01.04.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Ein Exil-Tibeter demonstriert in Hannover gegen das VW-Engagement bei Olympia in Peking.
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Die Olympia-Sponsoren schweigen zum Vorgehen Pekings in Tibet. Die Angst vor wirtschaftlichem Schaden im asiatischen Wirtschaftswunderland wiegt schwerer als die Bedenken kritischer Kunden zuhause, berichtet Matthias Breitinger .
Schweigen im Walde: Wer die Websites von Volkswagen, Adidas, Coca-Cola oder McDonald's nach Äußerungen der Olympia-Sponsoren zu dem blutigen Vorgehen der chinesischen Führung gegen protestierende Mönche in Tibet durchstöbert, sucht vergebens. Die aktuellste olympiabezogene Pressemitteilung von VW stammt vom 12. März und verkündet, der Konzern stelle «als exklusiver Automobil-Partner» dem Organisationskomitee rund 6000 Fahrzeuge zur Verfügung aktuell für den Fackellauf, der am Montag in Peking offiziell gestartet wurde. Auch von Adidas, dem offiziellen Sportswear-Partner der Olympischen Spiele, nichts zu Tibet: Die jüngste Olympia-Mitteilung von Ende November 2007 weist lediglich auf die Kampagne «Together in 2008, Impossible is Nothing» hin.
Für die Konzerne wie für die Olympia-Organisatoren sind die Spiele ein Milliardengeschäft. Branchenexperten schätzen, dass allein die zwölf Konzerne, die sich jetzt als so genannte Worldwide Olympic Partners präsentieren dürfen, mindestens je 100 Millionen Dollar hingeblättert haben. Deutsche Unternehmen gehören nicht dazu, Adidas und VW zählen zum Kreis der «Beijing 2008 Partners», gewissermaßen zu den Sponsoren in der zweiten Reihe, die nur begrenzt mit den olympischen Ringen werben dürfen. Als drittes deutsches Unternehmen ist Schenker dabei, die Logistiktochter der Bahn.
Auch wenn es keine offiziellen Presseerklärungen der Konzerne gibt: Sorgen um ihr Image machen sie sich dennoch, wenn im Umfeld des Fackellaufs und während der Wettkämpfe die Negativberichterstattung über China anhält und so ein Schatten auf die Spiele fällt und womöglich auf die engagierten Unternehmen. Sponsoren hätten deshalb PR-Spezialisten um Rat gefragt, zitierte die Nachrichtenagentur AP einen Fachmann, der angesichts der heiklen Sache anonym bleiben wollte. Eine ebenfalls nicht namentlich genannte Mitarbeiterin des Organisationskomitees der Spiele sagte, Sponsoren hätten vertrauliche Gespräche mit der für sie zuständigen Abteilung geführt, um kritische Angelegenheiten und mögliche negative Auswirkungen auf die Unternehmen zu besprechen.
Blick führt von Darfur nach TibetDazu zählte schon vor den blutigen Protesten in Tibet die Darfur-Frage: China hält vor allem wegen Öllieferungen gute Beziehungen zur sudanesischen Regierung, der eine Mitschuld an den Verbrechen im Darfur-Konflikt gegeben wird. Deshalb hatten Bürgerrechtsgruppen die chinesische Führung aufgefordert, sich stärker für eine Lösung des Konflikts zu engagieren. Darfur-Aktivisten gingen im vergangenen Jahr bereits soweit, die Olympischen Spiele als «Völkermordspiele» zu brandmarken.
Mit den Protesten in Lhasa ist indes die Rolle Chinas in Tibet stärker in den Fokus gerückt. Und das sorgt bei den Sponsoren für Nervosität. «Wir beobachten die Situation genau», heißt es etwa beim Getränkehersteller Coca-Cola, der zu den drei Fackellauf-Sponsoren zählt. Der Lauf führt durch 20 Länder auf fünf Kontinenten auch durch Tibet , und die untereinander gut vernetzten Pro-Tibet-Gruppen haben Proteste entlang der Route angekündigt. Der Cola-Konzern hält es aber für «unangemessen», den Fackellauf für politischen Druck auf Peking zu gebrauchen.
