint Bier eintauschen. «Jetzt - nachdem die Kreditkrise zugeschlagen hat - boomt das ganze», erklärte Managerin Cloe Wasey das System der «Bierwährung».

Ehemals blühendes Vereintes Königreich

Wer statt auf Bier auf das Menü eines Sterne-Kochs steht, kann in London in den Laden des Küchenchefs Thierry Laborde gehen, das Essen mit Profihilfe zubereiten und es - statt für viel Geld in einem Restaurant - zu Hause verspeisen.

Seit vor einem Jahr die US-Immobilienkrise die Finanzwelt erschütterte, sind im ehemals blühenden Vereinten Königreich die Aussichten besonders düster. Vergangene Woche meldete der Einzelhandel die schlechteste Zahlen seit 25 Jahren und die größte Bausparkasse Nationwide verkündete am gleichen Tag, dass die Hauspreise pro Tag um 150 Pfund (rund 190 Euro) fallen.

Wenig Trost spendete auch die Mitteilung des Statistikamts, dass die Wirtschaft im zweiten Quartal 2008 erstmals seit 16 Jahren nicht mehr gewachsen ist. Eine Rezession, das sind zwei Quartale hintereinander, in denen die Wirtschaft schrumpft, schloss die Englische Notenbank nicht aus. Gleichzeitig steigt die Inflation - eine toxische Mischung.

Früher Sammelbacken für Exil-Deutsche

Beim Blick in die Zeitungen muss es jedem Briten den Tag vergraulen. So macht er sich immer häufiger auf zu Aldi, Lidl und Netto, statt in teuren Supermärkten zu shoppen. Während die Discounter früher fast einzig Sammelbecken für Exil-Deutsche auf der Suche nach Rollmöpsen oder die britische Unterschicht waren, verzeichnen die Läden nun immensen Zulauf.

Aldis Umsatz wuchs in den vergangenen drei Monaten im Vergleich zum Vorjahr um fast 20 Prozent, Lidls um mehr als 12 Prozent, berechneten die Marktforscher von TNS Worldpanel. «Die Leute dachten früher, dass Discounter Billigkram ist, aber in Deutschland gehen dort die schlauen Leute einkaufen. Im Vereinten Königreich fängt das jetzt auch an», sagte Tony Baines, Einkaufs-Chef bei Aldi in Großbritannien, der Zeitung «The Times». Pro Woche gehen angeblich eine Million Menschen mehr zu Aldi als im letzten Jahr.

Auch Tiefkühlkost ist gefragter denn je, weil billiger. Der Spezialist für Tiefgefrorenes, Iceland, verzeichnete in den letzten drei Monaten einen Umsatzsprung von 15 Prozent. «Bringt uns die Kreditkrise eine neue Eiszeit», fragte daraufhin eine Kolumnistin der Zeitung «Guardian» bange, um gleichzeitig Anweisungen zu geben, welche Nahrungsmittel tiefgefroren schmackhaft sind (Erbsen) und welche nicht (Tomaten).

Bei Baby-Modelagentur jobben

Über die Kreditkrise kann sich in gewisser Weise auch die Wohltätigkeitsorganisation Oxfam freuen. Deren Läden machten im vergangenen Jahr sieben Prozent mehr Umsatz, rechnete Handelschef David McCullough vor. Im laufenden Jahr erwarten die Läden, die unter anderem gespendete Bücher und Kleidung billig verkaufen, gar einen Umsatzsprung von 20 Prozent auf mindestens 101 Millionen Pfund. Andere Modefreunde wechseln ihre Kleidung gleich auf der boomenden Internetseite fashionexchange.co.uk.

Wer trotz allem noch nicht genug gespart hat, der kann sein Kind bei einer Baby-Modelagentur jobben lassen: Das bringe pro Tag und Werbefoto immerhin fast 75 Pfund (rund 95 Euro), berechnete unlängst die Zeitung «Sunday Times». (Annette Reuther, dpa)


 
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