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Tagesthema Ölkrise: 

Preisanstieg – eine Frage von Henne und Ei

12. Jun 2008 09:59
Pferdekopfpumpen auf einem Ölfeld in Kalifornien
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Ohne die bösen Spekulanten könnte Öl viel billiger sein, wettern viele, die meinen, den Sündenbock ausgemacht zu haben. Andere halten den derzeitigen Preis dagegen für angemessen. Matthias Breitinger stellt die Argumente vor.

Vor einem Jahr lag der Ölpreis pro Barrel (159 Liter) bei etwa 70 Dollar – nun muss man mehr als 130 Dollar hinblättern: eine annähernde Verdopplung binnen zwölf Monaten. Und die nächste Zielmarke nach oben ist auch schon im Blick: 150 Dollar könnten es im Sommer noch werden, schätzen manche Marktanalysten. In den kommenden Jahren könnte der Preis auf mehr als 200 Dollar steigen. Pessimisten wie Gasprom-Chef Alexej Miller halten gar 250 Dollar für realistisch.

Viele haben den Schuldigen schnell ausgemacht: Böse Spekulanten haben den Preis auf völlig überhöhte Niveaus getrieben. Am Ölmarkt sei eine gewaltige Blase entstanden, die irgendwann einmal platzen müsse. Diese These vertritt etwa der berühmte US-Investor George Soros, der zwar nicht allein den Spekulanten die Schuld am gewaltigen Ölpreisanstieg geben will, aber meint, der Rohölmarkt sei in erheblichem Maß durch Spekulation aufgebläht.

Der Ölpreis durchlaufe derzeit die letzte Phase einer spekulativen Blase, zitierte das «Handelsblatt» kürzlich einen Trader. Seit dem Überwinden der 100-Dollar-Marke seien viele unerfahrene Anleger auf den Ölmarkt gedrängt, die meinten, der Markt kenne nur eine Richtung. «Es steckt viel dummes Geld im Öl», meinte ein Händler. Jetzt fehle nur noch der Auslöser, um die Blase zu platzen zu bringen. Der Rohstoffanalyst der Commerzbank, Eugen Weinberg, erwartet eine «scharfe Korrektur unter 100 Dollar», allerdings erst in ein paar Monaten. Aus der SPD kommen derweil Rufe, Spekulation mit Öl zu verbieten.

Intransparenter Markt

Die Energieexpertin des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claudia Kemfert, hält Spekulanten zumindest für einen Teil des Ölpreisanstiegs für verantwortlich. «Spekulation spielt mit Sicherheit eine Rolle», sagte sie der Netzeitung. Anleger schichteten derzeit zunehmend in Rohstoffe um, «weil es eher als sichere Anlage gilt als beispielsweise Immobilienfonds».

Wie groß der spekulative Anteil am Ölpreis ist, lasse sich aber nicht beziffern, meint Kemfert. Dazu sei der Ölmarkt inzwischen zu «undurchsichtig». Enorm dürfte der Anteil aber nicht sein: «Es gibt keine riesige Blase, bei deren Platzen der Ölpreis wieder auf 50 Dollar pro Barrel fallen würde», ist die DIW-Expertin überzeugt. Der Ölmarkt sei tatsächlich angespannt.

Andere stehen der Blasen-Theorie derweil völlig ablehnend gegenüber. Etwa der bekannte US-Ökonom Paul Krugman, der in der «New York Times» die Existenz der Blase schlichtweg bestreitet. Seine Argumentation: Von ihr war schon im Herbst 2004 bei einem Preis von 50 Dollar je Barrel die Rede, also müsste der Preis schon lange zu hoch sein. Auf diesem Niveau ließe sich der Preis aber nur halten, wenn das angekaufte Öl dem Markt vorenthalten, also gehamstert werde. Das sei derzeit aber nicht der Fall, die Lagerbestände hätten normale Stände beibehalten.

Endlose Zahl an «paper barrels»

Krugmans Schlussfolgerung: Es stecken keine außer Rand und Band geratenen Spekulanten hinter dem kräftigen Ölpreisanstieg. Mit dieser Einschätzung steht der Ökonom nicht allein. «Spekulation ist nicht der entscheidende Faktor», kommentierte auch James Newsome, der Vorstandschef der New Yorker Rohstoffbörse Nymex.