Und die deutschen Sponsoren? Hier fällt der Blick mit dem Start des olympischen Fackellaufs vor allem auf Volkswagen, der die Fahrzeuge stellt, die den sogenannten Lauf der Harmonie im Mai quer durch alle Teile Chinas begleiten. Die Gesellschaft für bedrohte Völker forderte den Wolfsburger Autokonzern auf, den Fackellauf durch Tibet nicht zu unterstützen. «Wir bitten Sie eindringlich darum, dafür zu sorgen, dass VW sich nicht für Pekings Propaganda missbrauchen lässt», appellierte die Menschenrechtsorganisation an den niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU), der im VW-Aufsichtsrat sitzt.
Produktionsstandort und AbsatzmarktAuch die International Campaign for Tibet (ICT) rief Volkswagen dazu auf, das Sponsoring am Fackellauf zu stoppen. «Es muss im Interesse Volkswagens sein, in Deutschland als verantwortliches Unternehmen wahrgenommen zu werden», sagte ICT-Geschäftsführer Kai Müller. Der Autokonzern könne damit aktiv dem Eindruck entgegenwirken, er ordne die Frage von Frieden und Menschenrechten wirtschaftlichen Interessen unter.
Volkswagen hält dennoch am Sponsoring fest: Die Verträge seien geschlossen, sagte ein Konzernsprecher. Das Unternehmen beobachte die Situation zwar mit Sorge, es sei aber Aufgabe der Politik, die Probleme vor Ort zu lösen. Ähnliches hört man von Adidas. Immerhin, VW macht offen klar, worum es dem Konzern bei seinem Engagement in erster Linie geht: «Das nationale Hauptsponsoring ist für den Volkswagen-Konzern ein wichtiger strategischer Baustein hinsichtlich eines erfolgreichen Engagements auf dem wichtigsten asiatischen Automobilmarkt», heißt es am Ende der Pressemitteilung zum Olympia-Sponsoring.
Denn es sind freilich handfeste wirtschaftliche Interessen in China, für die Sponsoren Millionenbeträge gezahlt haben. Der aufstrebende Schwellenstaat ist für VW nach Deutschland der zweitwichtigste Absatzmarkt. Im vergangenen Jahr wurden dort rund 900.000 Fahrzeuge verkauft, dieses Jahr sollen es mehr als eine Million werden. Auch für Adidas ist China ein wichtiger Markt. Zudem lassen beide deutsche Unternehmen in der Volksrepublik fertigen. Da will man es sich mit den zuständigen Behörden nicht durch allzu offene Kritik verscherzen, wie Marketingberater einräumen.
Folgen für Absatz unklarAber müssen die Konzerne dann im Westen Absatzprobleme fürchten, weil China-kritische Konsumenten ihre Waren boykottieren? Darin sind Experten uneins. Manche bezweifeln, dass die Proteste der Pro-Tibet-Aktivisten sich auf Umsätze niederschlagen. Andere wie Robert Kapp, der frühere Präsident des amerikanisch-chinesischen Wirtschaftsrats, halten es dagegen für möglich, dass angesichts eines großen Zorns bei US-Bürgern, die sich sehr für Menschenrechtsfragen interessieren, manche Unternehmen ihr Olympia-Engagement infrage stellen.
Oder sie haben bereits mit einer Doppelstrategie vorgesorgt: Einerseits spricht man mit den Aktivisten sowohl Coca-Cola als auch der koreanische Sponsor Samsung stehen nach eigenen Angaben in Gesprächen mit Bürgerrechtsgruppen, ohne dabei explizit Kritik an Peking zu üben. Andererseits versuchen die Unternehmen mit dem Hinweis auf andere wohltätige Arbeit den Vorwürfen zu begegnen. So verweist Coca-Cola auf eigene Umweltschutz-Initiativen im Umfeld des Fackellaufs, und General Electric betont sein Engagement für sauberes Wasser in China. Adidas wiederum hebt hervor, das Unternehmen konzentriere sich auf faire Arbeits- und verträgliche Umweltbedingungen in den Fabriken, die in China für Adidas produzieren.
Dennoch bleibt der Druck auf die Sponsoren: Am Dienstag erneuerte Grünen-Politiker Jürgen Trittin bei einem Besuch in Peking seine Forderung an die Unternehmen, klarer Position zu beziehen und auf chinesische Verantwortliche einzuwirken. Sponsoren wie zum Beispiel Volkswagen «müssten ihrer Verantwortung gerecht werden», was für die gesamte in China tätige deutsche Wirtschaft gelte. Die Sponsoren zeigen sich von solchen Ermahnungen allerdings unbeeindruckt - noch.