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Deutsches Wehklagen: 

Kein Grund zu Trübsal, die EM kommt!

21. Mai 2008 13:44
Ist das Glas halbvoll oder halbleer?
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Die Deutschen gelten bekanntlich als Weltmeister im Jammern - selbst wenn, wie derzeit, die ökonomischen Daten ein positives Bild zeichnen. Da ist es gut, dass die EM vor der Tür steht, findet Matthias Breitinger.

In 18 Tagen beginnt die Fußball-EM – Sommermärchen Teil zwei kann beginnen. Je näher das Turnier rückt, desto besser drauf sind die Deutschen offensichtlich wieder. Wir erinnern uns: Vor zwei Jahren war Trübsalblasen plötzlich out, die gesamte Republik versank mit einem Mal in einem schwarz-rot-goldnen Meer allerbester Laune. Die Arbeitslosigkeit schien für ein paar Wochen ebenso vergessen wie Stellenabbau oder die Abwanderung von Fabriken an Billigstandorte. Die Erfolge der deutschen Elf standen im Mittelpunkt, Deutschland war guter Stimmung.

Danach kehrte aber die Angst vor Jobverlust zurück, das deutsche Glas war wieder halbleer statt halbvoll. Die Turbulenzen am Finanzmarkt und ihre Folgen drückten ebenso aufs Gemüt wie die Ankündigung großer Konzerne, massiv Stellen zu streichen. Dass sich das Wirtschaftswachstum durchaus sehen lassen kann – im ersten Quartal 2008 beschleunigte sich der Zuwachs auf 1,5 Prozent zum Vorquartal – wird vergessen. Dass die Arbeitslosenzahl auf 3,4 Millionen gesunken ist und in diesem Jahr vielleicht die Drei-Millionen-Marke unterschreitet, wird ausgeblendet.

Weltmeister im Jammern

Dass die Deutschen einen Hang zur Wehleidigkeit haben, ist ein bekannter Gemeinplatz. Schon vor einiger Zeit kritisierte Altkanzler Schmidt, die Deutschen jammerten zu viel. Sogar Deutsche-Bank-Chefvolkswirt Norbert Walter stellte vor einem Dreivierteljahr im Fachblatt «Bild der Frau» fest: «Im Wehklagen sind wir Deutschen spitze». Doch immerhin hat sich die Stimmung im Lande wieder etwas gebessert: Das so genannte Konsumklima, das das Marktforschungsinstitut GfK monatlich misst, lag im Mai bei 5,9 Punkten nach 4,8 Punkten im Vormonat – der erste kräftige Zuwachs seit Sommer 2007, was die GfK-Experten mit dem Aufschwung am Arbeitsmarkt und «guten Tarifabschlüssen» begründeten.

Die von der GfK ebenfalls ermittelte Konsumneigung besserte sich zwar, hat aber immer noch ein unterdurchschnittliches Niveau. Die Kaufzurückhaltung wird offensichtlich nur vorsichtig aufgegeben. Überspitzt gesagt: Die Elektronikmärkte sind kurz vor dem ersten Anpfiff in Basel voller Flachbildschirme, die mit Bezug zur EM beworben werden, doch der Kaufentschluss fällt schwer.

Nun wäre es sicherlich vermessen, die Augen vor den Problemen zu verschließen, die es hierzulande gibt. Dem einzelnen niedrig qualifizierten Langzeitarbeitslosen, der trotz aller Sucherei noch immer keine neue Stelle gefunden hat, nützt es wenig, wenn er der Zeitung entnehmen kann, dass die Arbeitslosenrate auf 8,1 Prozent gesunken ist. Wer schon seit Jahren vergeblich auf eine Lohnerhöhung wartet oder zusehen muss, wie sein geringer Gehaltsanstieg vom Preisauftrieb aufgefressen wird, wird kaum in Jubel über den Aufschwung ausbrechen. Und der am Montag vorgestellte Armutsbericht der Bundesregierung sorgte erneut für Betroffenheit.

Halbvolles Glas

Doch zu Jammerei, zumal in ihrer deutschen Ausprägung des weinerlichen Selbstmitleids, besteht gesamtgesellschaftlich wenig Grund. Die deutsche Wirtschaft hat es bisher gut vermocht, sich die negativen Folgen der US-Finanzkrise vom Hals zu halten. Ökonomen rechnen mit einem Wachstum in diesem Jahr von 1,6 bis 2,0 Prozent. Vor allem klassische Branchen boomen: Der deutsche Maschinenbau jubelt über die sehr gute Auftragslage. Volkswagen, BMW und Daimler erfreuen sich guter Absatzzahlen.

Ja, aber der Armutsbericht...? Er kann auch als Beleg dafür gelesen werden, dass der deutsche Sozialstaat funktioniert – zumindest ebenso gut wie der in Skandinavien. Fakt ist: 13 Prozent der Bevölkerung lebt hierzulande in Armut, 26 Prozent wären arm ohne staatliche Hilfen. Transferleistungen wie Wohngeld oder Grundsicherung reduzieren also das Armutsrisiko um 50 Prozent. Diese Quote liegt nur wenig niedriger als in den Vorbildern im Norden. So vermindert der Sozialstaat in Schweden die Armut um 59 Prozent, in Finnland um 55 Prozent. Ohne Vater Staat wären dort 29 Prozent arm. Das bedeutet aber nichts anderes als: Deutschland steht ähnlich gut da wie die Musterländer Nordeuropas.

Kurzum: Deutschland ist sicherlich kein Schlaraffenland, aber es muss seine Lage nicht unnötig schlechtreden und Tag für Tag in weinerliches Wehklagen ob der angeblich so miserablen Situation ausbrechen. Nun gut, davon wird man in ein paar Wochen wohl sowieso erst einmal etwas Ruhe haben. Sobald am 8. Juni die deutsche Nationalelf zu ihrem ersten EM-Spiel gegen Polen ins Klagenfurter Wörthersee-Stadion einläuft.

 
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