NZ-Reihe «Alternative Wirtschaftslenker»: 

netzeitung.deDie Freiheit, Nein zur Arbeit zu sagen

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Götz Werner (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Götz Werner
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

In unserer Gesellschaft gilt die alte Losung: «Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.» Völlig falsch, meint der Unternehmer Götz Werner: Er fordert ein bedingungsloses Grundeinkommen, das den Zwang zur Arbeit abschafft. Matthias Breitinger stellt den Visionär vor. Die Netzeitung stellt in einer kleinen Serie Persönlichkeiten aus der Wirtschaft vor, die «aus ihrer Art schlagen». » Teil 1: Thomas Minder - Volksinitiative «gegen Abzockerei»

Ein Arbeitgeber – das sagt schon das Wort – ist jemand, der einem anderen Arbeit gibt. Bemerkenswert ist es da, wenn einer, der in seinem Leben viele Jobs geschaffen und Menschen in Lohn und Brot gebracht hat, Sätze spricht wie «Das manische Schauen auf Arbeit macht uns alle krank» oder «Jetzt ist der Moment gekommen, in dem wir uns vom Zwang zur Arbeit befreien können».

Wenn Götz Werner solche Gedanken äußert, dann tut er das mit badischer Klangfärbung. Der 64-Jährige ist in Heidelberg geboren und lebt in seiner badischen Heimat. In Karlsruhe gründete der gelernte Drogist 1973 seine erste Drogerie. Sie wurde die Keimzelle eines großen Unternehmens: Die Kette dm beschäftigte im vergangenen Geschäftsjahr in Deutschland rund 17.400 Mitarbeiter in mehr als 900 Filialen. Arbeit gegeben hat er seit 35 Jahren vielen Menschen.

Dass er mit seiner Drogeriekette erfolgreich dem deutlich größeren Konkurrenten Schlecker auf dem Markt Paroli bietet, ist das eine. Das andere ist die Gedankenwelt, die Götz Werner seit einigen Jahren landauf, landab predigt – dieses Verb trifft es durchaus. So schrieb die «taz» im November 2006: «1000 Leute versammelten sich jüngst in einer Kirche in Berlin-Kreuzberg, um Werners Botschaft zu empfangen». Und diese Botschaft heißt: bedingungsloses Grundeinkommen.
Grundeinkommen statt vieler Sozialleistungen
Die Idee ist zunächst einmal simpel: Jeder Deutsche – von der Wiege bis zur Bahre – erhält Monat für Monat eine feste Summe vom Staat, ohne Gegenleistung und unabhängig von Familienstand, Beruf oder Verdienst. Durchschnittlich 1200 Euro schwebt dem Drogerie-Gründer vor: weniger fürs Kleinkind, mehr für alle im Alter zwischen 30 und 45, wenn etwa die Familiengründung ansteht. Macht bei etwa 82,2 Millionen Bundesbürgern summa summarum mal eben 98,64 Milliarden Euro an Staatsausgaben im Monat oder fast 1200 Milliarden Euro im Jahr.

Angesichts dieser gewaltigen Summe muss sich der Badener bei Vorträgen und in Interviews häufig die Frage anhören, woher das Geld denn bitteschön kommen solle. Auch da hat Werner eine Antwort parat, auch wenn ihm anzumerken ist, dass er sein Konzept nicht auf Millionen und Milliarden reduziert sehen will. Schließlich geht es dem Unternehmer in seiner Vision um mehr, als nur allen Menschen Geld zuzustecken. Geld, das natürlich aus Steuereinnahmen kommen muss.

So gewaltig sei die Summe ohnehin nicht, meint Werner. Schließlich gebe der Staat schon heute jährlich mehr als 720 Milliarden Euro an Sozialleistungen aus, also etwa für Arbeitslosengeld II, Bafög oder Kindergeld – die es alle in einem Deutschland des Grundeinkommens nicht mehr gäbe. Positiver Nebeneffekt: Die riesige Verwaltungsbürokratie, die jedes Jahr Unsummen verschlingt, würde deutlich verschlankt und spare damit enorm ein.

Die 1200 Euro Grundeinkommen sind für Werner allerdings kein Heiligtum. Man könne durchaus auch erst einmal mit weniger beginnen. Hauptsache, man beginne überhaupt mal damit, umzudenken, lautet seine wichtigste Mission. Und da bürdet der 64-Jährige allen, die zu seinen Vorträgen kommen oder sein Buch «Einkommen für alle» lesen, eine enorme Aufgabe auf. Denn Werners Weltsicht entspricht nicht unbedingt dem, was in der Gesellschaft als gängig gilt – etwa wenn er den seit Jahren laufenden Wegfall von Arbeitsplätzen als großartigen Erfolg feiert.

