NZ-Reihe «Alternative Wirtschaftslenker»: 

netzeitung.deSchweizer Mittelständler gibt «Abzockern» Kontra

 Herausgeber: netzeitung.de

Thomas Minder (Foto: Trybol<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Thomas Minder
Foto: Trybol
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Bei vielen Schweizer Aktiengesellschaften sieht Thomas Minder «Abzockerei» von Managern im Spiel. Matthias Breitinger stellt den Schaffhauser Unternehmer vor, der über eine Volksinitiative die Verfassung ändern will. Die Netzeitung stellt in einer kleinen Serie Persönlichkeiten aus der Wirtschaft vor, die «aus ihrer Art schlagen». Die Reihe beginnt mit der Volksinitiative «gegen Abzockerei» des Schweizers Thomas Minder.

Das Online-Lexikon Wikipedia weiß Interessantes über Daniel Vasella zu berichten: Der Chef von Novartis war als Schüler in der marxistisch-leninistischen Schülerorganisation «Cercle Grachus» aktiv, einer wirtschaftskritischen Vereinigung. Heute steht der studierte Mediziner an der Spitze des schweizerischen Pharmakonzerns – und im Kreuzfeuer der Kritik, weil er zu den Topverdienern seines Landes zählt und nach Ansicht von Gegnern völlig überzogene Gehälter kassiert.

Einer der größten Vasella-Kritiker ist selbst Unternehmer: Thomas Minder. Der Name Vasella fällt gern, wenn der 47-jährige Kosmetikfabrikant über sein Lieblingsthema spricht, die «horrenden Vergütungen» bei schweizerischen Konzernen. Immer wieder dient der Novartis-Chef, der nicht nur die Geschäftsleitung führt, sondern in einer Doppelfunktion auch dem Verwaltungsrat vorsitzt, Minder als mahnendes Beispiel: sei es der Zehn-Jahres-Vertrag für CEO Vasella oder die Tatsache, dass er als Vorsitzender des so genannten Vergütungsausschusses sein eigenes Gehalt vereinbart hat.
Mehr Demokratie
Solche Dinge bringen Minder auf die Palme. Dass er in der Schweiz damit beileibe nicht der einzige ist, kann der Mittelständler aus Schaffhausen inzwischen stapelweise belegen: Gut 114.000 gültige Unterschriften kamen für Minders Volksinitiative «gegen die Abzockerei» zusammen – mehr als die benötigten 100.000. Monatelang sammelte der Kleinunternehmer Unterschriftenbögen, die er als Anzeige, unter dem Slogan «Schluss mit der Abzockerei!» und mit ein paar Beispielen gespickt, in großen Schweizer Zeitungen geschaltet hatte.

«Das schlug ein wie eine Bombe», erzählt Minder. Berge von Briefen gingen in seiner Firma Trybol ein, inzwischen hat er die Unterschriften beim Parlament eingereicht und wartet darauf, dass sich Regierung und Parlament damit befassen. Erst danach wird das gesamte Volk an die Urnen gerufen, wobei noch einige Jahre vergehen dürften. Aber der erste Schritt ist gemacht.

Der Unternehmer legt dabei großen Wert darauf, nicht falsch verstanden zu werden: Es geht ihm nicht darum, konkrete Obergrenzen für Managergehälter festzulegen. Vielmehr hat seine Volksinitiative eine urschweizerische Basis: eine Art «Wir sind das Volk» in den börsennotierten Aktiengesellschaften. Ziel ist es, die Rechte der Aktionäre zu stärken. «Der Aktionär ist der Souverän», lautet eine von Minders Kernaussagen. Es könne schließlich nicht sein, dass der Verwaltungsrat eines Unternehmens über den Vergütungsausschuss seine eigenen Vergütungen bestimmt – denn in diesem Gremium säßen vor allem «Kollegen und Freunde». Diese «gierige Kaste» arbeite nach dem Motto «Eine Hand wäscht die andere», erregt sich Minder.

Manager sollen sich auf einen Posten konzentrieren
Noch größer wird seine Empörung, wenn man auf die so genannten Goldenen Fallschirme zu sprechen kommt. Dahinter verbergen sich Klauseln in Arbeitsverträgen von Führungskräften, wonach im Fall einer vorzeitigen Vertragsauflösung der Manager Zahlungen, etwa in Form von Boni oder Aktienoptionen, erhält. Solche Abgangsentschädigungen findet Minder geradezu kriminell. Auf seiner Website abzockerei.ch findet sich eine ganze Liste dieser «Vorfälle»: etwa, dass der frühere Chef des Versicherers Winterthur trotz Milliardenverlusts im Jahr 2002 eine Abgangsentschädigung von zehn Millionen Franken erhalten habe.

