Tagesthema 60 Jahre Soziale Marktwirtschaft: Die rosarote D-Mark-Brille18. Jun 2008 14:01  |  Wieviel kostete der Kaffee zu D-Mark-Zeiten? | Foto: dpa |
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«3,60 Euro für einen Milchkaffee? Mensch, das sind ja 7,20 Mark. Dabei war Kaffee vor wenigen Jahren noch viel billiger.» Doch die Erinnerung trügt – und Psychologen erklären, warum.
«Früher war alles besser» – der alte Spruch wird auch gern losgelassen, wenn es ums liebe Geld geht. Na klar, mit der guten alten D-Mark konnte man so viel kaufen, und der böse (T)Euro ist schuld an den kräftigen Preiserhöhungen. Deshalb will auch jeder dritte Deutsche die D-Mark zurück, wie eine repräsentative Umfrage des Bundesverbands deutscher Banken (BdB) ergab.
Den schlechten Ruf hat der Euro nun schon fast seit seiner Bargeld-Einführung 2002 – und die Verklärung der Mark ist nicht totzukriegen. Denn ein Test bringt es ans Tageslicht: Viele Deutsche überschätzen die Kaufkraft ihrer alten Währung. Wie das ARD-Ratgebermagazin «Plusminus» in einer Stichprobe feststellte, trügt die Erinnerung ans frühere Einkaufen – oder besser gesagt: Die Shoppingtour liegt schon sehr, sehr lange zurück.Beispiel Zehn-Mark-Schein: «Das war ein Kasten Bier», meint ein älterer Befragter. Doch das ist schon länger her. Solche Preise fürs Bier gab es nur vor 1957, zitiert «Plusminus» das Statistische Bundesamt. Oder 20 Mark: Was gab es dafür? «Für 20 Mark habe ich meinen Käfer vollgetankt», meint eine Frau. Das muss dann aber auch lange her sein: 40 Liter Normalbenzin für 20 Mark habe es zum letzten Mal 1966 gegeben. Auch die Kaufkraft des 100-Mark-Scheins wird überschätzt: «Da hab ich zwei Jeanshosen gekriegt, und heute bekomme ich noch nicht mal eine.» Ebenfalls falsch: Jeans seien seit der Euro-Umstellung sogar billiger geworden, ermittelt «Plusminus». Und Markenjeans für 50 Mark gab es demnach zum letzten Mal schon wieder in den 60ern, nämlich 1967.
DM-Preise auf Stand 2001 eingefroren
Geld und PsychologieAm 1. Januar 2002 wurde der Euro als Bargeld eingeführt. Doch noch immer rechnet nach Schätzung von Psychologen jeder Zweite die Preise von Euro in Mark um. In Deutschland dürfte die Zahl der Umrechner besonders hoch sein, schließlich macht es der Wechselkurs von ungefähr 1 zu 2 leicht. Damit sinkt der Zwang, sich an den Euro zu gewöhnen. Allerdings stimmt der Kurs nicht ganz: Wer 1 zu 2 umrechnet, erhöht den Wert um gut zwei Prozent – was das Gefühl des enormen Preisauftriebs verstärkt. |
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Wie passiert es, dass viele die D-Mark in den Himmel loben? Hier kommen zwei Phänomene zusammen, erklären Fachleute. Das eine ist die Inflation seit der Euroeinführung – wer über den «Teuro» jammert, vergleicht den Euro-Preis 2008 mit einem DM-Preis von 2001 oder davor. «Die Menschen beziehen sich häufig auf Preise, die gar nicht mehr Realität sind», kommentiert der Wirtschaftspsychologe Henning Haase von der Uni Frankfurt. «Die Preise wären auch höher, wenn es die D-Mark noch gäbe.» Und der Preisauftrieb war früher durchaus schon deutlich stärker als heute. Anfang der 90er Jahre lag die Inflation bei über sechs Prozent, heute bei gut drei Prozent.Hinzu kommt das zweite Phänomen: Weiterhin in DM rechnen vor allem Ältere um. «Alle bis 30 Jahre haben überhaupt nichts mehr mit der DM im Sinn, die denken in Euro», sagt der Wirtschaftspsychologe Alfred Gebert von der Fachhochschule des Bundes in Münster der Netzeitung. Bei den 50- bis 60-Jährigen rechne dagegen fast jeder Zweite die Euro-Preise in Mark um. «Bei den über 60-Jährigen ist es über die Hälfte, die sich nicht richtig von der DM trennen kann.»
