Inflation: 

netzeitung.deLeben mit astronomischen Preissteigerungen

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Die Preise auf einem türkischen Markt ändern sich inzwischen nicht mehr so schnell (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Die Preise auf einem türkischen Markt ändern sich inzwischen nicht mehr so schnell
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Noch vor wenigen Jahren haben sich die Preise in der Türkei innerhalb eines Jahres verdoppelt. Doch wie orientiert man sich in einem Land mit Hyperinflation? Ähnlich wie hierzulande, berichtet Ragnar Vogt .

Die Einführung des Euro ist schon mehr als sieben Jahre her, doch viele Menschen in Deutschland rechnen immer noch in D-Mark um. Weil sie wissen, wie viel DM ungefähr ein Mittelklassewagen oder eine Waschmaschine kosten dürfen. Natürlich stellen sie dann fest, dass alles teurer geworden ist, aber zumindest haben sie in der alten, vertrauten Währung einen Referenzpunkt, an dem sie sich orientieren können.

Doch das funktioniert nur deshalb einigermaßen gut, weil die D-Mark – und auch der Euro - immer eine vergleichsweise niedrige Inflationsrate hatten. Auf diese Weise konnten die Verbraucher von klein auf Preise erlernen und besitzen heute eine Vorstellung davon, wieviel was kosten darf.

Doch wie ist das in Ländern, in denen die Preise sehr schnell steigen? Woran orientieren sich die Menschen dort? In der Türkei beispielsweise ist zwar heute die Preissteigerung moderat, doch jahrelang gab es extrem hohe Inflationsraten. Vor zehn Jahren lag sie gar bei etwa 100 Prozent. Eine solche Rate bei uns würde bedeuten: Ein Brot, für das wir heute drei Euro bezahlen, kostet in einem Jahr sechs Euro, ein Jahr darauf schon zwölf Euro.

Unterschiede zwischen den sozialen Schichten
Bei so astronomischen Preissteigerungen ist es schwer vorstellbar, dass die Verbraucher für jedes Produkt die Kosten in türkischer Lira auswendig wissen. Und dennoch hat die Wirtschaft funktioniert, ohne großes Zögern kaufte ein Türke auf dem Markt seine Lebensmittel ein.

«Wie die Türken sich dabei orientiert haben, war unterschiedlich je nach sozialer Schicht», erinnert sich Günter Seufert, Korrespondent der «Berliner Zeitung» in Istanbul. Die gebildeten Verbraucher rechneten oft in Dollar um. Die einfacheren Menschen dagegen hatten einen anderen Referenzpunkt: «Die haben sich am Brotpreis orientiert», sagt Seufert. «Auch andere Lebensmittel wie Reis, Tomaten, Tee und Zucker spielten eine Rolle.»

Von diesem Verhalten sind Ökonomen nicht überrascht: «Das grundsätzliche Problem beim Geld ist, dass man nur relative Preise hat. Man braucht einen Punkt, den man fixieren kann, nach dem sich alle Preise richten», sagt der Volkswirt Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Dieser Fixpunkt war bei den Türken das Brot.

Der «personalisierte Warenkorb»
In Deutschland haben die Wissenschaftler vom Statistischen Bundesamt eine Gruppe von Produkten festgelegt, bei denen sie die Preise beobachten. Über diesen so genannten «Warenkorb» errechnen sie die Inflationsrate. Das klingt etwas abstrakt, doch jeder Verbraucher besitzt im Prinzip einen «personalisierten Warenkorb», wie Vöpel das nennt, an dem er sich orientiert.

Bei den Türken war es das Brot, bei den Deutschen variiert das etwas. Der eine kennt eher die Kosten von Computerspielen und Lieferpizza, der andere orientiert sich am Benzin- und am Milchpreis. Auch ohne besonders hohe Inflation richtet man sich hierzulande nach ähnlichen Prinzipien wie in Ländern mit Hyperinflation.

Und noch etwas haben die Deutschen mit den Türken gemein: Auch in Anatolien gab es eine Währungsumstellung, am 1. Januar 2005 wurde die Neue Türkische Lira eingeführt. Die Umrechnung ist einfach, denn eine Neue entspricht einer Million alten Lira. «Und sehr viele rechnen noch immer in die alte Währung um», berichtet Seufert. Sie hängen sechs Nullen hinter jeden Preis, um in ihre vertraute Währung umzurechnen.