US-Banken in Nöten: Auffangbecken Staat untergräbt die Disziplin20. Aug 2008 13:21, ergänzt 14:03  |  Die kalifornische Hypothekenbank Indymac wurde im Juli zwangsweise geschlossen. | Foto: AP |
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In der anhaltenden Finanzkrise rät der frühere IWF-Chefvolkswirt dem Staat dazu, nicht bei jeder Bankenpleite in die Bresche zu springen. Das Wort Regulierung ist indes jetzt in aller Munde.
Es war augenfällig, wie an den ersten beiden Handelstagen dieser Woche an der New Yorker Börse Finanzaktien einbrachen: Am Dienstag fielen Bank of America um 4,2 Prozent, AIG verloren fast sechs Prozent, American Express büßten 3,3 Prozent ein, JP Morgan 3,2 Prozent. Und die Papiere der Investmentbank Lehman Brothers schlossen 13 Prozent im Minus. Die schwer angeschlagene Bank bietet ihre Vermögensverwaltung feil, um Löcher zu stopfen, wie mehrere Medien berichteten.
Das zeigt: Die Finanzkrise schwelt nicht nur weiter, sie verschärft sich womöglich auch noch. «Das Schlimmste kommt noch», warnt der frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff. Die USA seien noch nicht «über den Berg». Kurzum: Rogoff rechnet damit, dass in den kommenden Monaten eine große US-Bank der Finanzkrise zum Opfer fällt – «eine der Investmentbanken oder Großbanken», wie der Harvard-Ökonom auf einer Konferenz in Singapur hinzufügte.
Die Krise prägt auch die alle zwei Jahre stattfindende Tagung von Wirtschafts-Nobelpreisträgern und jungen Nachwuchs-Ökonomen in Lindau am Bodensee, die an diesem Mittwoch beginnt. «Die Finanzkrise ist nicht unter Kontrolle und könnte noch viel schlimmer werden», sagte Clive Granger, der die höchste Auszeichnung für Wirtschaftswissenschaftler im Jahr 2003 erhielt, dem «Handelsblatt» im Vorfeld des Treffens.Noch handele es sich überwiegend um eine Finanzkrise, betonte der Waliser. «Sollte diese aber in großem Stil auf Realwirtschaft und Arbeitsmarkt übergreifen, dann wird es richtig ungemütlich», warnte Granger. Auch sein kanadischer Kollege Myron Scholes sagte, die Krise sei längst noch nicht ausgestanden. Der Berkeley-Professor Daniel McFadden fürchtet, die rückläufige Kreditvergabe werde «eine Kaskade von Unternehmenspleiten» nach sich ziehen.
Das R-Wort kommt oft über die Lippen Wo eine Reihe von Ökonomen zusammen kommt, herrscht bekanntermaßen aber auch ein vielstimmiger Chor von Meinungen, wie der Krise Herr zu werden sei oder welche politische Schlussfolgerungen daraus zu ziehen seien. Ein Wort fällt aber überraschend oft: Regulierung. Granger sagte, er habe das Gefühl, dass mehr Aufsicht nötig ist.«Das Pendel ist zu stark in Richtung unregulierte Märkte ausgeschlagen», sagte auch McFadden. «Dies gilt es zu korrigieren – ohne dabei die Vorteile zunichte zu machen, die diese Märkte schaffen können.» Märkte mit unvollständigen Informationen und Asymmetrien bräuchten sorgfältige Regulierung, um effizient und stabil zu sein. Scholes warnte dagegen vor zu vielen staatlichen Eingriffen in die Finanzmärkte. Der Trend gehe derzeit klar in Richtung «mehr Regulierung». Damit sei er aber nicht glücklich, schob Scholes hinterher: Er habe nicht die Hoffnung, «dass das in eine gute Politik mündet».
Angst vor «moral hazard» Ebenso spannend ist die Frage, was mit kollabierenden Banken geschehen soll – soll wie im Fall der britischen Investmentbank Northern Rock der Staat einspringen? Die Frage hat durchaus ihre Berechtigung, denn in die USA wächst die Sorge um die beiden großen Hypothekenfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae. Sie sind bereits mit Regierungsgarantien ausgestattet, doch weiterhin geht das Gerücht, die beiden Unternehmen könnten wegen Liquiditätsengpässen komplett verstaatlicht werden.
Banken in NotBislang sind mehrere kleinere US-Institute pleite gegangen, zuletzt eine Bank in Florida. Die US-Behörde FDIC, die für die Einlagensicherung zuständig ist, hat aber weitere 70 Banken auf ihrer Problemliste. |
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Ein solches Vorgehen birgt wirtschaftspsychologische Risiken, unter Fachleuten als «moral hazard» bekannt. Manager angeschlagener Banken könnten sich geneigt sehen, nicht gegenzusteuern – mit dem Wissen, im Fall der Fälle würde der Staat sowieso einspringen. Vor diesem Hintergrund sieht der frühere IWF-Chefökonom Rogoff nur einen Weg, «Disziplin» in den Finanzsektor zu bringen: einige Banken pleite gehen lassen. «Man kann nicht eine Branche haben, die entweder riesige Gewinne macht oder aber von anderen gerettet wird», sagte Rogoff.«Der Finanzsektor muss schrumpfen», fügte der Harvard-Professor in deutlichen Worten hinzu. «Ich glaube nicht, dass es ausreicht, wenn ein paar mittelgroße und kleine Banken untergehen.» Allerdings: Fannie und Freddie sind viel zu groß und damit bedeutend für das Finanzsystem, um sie insolvent gehen zu lassen. Eine Zahlungsunfähigkeit könnte zum Zusammenbruch des US-Immobilienmarkts führen. Mit einem Volumen von fünf Billionen Dollar stehen die beiden einst vom Staat gegründeten und heute börsenntotierten Geschwister-Institute hinter rund jedem zweiten US-Hauskredit. Ihr derzeit größtes Problem: Für ihr Geschäft müssen sie sich an den Finanzmärkten laufend über Schuldpapiere Geld beschaffen. Freddie Mac musste in einer solchen Finanzierungsrunde am Dienstag wegen seiner Probleme die bislang höchsten Zinsen zahlen. Rogoff prognostizierte, dass die beiden Giganten in einigen Jahren wohl nicht mehr in ihrer heutigen Form existieren werden. Er empfiehlt, beide zu verstaatlichen, «die Anteilseigner sollten all ihr Geld verlieren». Derzeit stellt der amerikanische Staat den beiden Hypothekenfinanzierern unbegrenzt Mittel zur Verfügung. Seit dem verschärften Ausbruch der Kreditkrise vor einem Jahr verloren Fannie und Freddie schon mehr als 90 Prozent ihres Börsenwertes. Was andere Institute betrifft, könnten die kommenden Wochen indes spannend werden: In den USA werden demnächst Schuldverschreibungen einiger US-Banken in dreistelliger Milliardenhöhe fällig, die refinanziert werden müssen. Angesichts der Finanzkrise dürfte das kein einfaches Unterfangen werden.
Für das Web ediert von Matthias Breitinger |