netzeitung.deBetrugs-Ermittlungen gegen Göttinger Gruppe

 Herausgeber: netzeitung.de

Firmenschild am Sitz des Finanzkonzerns Göttinger Gruppe in Göttingen (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Firmenschild am Sitz des Finanzkonzerns Göttinger Gruppe in Göttingen
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Seit Jahren warnen Verbraucherschützer vor der Göttinger Gruppe. Jetzt ermitteln Staatsanwälte nicht mehr nur wegen Insolvenzverschleppung gegen den umstrittenen Finanzkonzern.

Die Staatsanwaltschaft Braunschweig hat gegen Verantwortliche des umstrittenen Finanzkonzerns Göttinger Gruppe Strafverfahren eingeleitet. «Wir ermitteln wegen des Verdachts des Betruges und des Kapitalanlagenbetruges», sagte Sprecher Klaus Ziehe am Montag. Tausende von Anlegern sollen durch so genannte atypische stille Beteiligungen hohe Verluste erlitten haben. Die Staatsanwaltschaft prüfe, ob das Unternehmen dabei betrügerisch agiert habe.

«In jüngster Vergangenheit haben sich die Strafanzeigen gegen die Göttinger Gruppe gehäuft», sagte Ziehe. Jetzt habe seine Behörde ein so genanntes Sammelverfahren eingerichtet. Zunächst werden laut Ziehe Gutachter damit beauftragt, die Finanzpraktiken des Konzerns unter die Lupe zu nehmen. Bei der Göttinger Gruppe war am Montag niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Gegen die Göttinger Gruppe laufen bereits seit 2004 Ermittlungen wegen Insolvenzverschleppung. Verbraucherschützer warnen seit Jahren vor dem Unternehmen. Das Deutsche Institut für Anlegerschutz (DIAS) fürchtet, dass den Anlegern des Finanzkonzerns ein finanzielles Desaster droht. Das Unternehmen stecke in «dramatischen Liquiditätsschwierigkeiten».

Das Amtsgericht Göttingen hat nach Angaben seines Direktors Wolfgang Scheibel in den vergangenen Wochen bereits rund 170 so genannte Erzwingungshaftbefehle gegen Verantwortliche des Konzerns erlassen. Anleger hatten die Haftbefehle beantragt, weil ihnen das Unternehmen gerichtlich zugesprochene Rückzahlungen nicht leisten wollte.

Haftbefehle verhängt
Die Göttinger Gruppe hatte zahlreiche Termine mit dem Gerichtsvollzieher zur Abgabe der früher Offenbarungseid genannten Eidesstattlichen Versicherung platzen lassen. Mit den Haftbefehlen solle nun die Offenlegung der finanziellen Verhältnisse des Unternehmens erzwungen werden, sagte Scheibel.

Die Zahl dieser Haftbefehle werde in nächster Zukunft weiter steigen, erklärte Gerichtssprecher Dietmar Brosche. Denn in den vergangenen Wochen seien mehr als 300 entsprechende Anträge von Anlegern eingegangen. Alleine am Montag kamen etwa 100 hinzu. Die Haftbefehle richteten sich gegen Jürgen Rinnewitz und Marina Götz als gesetzliche Vertreter und Vorstandsmitglieder der Securenta AG, dem Herzstück der Göttinger Gruppe, sagte Brosche.

BGH entschied schon für Anleger
Der Finanzkonzern, der seit den neunziger Jahren bei über 100.000 Sparern eine Anlagesumme von zusammen gut einer Milliarde Euro eingesammelt haben soll, ist wegen Tausender Klagen geschädigter Anleger immer wieder in die Schlagzeilen geraten. Die Gruppe war in den neunziger Jahren der größte Anbieter staatlich geförderter so genannter atypischer stiller Beteiligungen in Deutschland. Dieses Anlagemodell der Unternehmensbeteiligungen wurde als Altersvorsorge angeboten. Es brachte den Anlegern aber häufig nur Verluste ein. Für die einzelnen Anleger gehe es zumeist um Beträge zwischen 3000 und 20.000 Euro, sagte Gerichtssprecher Brosche.

In der Vergangenheit hat die Göttinger Gruppe nach Angaben von Gerichtsdirektor Scheibel bei drohenden Vollstreckungshaftbefehlen gezahlt. Dadurch seien diese Haftbefehle gegenstandslos geworden. Dabei sei es zumeist aber nur um Forderungen einzelner Anleger gegangen, sagte Sprecher Brosche. Diesmal summierten sich die Forderungen aber auf mehrere Millionen Euro.

Der Bundesgerichtshof hatte im Frühjahr 2005 den Anlegern, die im Streit mit der Göttinger Gruppe lagen, den Rücken gestärkt. Danach konnten Anleger auf Rückzahlung ihrer Gelder pochen. Im Herbst vergangenen Jahres hatte sich die Göttinger Gruppe durch den Verkauf ihrer Versicherungstochter Gutingia an einen belgisch-niederländischen Finanzkonzern vorübergehend finanziellen Spielraum verschafft. Inzwischen könnte es nach Einschätzung der Justiz aber so weit sein, dass die Summe der Rückforderungen das liquide Vermögen übersteigt. (nz/dpa)