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Hauen und Stechen bei der Pin Group

19. Dez 2007 07:50, ergänzt 09:20
Pin-Briefträger
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Pin-Vorstand Thiel und der Springer-Verlag liegen bei den Rettungsversuchen für den Briefdienstleister Pin im Clinch. Tage vor Weihnachten hoffen und bangen tausende Mitarbeiter, berichtet Tilman Steffen.

Monika Elmer* sieht ihre Chancen auf einen festen Job sinken. Ihre Chefin hatte nur Lob für sie übrig, als die Mutter einer elfjährigen Tochter den letzten Tag ihres Praktikums in einer Duisburger Niederlassung von Pin Mail absolvierte. Die 37-jährige Erwerbslose hatte sich bei dem Briefdienstleister beworben und eine Woche auf Probe gearbeitet, in der grün-blauen Kluft der Pin-ler Briefe ausgetragen – unbezahlt, versichert über das Arbeitsamt, wo sie als Job suchend registriert ist.

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  • Doch ob sie künftig mit den Briefen auch Geld verdienen kann, machte Elmers' Chefin von der politischen Entscheidung über den Post-Mindestlohn abhängig. Er verpflichtet die Unternehmen ab 2008, pro Stunde 9 Euro im Osten und 9,80 Euro im Westen zu zahlen. Im Januar solle sie sich wieder melden, wurde Monika Elmer gesagt. «Wenn wir wieder einstellen, dann bist du die erste, die wir nehmen», habe ihre Vorgesetzte ihr versichert.

    Immer wenn sie daran vorbeikommt, erinnert Elmers das Pin-Verteilzentrum auf ihrer Straße an ihre Chance auf eine auskömmliche Existenz. Doch seit sich Pin-Mehrheitsgesellschafter Springer und der Chef der Pin-Group, Günter Thiel, öffentlich behaken, verschlechtern sich ihre Aussichten drastisch. Denn kommt es hart auf hart, erhalten die ersten der rund 11.000 Mitarbeiter der Pin Group zu Weihnachten die Kündigung.

    Die jüngste Eskalation löste Springer-Chef Mathias Döpfner aus. Just, als der Bundestag den für die Postbranche ausgehandelten Mindestlohn billigte, verkündete der Springer-Chef, seinem Unternehmen die Zuschüsse zu streichen. Die Investition in die Pin Group sei «seine bisher größte Niederlage» gewesen, sagte Döpfner. Er müsse 600 Millionen Euro abschreiben. «Das ist bitter.»

    Noch ein verbessertes Angebot

    Der Insolvenzverwalter war fast schon bestellt, da bot Pin-Chef Thiel an, Springer dessen 64-Prozent-Anteil an der Pin Group zum symbolischen Preis von einem Euro abzukaufen. Bis zu 50 Millionen Euro Privatkapital plante er zu investieren, um den Briefdienstleister auf eigene Rechnung weiterzubetreiben. Döpfner war das zuwenig, er errechnete einen Finanzbedarf von 300 Millionen.

    Thiels Gegner Döpfner
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    Zudem habe Thiel eine Reihe von inakzeptablen Zugeständnissen verlangt, darunter nahezu «kostenlose Logistikdienstleistungen» oder bezuschusste Werbung, beklagte das Verlagsmanagement am Dienstag. Auf derlei Wohltätigkeiten wollte sich Springer nicht verpflichten lassen und lehnte ab. Thiel trat nach dem Scheitern der Gespräche von seinem Vorstandsposten zurück. Das «kommunikative Verhalten» Springers, giftete er, habe «jeder geschäftsüblichen Praxis » entbehrt und einzig zum Ziel gehabt, die «Verhandlungen zu torpedieren».

    Thiel soll in der Sitzung am Dienstag «offenbar überraschend noch einmal ein verbessertes Angebot» gemacht haben, um Springer dazu zu bringen, seinen Anteil an Thiel zu übertragen, berichtete die «Süddeutsche Zeitung». Aus dem Umfeld der Gesellschafter erfuhr das Blatt, Thiel wolle den Verlag im Fall einer Übernahme bis 2018 und damit länger als bisher an möglichen Gewinnen und an Verkaufserlösen beteiligen.

