06.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Der soziale Reeder
Als Aushängeschild für die Schifffahrtsbranche macht sich der engagierte Unternehmer Peter Krämer ganz gut. Weit unbequemer ist dagegen seine Forderung, die Reichen stärker in die Pflicht zu nehmen. Michaela Duhr stellt den Millionär und Idealisten vor.
Seine Schiffe tragen die Namen von Freiheitskämpfern wie Sophie Scholl, Hans Scholl oder Simon Bolivar. Doch das politische und soziale Engagement des Hamburger Reeders Peter Krämer erschöpft sich nicht in der ungewöhnlichen Namensgebung für einige seiner rund 35 Schiffe.
Der 58-jährige Hanseat, der den Artikel 14 des Grundgesetzes «Eigentum verpflichtet» zu seinem Lebensmotto gemacht hat, sorgt mit seinen gemeinnützigen Projekten und außergewöhnlichen Forderungen immer wieder für Aufsehen. So gründete der Schiffseigner im Oktober vergangenen Jahres mit dem Banker Harald Christ ein Unternehmen der besonderen Art: Die Reederei Krämer und Christ GmbH verpflichtet sich, ein Viertel der ausgeschütteten Gewinne für soziale Projekte auszugeben. Krämer hofft, dass sich auch andere Unternehmen die Idee zu eigen machen: «Es wäre schön, wenn sich die Anteilseigner etwa großer Dax-Konzerne dazu entschließen könnten, zumindest zehn Prozent ihrer Dividenden für soziale Zwecke zu spenden.»
Schon seit Jahren verlangt der großgewachsene Millionär lautstark, privates Vermögen in Deutschland stärker zu besteuern. «Man kann nicht Hartz IV beschließen und die Vermögensteuer nicht wieder einführen, die Unternehmenssteuern senken und bei Erbschaften mit die niedrigsten Tarife in Europa haben», schimpfte der Querdenker vor wenigen Monaten in einem Zeitungsinterview. «Die Steuersätze für Erben sind lächerlich.» Dass ein Vorstandschef wie Klaus Zumwinkel, der ein Vielfaches des Geldes verdient, das er ausgeben kann, Steuern hinterzieht, ist für Krämer nicht nachvollziehbar. «In welchem Wertesystem lebt dieser Mann», fragt er sich verständnislos.
Sein für wohl so manchen Millionär hierzulande abwegiges Anliegen einer höheren Vermögensteuer formulierte Krämer bereits im November 2005 in einem offenen Brief an Regierungschefin Angela Merkel und den damaligen Vizekanzler Franz Müntefering: Es sei ein Skandal, dass Deutschland im internationalen Vergleich die niedrigste Besteuerung für Vermögensbestände hat. «Belasten Sie die Vermögenden, statt Arbeitnehmern und Rentnern weitere Opfer abzuverlangen», forderte er zusammen mit anderen Prominenten wie Thilo Bode, Günter Grass, Klaus Staeck, Oliver Rohde oder Rudolf Hickel.
Krämer ist Chef der Reederei Marine Service. Die beiden Unternehmen Marine Service GmbH und Chemikalien Seetransport GmbH wurden vor 50 Jahren von seinem Vater gegründet. Krämer übernahm 1982 die kurz vor dem Konkurs stehenden Unternehmen: «Es war die schlimmste Schifffahrtskrise, die wir je gehabt haben.» Gegen den Willen von Familie und Angestellten habe er damals drei von zehn Schiffen verkauft. Inzwischen steht Krämer an der Spitze einer international führenden Tankschiffreederei. Doch dem erfolgreichen Kaufmann und Idealisten geht es nicht um Expansion, sondern: «Ich habe beruflich alles erreicht. Jetzt kann ich der Gesellschaft etwas zurückgeben.»
Politisch engagierte sich Krämer bereits in seiner Schul- und Studienzeit. Daran knüpfte er im Februar 2003 wieder an, als er öffentlich gegen den Irakkrieg Stellung bezog. Mit der linken Journalistin Luc Jochimsen forderte er Gewerkschaften, Kirchen und Arbeitgeber dazu auf, die Antikriegsdemonstration in Berlin zu unterstützen. Aufgrund der großen Resonanz gründete er mit sechs prominenten Kriegsgegnern die «Hamburger Gesellschaft zur Förderung der Demokratie und des Völkerrechts».
«Ich bin 68er. Ich bin auch schon gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze auf die Straße gegangen», sagt der weißhaarige Querdenker. Ihm sei schon als Jugendlicher klar gewesen, dass er ein privilegiertes Kind gewesen sei. Damit meint er allerdings nicht nur den Wohlstand seiner Familie, sondern vor allem die Chance auf Bildung. Deshalb fließt auch ein Teil seiner Millionen in ein Bildungsprojekt in Afrika, das Krämer vor vier Jahren auf den Weg brachte.
Seinerzeit wollte Krämer eines seiner Schiffe auf den Namen Nelson Mandela taufen, doch die gleichnamige Stiftung lehnte trotz der in Aussicht gestellten Spende von einer Million Dollar ab. Mit dem Geld wurde stattdessen - mit Unterstützung der Stiftung und organisiert von Unicef - die Aktion «Schulen für Afrika» ins Leben gerufen. Bis 2010 sollen insgesamt 1000 Schulen neu gebaut oder in Stand gesetzt werden. Das Hilfswerk hat inzwischen 30 Millionen Euro in Angola, Südafrika und Mosambik investiert.
«Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass der beste Weg Afrika zu helfen, darin besteht, etwas für die Bildung zu tun», sagt der Unternehmer. Das Milleniumsziel der Vereinten Nationen, bis 2015 jedem Kind auf der Welt eine Grundschulausbildung zu ermöglichen, hat er zu seinem persönlichen Ziel erklärt.
Auch hier greift der Schiffseigner zu ungewöhnlichen Maßnahmen: So versprach er 2005, jede Spende für «Schulen für Afrika» zu verdoppeln - bis zur Höhe von drei Millionen Euro. Er löste das Versprechen ein, wobei es auch für ihn etwas merkwürdig war, einen Scheck über eine solche Summe auszustellen: «Das geht natürlich nicht leicht von der Hand. Also erstens bin ich Mittelständler und kein Bill Gates oder Großunternehmer. Aber zum zweiten sehe ich es als meine Aufgabe, und das ist der politische Ansatz, aus meinem Geld auch möglichst viel zu machen.» Krämer geht es aber nicht nur darum, Geld zu sammeln und gemeinnützige Projekte zu unterstützen. Er will vor allem eines: ein Bewusstsein dafür schaffen, «dass es sich lohnt, sich für ideelle Ziele einzusetzen».