Inflation:
Das wenig fassbare Schreckgespenst
09. Jul 2008 10:02
 |  Sparschweine | Foto: dpa |
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Die Deutschen treibt Umfragen zufolge derzeit vor allem eine Sorge um: wachsende Inflation. Was sie für Folgen hat, wer was dagegen zu unternehmen versucht und ob das was bringt, erklärt die
Netzeitung.
Der Ölpreis kennt seit Monaten nur eine Richtung: aufwärts. 70 Dollar kostete ein Barrel (159 Liter) im August 2007, inzwischen steht der Preis bei knapp 137 Dollar. Damit hat er die Inflation spürbar angeheizt. Zwar ist Deutschland vom kräftigen Preisauftrieb der 1970er Jahre weit entfernt: Im Dezember 1973 lag die Steigerungsrate bei fast acht Prozent – ausgelöst durch die erste Ölkrise. Zum Vergleich: Im Juni 2008 lag der Preisauftrieb in Deutschland bei 3,3 Prozent.
Doch das ist der höchste Stand seit 15 Jahren. In anderen Ländern lag die Teuerung zum Teil deutlich über fünf Prozent. In Belgien stieg die Rate auf 5,8 Prozent und war damit so hoch wie seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Für die Eurozone insgesamt ergab sich im Juni ein Wert von vier Prozent. Das ist mehr als doppelt so hoch wie von der Europäischen Zentralbank angestrebt.Am deutlichsten ist die Inflation derzeit an den Tankstellen zu spüren. Zum Wochenende war der Preis für einen Liter Benzin im Schnitt auf 1,60 Euro geklettert. Auch Heizöl ist spürbar teurer geworden, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Die Preise für Nahrungsmittel stiegen ebenfalls kräftig: im Juni um sieben bis knapp neun Prozent gegenüber dem Vorjahr. Kein Wunder, dass der Preisauftrieb für viele Deutsche Sorge Nummer eins ist. Der Deutschlandtrend der ARD ergab, dass 85 Prozent der Deutschen Angst vor einer Inflation haben.
Wie entsteht Inflation?
Ökonomen verstehen darunter nicht den Anstieg einzelner Preise – das ist in einer Marktwirtschaft durchaus normal. Im Blick ist vielmehr das gesamte Preisniveau, das am Preisindex für alle Waren und Dienstleistungen gemessen wird. Für den Verbraucherpreisindex ermittelt das Statistische Bundesamt einen Warenkorb, der alle derzeit für die Verbraucher relevanten Konsumgüter enthält. Insgesamt werden Monat für Monat mehr als 300.000 Einzelpreise in rund 700 Güterarten erfasst und dann je nach Relevanz für die privaten Haushalte gewichtet. So entsteht der Preisindex, der dann monatlich verglichen wird.Die klassische ökonomische Theorie führt Inflation darauf zurück, dass über einen längeren Zeitraum hinweg die gesamte Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft größer ist als das gesamte Angebot – dadurch steigen durch die Bank weg die Preise. Geringe Inflationsraten betrachten Ökonomen als positiv, denn eine leichte Inflation kann wachstumsfördernd wirken. Sie stärkt die Nachfrage, weil die Menschen ihr Geld lieber ausgeben als horten.
Warum ist die Inflation ein Problem?
Preisauftrieb und Geldentwertung sind zwei Seiten derselben Medaille, denn bei einem Anstieg des Preisniveaus können für eine bestimmte Geldsumme weniger Güter und Dienstleistungen gekauft werden. Einen Geldwertschwund hat es in Deutschland immer gegeben. 1978, 30 Jahre nach Einführung der Währung, war eine D-Mark gegenüber 1948 nur noch 46 Pfennige wert. Im gleichen Zeitraum hatte sich aber der monatliche Nettoverdienst verzehnfacht.Ganz anders sieht die Lage jetzt aus: Die Deutschen müssen im Schnitt Kaufkrafteinbußen hinnehmen. In den ersten drei Monaten 2008 stiegen die Lebenshaltungskosten um 2,9 Prozent – doch die Bruttoverdienste im Verarbeitenden Gewerbe und im Dienstleistungsbereich erhöhten sich nur um 2,8 Prozent. Die Lohnzuwächse fielen zudem je nach Branche recht unterschiedlich aus. Die Folge: 62 Prozent der im ARD-Deutschlandtrend befragten Bundesbürger befürchten, dass sie mit ihrem Geld künftig nicht mehr auskommen.