Mit der Volksinitiative will Minder derlei «Bereicherungen auf der 'Teppichetage'» beenden. Die angestrebte Gesetzesänderung ist klar formuliert: Verbot von Abgangsentschädigungen und Vergütung im Voraus, die Generalversammlung (die der deutschen Hauptversammlung der Aktionäre entspricht) soll jährlich über die drei Gesamtsummen aller Vergütungen für Verwaltungsrat, Geschäftsleitung und Beirat abstimmen. Außerdem sollen die Aktionäre selbst die Mitglieder des Vergütungsausschusses sowie des Verwaltungsrates je einzeln wählen.

Thomas Minder kämpft auch dagegen, dass viele Manager Pöstchen ansammeln. Die Aktionäre sollen daher bestimmen können, wie viele externe Mandate ein Vorstandsmitglied zusätzlich innehaben darf. Ein Topmanager mit horrenden Spitzengehältern sollte sich einzig und allein seinem Unternehmen widmen, meint der Trybol-Chef. Zugleich würde damit dem Wirtschaftsfilz ein Ende bereitet.

Damit die «goldenen Fallschirme» nicht durch die Hintertür wieder eingeführt werden, soll die Generalversammlung die Dauer der Arbeitsverträge festlegen. Auch bei dieser Forderung hat Minder wieder ein Gesicht klar vor Augen, das des früheren Swissair-Chefs Mario Corti. Der habe einen Fünfjahresvertrag erhalten, obwohl die Fluggesellschaft zu diesem Zeitpunkt schon in akuter Schieflage stand, schimpft Minder.

Dass gerade Corti zu Minders größten Feindbildern gehören, hat einen persönlichen Grund: Trybol lieferte der Swissair Mundwasser und Zahnpasta. Als die Airline 2001 zusammenbrach, blieb Minder nach eigener Aussage auf seiner Rechnung sitzen. Aus der Presse habe er dann erfahren, dass sich Corti fünf Jahresgehälter im Voraus auszahlen ließ, bevor er überhaupt nur seinen Posten angetreten hat. «Da ist eine große Wut in mir ausgebrochen», sagt Minder.

Neidisch? I wo!
Der Mittelständler sei doch einfach nur neidisch, schallte es Minder entgegen, als er seine Initiative startete. Das weist der 47-Jährige von sich: «Es tut mir weh, dass unsere Vorzeigeunternehmen wegen ihrer Manager so in Misskredit geraten sind», erklärte er vor einiger Zeit im «St. Galler Tagblatt». Das sieht der schweizerische Wirtschaftsdachverband Economiesuisse anders – seiner Ansicht nach schadet vielmehr Minders Volksinitiative der Eidgenossenschaft.

Die von Minder angestrebten Regelungen seien starr und würden «die Flexibilität der Unternehmen und der Aktionäre einschränken», warnt Economiesuisse. Die Initiative schieße über das Ziel hinaus und sei nicht im Interesse von Aktionären. Zudem würde der Standortvorteil der Schweiz gravierend verschlechtert. Nicht, dass der Verband das Thema Corporate Governance ignorieren würde. An guter Unternehmensführung – und dazu zählt auch die Vergütung der Manager – hätten die Unternehmen selbst ein Interesse, so Economiesuisse.

Der Verband hält aber die Selbstregulierung, wie sie im «Swiss Code of Best Practice for Corporate Governance» festgehalten ist, für ausreichend. Dem widerspricht Minder: Die ungebremst steigenden Gehälter bewiesen doch, dass man auf das Verantwortungsbewusstsein der Manager nicht bauen könne, argumentiert der Schaffhauser Unternehmer. Er verweist zudem auf zahlreiche aufmunternde E-Mails nicht nur von Angestellten oder Arbeitslosen, sondern eben auch von Aktionären, die ebenfalls wünschten, «dass der Gesetzgeber einschreitet».

Eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort Schweiz kann er in seiner Initiative auch nicht erkennen: «Was die Manager tun, ist ein riesiger Schaden für die Schweiz.» Das Ansehen des Landes würde durch die «Abzocker» viel mehr geschädigt. Dass sich, wie Minders Kritiker meinen, schweizerische Talente ins Ausland absetzen würden, stört der Kosmetikfabrikanten auch nicht: Derart geldgierige Typen sollen sich ruhig im Ausland bewerben, «wir brauchen sie nicht».