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Proteste und erste Entlassungen bei Nokia

19. Jan 2008 16:59
Entsetzen und Trauer herrschen bei den Beschäftigten von Nokia
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Während sich die Politik noch empört, sind erste Zeitarbeitsverträge bei Nokia nicht verlängert worden. Am Dienstag wollen in Bochum Tausende gegen die Schließung des Werks demonstrieren.

Nach der angekündigten Schließung des Bochumer Nokia-Werks hat es erste Kündigungen für in der Produktion beschäftigte Mitarbeiter von Zeitarbeitsfirmen gegeben. Das bestätigte eine Sprecherin der Zeitarbeitsfirma Randstadt am Samstag in Eschborn bei Frankfurt am Main nach einem Bericht der «Westfälischen Rundschau». Dabei handele es sich bislang jedoch um Einzelfälle von Mitarbeitern, deren Verträge nach Auslaufen der Probezeit nicht verlängert worden seien, hieß es.

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Für die große Mehrheit der bei Nokia beschäftigten rund 550 Mitarbeiter von Randstadt werde derzeit nach einer Alternative gesucht. «Wir versuchen alles, um die Mitarbeiter in anderen Unternehmen unterzubringen», sagte die Sprecherin. Dabei werde auch geprüft, ob die Beschäftigten an anderen Orten als Bochum einsetzbar seien.

Auch bei der Zeitarbeitsfirma Adecco, die nach eigenen Angaben rund 500 Mitarbeiter in dem Nokia-Werk beschäftigt, stehen in den kommenden Tagen erste Kündigungen bevor. Damit werde Anfang kommender Woche gerechnet, sagte eine Unternehmenssprecherin am Samstag in Fulda. Auch Adecco werde jedoch alles unternehmen, um möglichst viele der Betroffenen in anderen Unternehmen unterzubringen.

Verweigerte Sonderschichten und Protest

Unterdessen bereitet sich Bochum auf eine der größten Kundgebungen in der Geschichte der Stadt vor. «Wir erwarten am kommenden Dienstag mindestens 20.000 Teilnehmer aus der ganzen Republik», sagte die Bochumer IG-Metall-Bevollmächtigte Ulrike Kleinebrahm am Samstag. «Bochum ist dann dicht», sagte Kleinebrahm. Zu den Rednern der geplanten Großkundgebung werde auch der IG-Metall-Vorsitzende Berthold Huber gehören. In dem Werk habe der Betriebsrat unterdessen für das Wochenende von dem Unternehmen geplante Sonderschichten abgelehnt. Die Produktion werde nun für 24 Stunden von Samstagabend 22 Uhr bis Sonntagabend 22 Uhr ruhen.

Barroso stellt EU-Hilfen in Aussicht

Die von Arbeitslosigkeit bedrohten Beschäftigten des Bochumer Nokia-Werks können zumindest auf EU-Hilfen hoffen. «Ich verstehe die Betroffenheit der Menschen in Bochum», sagte EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso der «Wirtschaftswoche». «Gerade weil wir auch um die Härten von Veränderungsprozessen wissen, stehen unser Sozial- und unser Globalisierungsfonds in Fällen zur Verfügung, in denen die Mitgliedstaaten solche Veränderungen nicht allein auffangen können.»

Dagegen berichtete die «Bild»-Zeitung unter Berufung auf Regierungs- und Kommissionskreise, die Bochumer Nokia-Beschäftigten könnten vorerst keine finanzielle Hilfe aus Brüssel erwarten. Die Bundesregierung könne kein Geld aus dem Globalisierungsfonds beantragen, weil die Werksverlagerung nach Rumänien innerhalb der EU passiere. EU-Hilfen seien, wenn überhaupt, nur über den Umweg der EU-Sozialfonds möglich.

Für Barroso trägt die europäische Förderpolitik keine Schuld an der Verlagerung der Bochumer Nokia-Produktion in den Osten. Dafür gebe es keine Förderung, sagte Barroso laut «Wirtschaftswoche». «Richtig ist, dass wir die Infrastruktur in wirtschaftlich weniger entwickelten oder benachteiligten Regionen fördern. Auch in Deutschland», sagte Barroso.

Nokia rechtfertigt sich

Nokia-Vorstand Juha Äkräs sagte der «Wirtschaftswoche», das Werk in Bochum sei schon recht alt, «wir hätten jetzt noch einmal investieren müssen». Da in Rumänien ohnehin neue Kapazitäten aufgebaut würden, habe man sich gegen weitere Investitionen in Deutschland entschieden. «Wir müssen sehen, wo es für uns am günstigsten ist», erklärte Äkräs. Dem Magazin «Focus» sagte er, in Rumänien arbeiteten die Menschen für ein Zehntel der deutschen Entgelte. «Selbst wenn sich die Löhne in den kommenden Jahren verdoppeln oder verdreifachen, lohnt sich das.»

Heftige Kritik am Konzern

Das Management des finnischen Konzerns stand auch am Wochenende weiter im Zentrum der Kritik. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) appellierte erneut an das Unternehmen, das Werk in Bochum zu erhalten. «Die Mitarbeiter sind bereit, Veränderungen zu tragen und Verzicht zu üben», sagte Rüttgers am Samstag beim Neujahrsempfang der nordrhein-westfälischen CDU in Düsseldorf. Sie hätten angeboten, ein Kostenniveau mitzuentwickeln, das mit den Produktionskosten von Nokia in Ungarn vergleichbar sei. «Wenn ein solches Angebot da ist, dann ist es eigentlich eine Selbstverständlichkeit, dass eine Unternehmensleitung ein solches Angebot annimmt», sagte Rüttgers unter dem Beifall von über 1000 Gästen.

Er äußerte scharfe Kritik an der mangelnden Verhandlungsbereitschaft des Unternehmens. Wer Gespräche über die Zukunft des Bochumer Standorts verweigere, «macht mehr, als dass er sich unanständig verhält», sagte Rüttgers. «Das ist jemand, der seinem eigenen Unternehmen einen Imageschaden zufügt, wie es sich die Herren wahrscheinlich vorher gar nicht überlegt haben.»

Heftige Kritik kam auch aus der Partei «Die Linke». Zu den ersten Entlassungen von Leiharbeitern sagte der Vorsitzende der Bundestagsfraktion, Oskar Lafontaine: «Es ist zutreffend, dass der Bundesfinanzminister Peer Steinbrück die angekündigte Verlagerung des Nokia-Werks Bochum ins Ausland als Karawanenkapitalismus bezeichnet hat. Jede Karawane braucht aber Kamele. Die ersten Entlassungen von Leiharbeitern zeigen, dass CDU/CSU, SPD, Grüne und FDP die Kamele des Karawanenkapitalismus sind.» Weiter meinte Lafontaine: «Durch ihr Gesetz, dass der Leiharbeit Tür und Tor geöffnet hat, tragen sie Verantwortung dafür, dass die etwa 1000 Leiharbeiterinnen und Leiharbeiter die ersten Opfer des Nokia-Vorstandes werden.» (NZ/dpa)

 
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