Welche Folgen hat das?
 |  Sparbuch | Foto: dpa |
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Wenn die Lohnerhöhung mit der Preissteigerung nicht Schritt halten kann, bleibt unter dem Strich weniger Kaufkraft – Haushalte müssen sich dann einschränken. Doch die Inflation trifft auch die Sparer: Ihr gehortetes Geld auf Giro- oder Tagesgeldkonten verliert an Wert. Besser dran sind Besitzer von Sachwerten, also etwa von Immobilien. Kreditnehmer wiederum profitieren, da der Realwert ihrer Verschuldung abnimmt. Auch Aktionäre müssen sich wenig Sorgen machen. Zudem raten Experten zur Geldanlage in Rohstofffonds. Die Inflation drückt auf das Wachstum der gesamten Volkswirtschaft. «Die hohen Preissteigerungen sind sehr bedenklich», warnt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann. «Die Inflation frisst die Lohnsteigerungen auf.» Dadurch werde der private Konsum in diesem Jahr nicht zu der erhofften großen Konjunkturstütze. Der Industrie- und Handelskammertag warnt, der hohe Ölpreis könnte rund 0,5 Prozent Wachstum kosten – und rechnet das in 150.000 bis 200.000 Arbeitsplätze um, die also bedroht seien. Zudem fürchten tausende Mittelständler um ihre Existenz.
Wer unternimmt etwas dagegen?
Vor allem die Europäische Zentralbank (EZB) hat sich dem Ziel Preisstabilität verschrieben – wobei sie darunter eine Jahresinflation von knapp unter zwei Prozent versteht. Davon ist die Preissteigerung in der Eurozone momentan aber weit entfernt. Deshalb hat die EZB vergangene Woche die Leitzinsen erhöht. Für die Kreditinstitute wird es somit teurer, sich bei der EZB mit frischem Geld einzudecken.Die Idee dahinter: Weil die Banken diese höheren Kosten – zumindest zum Teil und mit zeitlicher Verzögerung – an ihre Kunden weiterreichen, werden Kredite teurer und unattraktiver. Gleichzeitig können sich Sparer freuen: Bei Tages- und Festgeld sowie bei Sparbriefen ist ein Zinsplus zu erwarten. Sparen lohnt sich also wieder. Unternehmer investieren weniger, die Bürger sparen mehr und kaufen weniger auf Pump. Summa summarum sinkt die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen, was die Inflation dämpft.
Allerdings hat die Zinserhöhung der EZB kaum mehr als Symbolcharakter. Schließlich ist der starke Preisauftrieb in der Eurozone nicht hausgemacht. «Gegen die aktuelle Inflation kann man sowieso nichts machen», kommentierte etwa Ralph Solveen von der Commerzbank im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AP. Öl- und Nahrungsmittelpreise werden von der weltweiten Nachfrage getrieben.
 |  Gustav Horn | Foto: www.gustav-horn.de |
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Auch der Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK), Gustav Horn, bezeichnete die Zinsanhebung als «Schuss in die Luft». Die Inflation komme von außerhalb. Solveen sieht daher in der Zinserhöhung einen symbolischen Schritt: «Die EZB will dagegen vorgehen, dass aus der aktuellen Inflation heraus die Inflationserwartung steigt.» Setze sich diese Erwartung durch, könnten überhöhte Lohnabschlüsse folgen – was die Inflation weiter anheizen könnte und damit eine Spirale nach oben in Gang setzt.Davor warnte, ein wenig verklausuliert, auch EZB-Präsident Jean-Claude Trichet. Von solchen Zweitrundeneffekten ist derzeit aber nichts zu sehen. EZB-Kritiker halten der Zentralbank sogar vor, mit der Zinserhöhung die Wirtschaft zu schwächen. Der Aufschwung gehe ohnehin dem Ende entgegen, mit höheren Zinsen bremse die EZB das Wachstum zusätzlich.
Kann die Politik nicht etwas gegen Inflation tun?
Vielfach wird die Forderung erhoben, die Bundesregierung solle die Steuern reduzieren, um dem durch die Inflation gebeutelten Bürger zu helfen. Gerade angesichts der hohen Spritpreise wird immer wieder der Ruf laut, der Staat möge die Mineralölsteuer senken. Das stößt bei Bundesfinanzminister Peer Steinbrück auf Ablehnung. Dies sei «keine hilfreiche Lösung, weil offen ist, ob der steuerliche Vorteil von den Unternehmen weitergegeben wird», sagte er am Montag in Brüssel. «Was passiert, wenn der Rohölpreis eines Tages bei 150, 160, 170 Dollar ist – wollen Sie dann fortlaufend dagegen ansubventionieren?», fügte Steinbrück hinzu. Ähnlich äußerte sich auch IMK-Direktor Horn. «Zudem wäre eine Senkung der Mineralölsteuer das falsche Signal, denn wir müssen unsere Abhängigkeit vom Öl reduzieren und die Entwicklung von alternativen Energien fördern», sagte Horn. Er riet dazu, über die Ausgabe von Benzingutscheinen an einkommensschwache Arbeitnehmer nachzudenken, «um die Folgen der Ölpreissteigerungen abzufedern», sagte Horn. Auch Steinbrück sprach sich für gezielte Hilfen für einkommensschwache Haushalte aus.
Für das Web ediert von Matthias Breitinger