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Gefälle wächst: 

Löhne klaffen immer weiter auseinander

26. Aug 2008 11:19
Arbeiter in der Industrie
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Die Lohnstruktur in Deutschland gerät aus den Fugen: Geringverdiener müssen seit Jahren mit weniger auskommen, während Besserverdiener mehr erhalten. Experten betrachten einen bundesweiten Mindestlohn als dringend notwendig.

Die, die ohnehin schon ein geringes Einkommen haben, kriegen am Monatsende noch weniger aufs Konto überwiesen. Wer dagegen sowieso gut bezahlt wird, gewinnt dazu. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue Studie des Instituts Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg-Essen, wie die «Frankfurter Rundschau» berichtete. Das am wenigsten verdienende Viertel der Arbeitnehmer musste in den vergangenen Jahren einen Rückgang des Realeinkommens um fast 14 Prozent hinnehmen, während das oberste Viertel im gleichen Zeitraum ein reales Lohnplus von 3,5 Prozent verbuchte.

Zu den Verlierern gehörten dem Bericht zufolge nicht nur Minijobber und Teilzeitkräfte, sondern auch Geringverdiener mit Vollzeitstelle. Dagegen seien die Realeinkommen von Besserverdienenden, die eine volle Stelle haben, mit über zehn Prozent deutlich gestiegen, sagte der Sozialwissenschaftler Thorsten Kalina von der Uni Duisburg der Zeitung.

Untersucht wurden die Stundenlöhne der hiesigen Arbeitnehmer zwischen 1995 und 2006. Die Forscher gehen aber davon aus, dass sich der Trend zu einer stärkeren Lohnspreizung seit 2006 nicht umgekehrt hat – trotz der teils höheren Lohnvereinbarungen der vergangenen Monate. Die Niedriglöhne sind der Studie zufolge sogar im jüngsten Konjunkturaufschwung geschrumpft, und zwar nominal wie real – in Ostdeutschland um mehr als zehn Prozent. «Da wird einem angst und bange, wenn man überlegt, was im Abschwung passieren kann», sagte der Soziologe Gerhard Bosch der «FR».

Entwicklung der Stundenlöhne 1995-2006
QuartileVeränderung der Stundenlöhne in Prozent (nominal), 1995-2000Veränderung der Stundenlöhne in Prozent (nominal), 2000-2006Veränderung der Reallöhne (in Preisen von 1995), 1995-2006, in Prozent
1. Quartil5,8-4,8-13,7
2. Quartil7,35,2-3,2
3. Quartil10,510,64,8
4. Quartil7,512,33,5
Gesamt8,08,20,2
durchschnittliche Stundenlöhne; Quelle: IAQ

Die Arbeitsmarktexperten plädieren für einen bundesweiten gesetzlichen Mindestlohn. Denn die Tatsache, dass es hierzulande keine verbindliche Lohnuntergrenze gibt, sehen die Forscher als große Schwäche des deutschen Tarifsystems. «Fragt man in Dänemark Beschäftigte, ob sie von ihrem Lohn leben können, dann verstehen sie die Frage nicht. Sie finden es selbstverständlich, dass sie damit auskommen», sagte die Mitautorin der Studie, Claudia Weinkopf, der Zeitung.

Weinkopf und Bosch arbeiten seit Jahren in einem internationalen Forschungsprojekt über Niedriglöhne und kennen daher auch die Lage in anderen Ländern. Sie betrachten es als «historischen Fehler», dass die deutschen Gewerkschaften nicht rechtzeitig allgemein verbindliche Tarifverträge für deregulierte Branchen verlangt haben. Denn die Privatisierung von staatlichen Dienstleistungen wie Post, Nahverkehr oder Telekommunikation habe zu einer Lohnspreizung geführt.

Der Grund: In Deutschland zahlten beispielsweise private Telefonfirmen geringe Löhne und verschafften sich so einen Wettbewerbsvorteil gegenüber dem früheren Staatskonzern Telekom. In den meisten anderen europäischen Ländern müssten sich neue Anbieter dagegen an allgemein verbindliche Tarifverträge halten, so die Forscher. Dies gelte etwa für Schweden, wo die Marktöffnung nicht zu Lohndumping führe. (nz)

 
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