Netzeitung Logo

 
DruckenVersenden
 

Tagesthema Welternährung: 

Agrarmarkt ist nicht mehr «Rudis Reste Rampe»

03. Jun 2008 13:13
Hohe Lebensmittelpreise führten in Indonesien zur Rationierung von Reis
Bild vergrößern
Lange haben sie sich abgeschottet, um die eigenen Bauern glücklich zu machen. Jetzt müssen die Industrieländer umdenken, denn der globalisierte Markt für Nahrungsmittel hat für Subventionen kein Verständnis. Bettina Meier beleuchtet die Hintergründe der jüngsten Ernährungskrise.

Manfred Schöpe ist einer, der den Dingen auf den Grund geht. Der Agrarexperte vom Institut für Wirtschaftsforschung in München gibt sich mit eindimensionalen Erklärungen nicht zufrieden. Skeptisch blickt er deshalb dieser Tage nach Rom, wo die Welternährungsorganisation der Uno Regierungschefs aus 40 Ländern zusammengetrommelt hat, um Strategien gegen den Hunger zu entwickeln. «Da stehen dann Biosprit und hoher Ölpreis im Fokus», sagt Schöpe, «dabei ist der schlimmste Preistreiber bei den Nahrungsmitteln ganz woanders zu suchen.»

Vor allem Spekulationsgeschäfte an den weltweiten Terminbörsen seien für die Preisexplosion verantwortlich. «Spekulanten kaufen Nahrungsmittel ein, wenn der Preis niedrig ist. Dann reagiert die Börse auf die künstliche Nachfrage, und die Preise steigen.» Um einen höheren Verkaufspreis zu kassieren, würden die Spekulanten ihre Waren dann schnell wieder verkaufen. «So treiben Geschäftsleute den Preis für Nahrungsmittel hoch, obwohl sie gar nicht an den Lebensmitteln interessiert sind», wettert Schöpe.

Spekulation führt zu einer Kettenreaktion der Preise

Das Fatale daran: Spekulationen können Kettenreaktionen auslösen. Wenn immer mehr Investoren Nahrungsmittel kaufen, um sie dann schnell wieder zu verkaufen, droht eine Preisspirale. Wenn diese Spekulationsgeschäfte in großem Umfang ablaufen, kommt es laut Schöpe zu einem aufschaukelnden Effekt.

Schöpe ist gleichwohl klar, dass eine Spkeulationsblase nur entstehen kann, wenn Faktoren wie Knappheit oder hohe Nachfrage das Investitionsklima ohnehin bestimmen: «Spekulanten investieren immer dann, wenn sie Preisveränderungen erwarten, und dafür braucht es reale Ursachen.»

Die liegen freilich auf der Hand: Verantwortlich für die derzeitige Situation am Weltnahrungsmarkt ist die Agrarmarktpolitik der Industrieländer, die sich in der Vergangenheit immer mehr vom Weltmarkt abgeschottet haben. Mit Subventionen haben sich die Industrienationen vor Preisschwankungen geschützt - um ihren eigenen Agrarunternehmen die komfortable Existenz zu sichern. «Vor der Öffnung vieler Binnenmärkte war der Weltmarkt gar kein Weltmarkt, sondern so etwas wie Rudis Reste Rampe«, sagt Schöpe. »Dort wurden alle Überschüsse aus Agrarmärkten wie der EU subventioniert abgesetzt.» So war importierter Reis für Entwicklungsländer lange billiger als der auf den eigenen Feldern.


Entwicklungsministerin Wieczorek-Zeul (SPD) zur Ernährungskonferenz (s. Kasten)

Bei den niedrigen Preisen hatten diese Länder keinen Anreiz, eine eigene tragfähige Landwirtschaft zur Selbstversorgung aufzubauen. Nachdem viele Industrieländer ihre Marktbarrieren verringert haben, sind bei wichtigen Grundnahrungsmitteln die Preise auf Weltmarktniveau gestiegen. Vor allem die arme Bevölkerung in großen Städten kann sich die teureren Güter nicht mehr leisten. Sie sind der Landwirtschaft längst entfremdet und bauen auch nicht mehr selbst an. «Mit der Subvention hat man ihre Märkte kaputtgemacht und eine landwirtschaftliche Entwicklung verhindert», so Schöpe.

Agrarfonds sollen Selbstversorgern helfen

Um das Selbstversorgerproblem anzugehen, will die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nun zusätzliche Gelder bereitstellen, die «bei den Menschen auf dem Land tatsächlich ankommen und für Saatgut, Düngemittel und Bewässerungssysteme verwendet werden müssen», sagt OECD-Generalsekretär Hans-Joachim Preuß.

Auch eine Idee des UN-Sonderbeauftragten Jeffrey Sachs könnte helfen, Nahrungsmittel langfristig für ärmere Völker erschwinglich zu machen. Sachs will wenig Geld so einsetzen, dass Kleinbauern sich mit Kleinstinvestitionen eine Selbstversorgung leisten können. «Mit zehn US-Dollar pro Bewohner eines Industriestaats ließe sich das Hungerproblem lösen», glaubt Sachs. Rund zehn Milliarden Dollar würden dann jährlich in einen globalen Fonds fließen, mit dem Kleinbauern Saatgut, Bewässerungssysteme und Dünger kaufen können. Dabei sollen Regierungsbehörden, bei denen Geld verloren gehen kann, umgangen werden. Sachs hofft, dass schon nach zwei bis drei Jahren aus Zuschüssen Darlehen werden, die Farmer aus ihren Erlösen zurückzahlen.

Dass die Frage der Organisation lösbar ist, hat Sachs vor sechs Jahren selbst gezeigt: Sein globaler Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria gilt als Vorzeigemodell. Gut zwei Drittel der globalen Malaria- und ein Fünftel der Aids-Programme finanzieren sich heute daraus.

Auch Agrarexperte Schöpe unterstützt die Fonds mit Darlehensfunktion: «Gute Lösungen sind ansteckend. Agrarfonds versetzen die Menschen in die Lage, eine nennenswerte Produktion zu Stande zu bringen.» Einziges Problem sei der Aufbau einer Organisationsstruktur vor Ort, um die Darlehen zu managen.

 
Drucken
VersendenSocial Bookmark Mister Wong Yigg Google del.icio.us Oneview Webnews
 
Zu weiteren Bildergalerien
Zu weiteren Bildergalerien
 
Wirtschaftssysteme rund um den Globus: 
Die Varianten des Kapitalismus
Erwartungen an den Weltfinanzgipfel: 
Große Runde, kleiner gemeinsamer Nenner
Live Top 5
netzeitung.de auf Ihrer iGoogle-Seite
Sie müssen JavaScript aktiviert und Flash 8 installiert haben, um diese Seite in vollem Umfang nutzen zu können.
Immobiliensuche
Immobilien
immonet
Aus anderen Ressorts

Geschäftsführer: Dr. Robert Daubner | Chefredakteurin: Domenika Ahlrichs | Impressum | Datenschutz
NZ Netzeitung GmbH · Karl-Liebknecht-Str. 29 · 10178 Berlin · Tel.: 030 23 27 6840 · Fax: 030 23 27 6874
Alle Rechte © 2008 NZ Netzeitung GmbH
 
Vermarktung: DZH Online Media Sales Group GmbH
 
IT & Security by Procado
 
[ai:ti]-Quotes&Charts: IT Future AG
Quellen der Börsendaten: IT Future AG, Standard&Poor's Comstock Inc. und weitere.