    Außerdem habe Thiel dem Verlag ein Rückkaufsrecht für den Fall eingeräumt, dass bis Ende März doch noch ein Mindestlohn von maximal 7,50 Euro für Briefträger zu Stande käme. Zwar haben die Post-Konkurrenten bei der Bundesregierung kürzlich beantragt, ihren mit einer eigens dafür gegründeten Gewerkschaft ausgehandelten Mindestlohn für allgemeinverbindlich zu erklären. Doch dem steht die bereits erwähnte Verdienstuntergrenze entgegen, den die Post als Ex-Monopolist federführend aushandelte und den der Bundestag bereits beschloss.

    Nur einen Vorwand gesucht

    Was sich da bei dem Postkonkurrenten Pin Group tat, stärkt nun all diejenigen, die eine gesetzliche Lohnuntergrenze für die Branche von vornherein für gefährlich hielten. Vertreter der Union hatten sich gegen «Jobs vernichtende Löhne» gewandt, selbst dann noch, als die von CDU-Kanzlerin Angela Merkel angeführte Koalition den Mindestlohn für die Briefträger beschloss.

    Die Gegenseite argumentiert, Döpfner habe nun einen Vorwand gesucht, um die Pin Group abzustoßen, die durch den umfangreichen Zukauf klein- und mittelständischer Briefdienste in ungesundem Tempo gewachsen war. «Er versucht, das unternehmerisch Unangenehme mit dem politisch Nützlichen verbinden», heißt es bei der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi. Doch an der «Legende», dass der Mindestlohn die Pin Group stranguliert, «ist immer weniger dran», sagt Gewerkschaftssprecher Jan Jurczyk. Aus seiner Sicht schiebt Springer dies nur vor, um davon abzulenken, «dass es sich um Missmanagement handelt».

    Mit Tricks gegen den Mindestlohn

    Merkwürdig still verhalten sich die weiteren Gesellschafter der Pin Group, darunter die Verlage WAZ, Holtzbrinck, Madsack, und DuMont Schauberg. Gerade die ersten beiden hatten im Sommer Anteile an Springer verkauft und dem Verlag damit die Mehrheit an der Pin Group verschafft. Wohl ahnend, dass sich ihr Engagement in den Branchenneuling als nicht so profitabel herausstellen würde. Schiebt Döpfner seine Pin Group nur deshalb an den Rand der Insolvenz, um die Altgesellschafter zu neuen Kapitalspritzen zu bewegen?

    Um die Pin Group auf eigene Rechnung weiter betreiben zu können, wollte Vorstand Thiel künftig nicht mehr Brief-, sondern Zeitungsboten Briefe verteilen lassen. Die Austräger sollten Angestellte der Verlage sein, ihre Bezahlung somit vom Post-Mindestlohn unabhängig sein. In der Politik kam das nicht gut an: «Der Bundestag wird sich von einem Unternehmer, der mit Dumpinglöhnen Wettbewerb betreiben will, nicht auf der Nase herumtanzen lassen», schäumte SPD-Wirtschaftspolitiker Ludwig Stiegler.

    Auch bei Verdi stößt solches Gebaren naturgemäß auf Ablehnung. «Unternehmen, die auf einem Dumping-Lohn fußen, gehören nicht auf den Markt», sagt Sprecher Jurczyk. Selbst wenn nun tausende Jobs gefährdet sind. Verdi weiß von Pin-Boten, die weit weniger als sechs Euro Stundenlohn bekommen.

    Im zerklüfteten System der Pin Group ist es wahrlich schwierig, den Überblick über die Arbeitsbedingungen zu behalten. Denn Monika Elmer sind solche Dumpinglöhne fremd. Bei der Pin Mail in Duisburg, wo sie anzufangen hofft, würde sie 8,47 Euro verdienen, wie sie sagt.

    *Name geändert

     
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