Inflation:
Leben mit astronomischen Preissteigerungen
09.07.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Doch wie ist das in Ländern, in denen die Preise sehr schnell steigen? Woran orientieren sich die Menschen dort? In der Türkei beispielsweise ist zwar heute die Preissteigerung moderat, doch jahrelang gab es extrem hohe Inflationsraten. Vor zehn Jahren lag sie gar bei etwa 100 Prozent. Eine solche Rate bei uns würde bedeuten: Ein Brot, für das wir heute drei Euro bezahlen, kostet in einem Jahr sechs Euro, ein Jahr darauf schon zwölf Euro.
«Wie die Türken sich dabei orientiert haben, war unterschiedlich je nach sozialer Schicht», erinnert sich Günter Seufert, Korrespondent der «Berliner Zeitung» in Istanbul. Die gebildeten Verbraucher rechneten oft in Dollar um. Die einfacheren Menschen dagegen hatten einen anderen Referenzpunkt: «Die haben sich am Brotpreis orientiert», sagt Seufert. «Auch andere Lebensmittel wie Reis, Tomaten, Tee und Zucker spielten eine Rolle.»
Von diesem Verhalten sind Ökonomen nicht überrascht: «Das grundsätzliche Problem beim Geld ist, dass man nur relative Preise hat. Man braucht einen Punkt, den man fixieren kann, nach dem sich alle Preise richten», sagt der Volkswirt Henning Vöpel vom Hamburgischen Weltwirtschaftsinstitut. Dieser Fixpunkt war bei den Türken das Brot.
Bei den Türken war es das Brot, bei den Deutschen variiert das etwas. Der eine kennt eher die Kosten von Computerspielen und Lieferpizza, der andere orientiert sich am Benzin- und am Milchpreis. Auch ohne besonders hohe Inflation richtet man sich hierzulande nach ähnlichen Prinzipien wie in Ländern mit Hyperinflation.
Und noch etwas haben die Deutschen mit den Türken gemein: Auch in Anatolien gab es eine Währungsumstellung, am 1. Januar 2005 wurde die Neue Türkische Lira eingeführt. Die Umrechnung ist einfach, denn eine Neue entspricht einer Million alten Lira. «Und sehr viele rechnen noch immer in die alte Währung um», berichtet Seufert. Sie hängen sechs Nullen hinter jeden Preis, um in ihre vertraute Währung umzurechnen.