Der Grund für diesen Trend: Gerade die Älteren hätten über Jahrzehnte ein inneres Bezugssystem zur Mark aufgebaut, erklärt Haase. Mit dem Preis für bestimmte Waren sei man groß geworden. «Die D-Mark-Preise sind Ankerpunkte im eigenen Leben.» Mit der Konsequenz, die «Plusminus» belegt: Man verschätzt sich völlig. Das fängt beim Kleinen schon an. «Sechs Bier» habe man für fünf Mark kaufen können, glauben in der Stichprobe mehrere Befragte. In der Tat, aber da waren die Biertrinker noch deutlich jünger – sechs Bier waren für fünf Mark im Jahr 1977 zu haben.
Nix mit «Teuro» Bei größeren Anschaffungen wie einem Auto werde zudem der technische Fortschritt übersehen und führe zu Täuschungen, ergänzt Haase. «Ein VW Käfer hat 1960 rund 5000 Mark gekostet. Der VW Golf kostet heute 25.000 Euro, also 50.000 Mark. Da sagen die Leute, der Preis für ein Auto habe sich verzehnfacht. An die Wertsteigerung denkt niemand.» Zudem könne man die beiden Autos gar nicht miteinander vergleichen – der Golf sei technisch viel ausgefeilter.Eine weitere Erkenntnis: In die alte Währung umgerechnet wird vor allem beim Eindruck großer Preissprünge. «Gerade dann, wenn man sich wundert, ob etwas zu teuer ist, fragt man sich, was das eigentlich in D-Mark war», sagt der Münchener Sozialpsychologe Dieter Frey. Die Rückversicherung zur D-Mark gebe ein Gefühl der Urteilssicherheit.
 |  DM- und Euromünzen | Foto: dpa |
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Tatsächlich ist der «Teuro» aber eine Legende: Die Statistik konnte den gewonnenen Eindruck nicht bestätigen. Haase erklärt die «gefühlte Inflation» damit, dass der Mensch das Negative – also den gestiegenen Preis – stärker wahrnehme als das Positive, sprich den gleich gebliebenen oder gesunkenen Preis. Allerdings zeigt die Statistik auch: Häufig gekaufte Waren wie bestimmte Lebensmittel wurden besonders teuer, während größere Posten sich kaum verteuerten und manches sogar günstiger wurde.
Nostalgie mit Ablauffrist
Doch nicht bei jedem Produkt wird umgerechnet, wie Psychologe Gebert herausfand. « Bei Rauchern habe ich festgestellt: Die wollen gar nicht wahrhaben, wie teuer ihr Rauchen ist. Die rechnen auch nicht mehr um.» Kognitive Dissonanz nenne das der Fachmann. «Beim Bier ist das auch so. Das schmeckt mir einfach so gut, dass ich mir nicht vorrechne, dass es teurer geworden ist.»Der Bankenverband sieht bei der Verherrlichung der Mark vor allem Nostalgie im Spiel: «Für viele Menschen steht die D-Mark sinnbildlich für den wirtschaftlichen Aufschwung der Nachkriegszeit und die stabile Währung schlechthin», begründet der Geschäftsführende BdB-Vorstand Manfred Weber. Damit dürfte das Umrechnen aber ein Phänomen mit Ablaufdatum sein. «Ich glaube, dass das eine Generationenfrage ist», sagt Haase. Sein Kollege Gebert stimmt zu: Das Umrechnen werde erst dann zu Ende gehen, wenn die heute 40-Jährigen gestorben sind. «Also bis 2060.» Oder spätestens um 2090 herum: Dann sind die im Euro-Jahr 2002 Geborenen Greise, die nie die D-Mark in der Hand hielten.
Für das Web ediert von Matthias Breitinger |