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Tagesthema Öl: 

«Ölpreis wird nicht wieder auf 50 Dollar fallen»

12. Jun 2008 10:01
Claudia Kemfert
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Wer seinen Ölverbrauch auch künftig nicht drosseln will, hört die Rufe mit Freude: Der Preis ist wegen Spekulation völlig überhöht. Unsinn, erwidern die Gegner: Der Ölpreis ist völlig realistisch und spiegelt die wachsende Knappheit. Die Netzeitung fragte Energieexpertin Kemfert, wer recht hat.

Netzeitung: Frau Kemfert, angesichts eines Ölpreises von über 130 Dollar geraten Ölspekulanten unter Beschuss. Andere bestreiten, dass der kräftige Preisanstieg überhaupt daran liegt. Was stimmt?

Claudia Kemfert: Die Wahrheit liegt vermutlich in der Mitte. Spekulation spielt mit Sicherheit eine Rolle. Das liegt zum einen am sehr schwachen Dollar. Zum anderen führt die US-Krise dazu, dass Anleger zunehmend umschichten und in Rohstoffe investieren, also auch in Öl, weil es eher als sicherer Anlage gilt als beispielsweise Immobilienfonds. Wenn man das schon als Spekulation definiert, ist das ganz gewiss ein nicht unerheblicher Anteil, der dazu führt, dass der Preis steigt.

Es wäre aber falsch, die Preissprünge beim Öl ausschließlich auf Spekulation zurückzuführen. Es gibt keine riesige Blase, bei deren Platzen der Ölpreis wieder auf 50 Dollar pro Barrel fallen würde. Das wird mit Sicherheit nicht der Fall sein. Man muss deutlich sagen: Der Ölmarkt ist angespannt, es gibt eine hohe Nachfrage. Derzeit werden pro Tag etwa 87 Millionen Barrel produziert und ungefähr ebenso viel Öl pro Tag nachgefragt.

Netzeitung: Das heißt aber, Angebot und Nachfrage stehen im Gleichgewicht, von Knappheit kann keine Rede sein.

Kemfert: Nein, eine rein physische Knappheit gibt es nicht. Allerdings kannte man die heutige Situation früher nicht. Da gab es immer Öl im Überfluss, weshalb der Preis recht niedrig war. Jetzt wird dagegen am Anschlag produziert, und genau diese Menge wird nachgefragt. Deshalb treibt schon dieses Gleichgewicht die Sorgenfalten ins Gesicht, denn in Spitzen-Nachfragezeiten gibt es keinen Spielraum mehr für eine kurzfristige Mengenausweitung. Das treibt den Preis.

Außerdem muss in politisch schwierigen Ländern und in unwegsamen Gebieten investiert werden, etwa Ölbohrungen im Meeresboden vor Brasilien oder im russischen Permafrostboden. Das sind sehr kostspielige Investitionen. Sie lohnen sich zwar bei einem hohen Ölpreis, aber noch herrscht Unsicherheit darüber, wer, wo und zu welchem Zeitpunkt investiert. Diese Unsicherheit steckt momentan als Risikoaufschlag im Preis.

Die Internationale Energieagentur hat kürzlich deutlich gemacht, dass sie sich zu optimistisch zur Angebotsausweitung geäußert habe. Das Ziel war ja, bis 2020 die tägliche Produktion von 87 Millionen Barrel auf 100 Millionen zu erhöhen. Dass jetzt sogar die IEA selbst einräumt, sie sei zu optimistisch gewesen, ist ein Quantensprung und trägt zu der Preisentwicklung bei.

Netzeitung: Lässt sich der spekulative Anteil am Ölpreis beziffern?

Kemfert: Nein, der Ölmarkt ist dazu nicht transparent genug. Das ist auch eines der Probleme. In der Vergangenheit sind wir davon ausgegangen, dass Spekulation etwa 20 Prozent des Preises ausmacht. Mittlerweile ist es so undurchsichtig – gerade bei den letzten Preissprüngen – dass man nicht bewerten kann, wie hoch der Anteil tatsächlich ist.

Netzeitung: Man kann also auch nicht sagen, wie hoch der fundamental gerechtfertigte Preis wäre?

Kemfert: Auf Basis der Fundamentaldaten würde ich tendenziell einen gerechtfertigten Preis von etwa 100 Dollar je Barrel sehen – bei einem normalen Wechselkurs, muss man dazu sagen. Beim aktuell starken Euro kostet ein Barrel derzeit knapp unter 100 Euro. Diese Größenordnung hätte ich für diesen Zeitraum auch erwartet. Aber immer wenn der Dollar schwach ist, gibt es eine Preisrally nach oben, damit die Einnahmeausfälle nicht so hoch sind.

Claudia Kemfert leitet seit April 2004 die Abteilung Energie/Verkehr/Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Die Professorin lehrt zugleich an der Humboldt-Universität und berät außerdem EU-Präsident José Manuel Barroso bei Energiefragen. Mit ihr sprach Matthias Breitinger.

 
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