Auch der Chefvolkswirt der Nymex-Aufsichtsbehörde CFTC, Jeffrey Harris, sieht darin keinen Grund für den Ölpreisanstieg, wie das britische Wirtschaftsmagazin «Economist» berichtet – auch wenn Harris einräumt, dass die Zahl der Transaktionen mit Öl-Futures an der Nymex sich seit 2004 fast verdreifacht hat. Harris' Erläuterung erinnert an die Frage nach der Henne und dem Ei: Der Preisanstieg könnte eher zunehmendes Investment angeregt haben als andersherum. Bei anderen Rohstoffen lasse sich der vermutete Kausalzusammenhang schließlich auch nicht belegen.

Harris argumentiert wie Krugman: Die Spekulanten sind an einer tatsächlichen Öllieferung gar nicht interessiert. Faktisch kaufen sie an der Nymex auch kein Öl, sondern Verträge zur Lieferung zu einem späteren Zeitpunkt. Rückt dieser näher, verkaufen sie den Terminkontrakt an jemanden, der das Rohöl tatsächlich braucht, also an Raffinerien. Die Zahl der «Wetten» auf die Preisentwicklung habe aber keinen Einfluss auf die verfügbare Ölmenge.

Oder, wie Harris es ausdrückt: «Die Zahl der 'paper barrels', die ge- und verkauft werden können, ist grenzenlos.» Deshalb stimmt seiner Ansicht nach auch der Vergleich mit der New-Economy-Blase der 1990er Jahre, der immer gern zur Hand ist, nicht. Dort sei die Zahl der verfügbaren Aktien begrenzt gewesen. In die Reihe derer, die Zweifel an der Ölblase hegen, reiht sich auch der texanische Ölinvestor Boone Pickens. «Es gibt keine Blase», sagte der 80-jährige Milliardär dem US-Wirtschaftsnachrichtensender CNBC.

Förderung «am Anschlag»

Krugman, Harris, Pickens und auch Kemfert haben eine andere schlichte Erklärung für den hohen – und laut Pickens völlig realistischen – Ölpreis: eine hohe und steigende globale Nachfrage bei stagnierendem Angebot. Laut Kemfert werden derzeit etwa 87 Millionen Barrel am Tag produziert und ebenso viel Öl nachgefragt. Allerdings förderten die Hersteller «am Anschlag», so dass kein Spielraum mehr für eine kurzfristige Ausweitung in Zeiten höherer Nachfrage bleibe. Pickens sieht sogar ein Lücke: Die Nachfrage liege täglich zwei Millionen Barrel über dem Angebot. Aus dieser Diskrepanz ergebe sich zwangsläufig ein höherer Preis.

Genauso sieht es Krugman: Schuld am Preisanstieg seien fundamentale Faktoren wie der anschnellende Verbrauch in Schwellenländern wie China und die zugleich wachsende Schwierigkeit, neue Ölvorkommen aufzutun. Damit sei aber nicht gesagt, dass der Ölpreis nicht auch wieder sinken könne, schiebt Krugman hinterher. Gerade der derzeit hohe Preis könne dämpfend auf die Nachfrage wirken – und damit den Preis zeitweise auch wieder unter 100 Dollar drücken, meint der Ökonom. Der Ölverbrauch in den westlichen Industrieländern ist ohnehin rückläufig, und in den anderen Ländern hat sich der Verbrauchsanstieg etwas abgeflacht.

Pickens ist pessimistisch: Nur eine weltweite Rezession könne den Ölpreisanstieg umkehren, meint der milliardenschwere Investor. Doch auf lange Sicht hat Krugman ein anderes Szenario parat: Energiesparen dürfte die Nachfrage spürbar drosseln und sich damit auf den Preis fürs schwarze Gold auswirken. Krugman rät seinen amerikanischen Landsleuten, mal über den Atlantik zu schauen: «Frankreich konsumiert pro Kopf halb so viel Öl wie die USA – aber als ich das letzte Mal dort war, war Paris keine heulende Ödnis.»

 
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