Kein Zwang zur Arbeit mehr
Während andere ein Problem darin sehen, dass nur rund ein Drittel der Bundesbürger heute sämtliche gehandelten Güter und Dienstleistungen erwirtschaftet, freut sich Werner darüber: Endlich bleibe «Zeit für erfreuliche, sinnstiftende Tätigkeiten», durch die man sich als Mensch entfalten könne. In solchen Äußerungen zeigt sich Götz Werner, der Philanthrop. Denn genau darin liegt für ihn der tiefere Sinn seines Grundeinkommens-Modells: Der Mensch soll nicht mehr arbeiten müssen, um Geld zu verdienen, das er für seinen Lebensunterhalt benötigt.

Der Mensch soll vielmehr dank Grundeinkommen von vornherein ein menschenwürdiges Leben führen können – wer mehr will, kann dann einer Arbeit nachgehen. Und zwar einer Arbeit, auf die er oder sie wirklich Lust hat. Depressionen, Burnout-Syndrom oder innere Kündigung würden der Vergangenheit angehören, ebenso Existenzsorgen, meint Werner. Und Arbeitslose gäbe es per Definition nicht mehr.

Die These, dass in seinem Utopia dann niemand mehr arbeiten würde, weist Werner zurück: Die meisten würden sehr wohl arbeiten wollen, aber eben etwas, das ihnen Bestätigung verschaffe und mit dem sie sich voll identifizieren könnten. «Die Menschen möchten doch gemeinschaftlich tätig sein», ist er überzeugt. Mit dem Grundeinkommen wäre man frei, auf einen Job zum Einkommenserwerb zu verzichten und stattdessen zum Beispiel in der Alten- oder Krankenpflege oder im Umweltschutz tätig zu sein.

Arbeitnehmer könnten dann Jobangebote auch mal ablehnen. Auch Aus-Zeiten wie beispielsweise ein Sabbatjahr wären kein Problem mehr. «Die Menschen wären auch viel eher bereit, eine Familie zu gründen, wenn Kinder kein Armutsrisiko mehr sind», ergänzt der Unternehmer mit Blick auf die demografische Entwicklung.

Götz Werner nimmt Stellung zum Grundeinkommen

Doch damit nicht genug: Grundlegend anders ist in Werners Konzept die Erhebung der Staatsfinanzen. So gut wie alle Steuern würden gestrichen. Die Einkommensteuer fiele ebenso weg wie Vermögens-, Erbschafts- und Kapitalertragssteuern. Nur eine bliebe übrig: die Mehrwertsteuer – «die einzige Steuer, die sinnvoll und gerecht ist», wie der dm-Gründer sagt. Die läge entsprechend hoch und könnte «bis zu 50 Prozent» betragen. Dann sei wenigstens das Steuersystem transparent, meint Werner. Allerdings hätten dann auch die Steuerberater nichts mehr zu tun – die Suche nach Schlupflöchern oder Sparmodellen in Steueroasen fiele weg.
Kritiker halten Werner für einen «Spinner»
Eine schöne neue Welt, die Werner da zeichnet – und die genügend Kritiker auf den Plan ruft. Die Titulierung «Spinner» muss sich der dm-Gründer desöfteren anhören. Ökonomen schütteln den Kopf, sie halten das Modell für fern jeglicher Realität und schlicht unbezahlbar. Mit dem Wegfall fast aller Steuern schlage sich der Staat zudem ein wichtiges Steuerungsinstrument aus der Hand.

Gegner halten Werner ferner vor, sein Modell sei in erster Linie ein riesiges Entlastungsprogramm für die Wirtschaft. Denn das Einkommen, das die Unternehmen bei Bestehen eines Grundeinkommens zahlen würden, könne dann um eben jenen Betrag gesenkt werden. Zudem müssten Unternehmen kaum noch Steuern zahlen. Götz Werner geht indes davon aus, dass sich die Entlastung der Unternehmen in fallenden Nettopreisen und mehr Jobs niederschlägt.

Auch das Argument, es gäbe in seinem Utopia immer noch unattraktive Tätigkeiten, die jemand machen muss, hält Werner für unbedeutend: Solche Arbeit müsse man dann eben entsprechend hoch bezahlen, meint er – oder man automatisiere sie. Bei höheren Löhnen steige ohnehin der Anreiz zur Rationalisierung. Das klingt dann doch ein wenig zu einfach.

Trotz viel Kritik steht Götz Werner mit seinem Konzept nicht allein. Auch der Direktor des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, Thomas Straubhaar, tritt für ein Grundeinkommen ein, das er für «extrem solidarisch» hält und das zudem Jobs schaffe. Der thüringische Ministerpräsident Dieter Althaus (CDU) spricht sich ebenfalls für ein Bürgergeld aus. Allerdings unterscheiden sich die Modelle in der Höhe des Existenzgeldes.

Was Götz Werner am wenigsten anficht: der Vorwurf, ein «Träumer» zu sein. Natürlich sei er das, entgegnet er. «Jeder Unternehmer, der Dinge bewegen will, träumt zunächst von seinem Ziel.» Sein Grundeinkommens-Modell nennt er indes einen «Realtraum».