23.05.2007
Herausgeber: netzeitung.de
Kein Anzeichen von Streikmüdigkeit in Berlin
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Wut und Angst herrschen unter den Mitarbeitern der Deutschen Telekom. Streikmüde sind sie längst noch nicht, wie Marcus Gatzke in Berlin-Mitte erlebt hat.
Es riecht nach Gulaschsuppe und Thüringer Rostbratwurst, und aus den mannshohen Musikboxen schrillt «Sempre Sempre» von Al Bano und Romina Power. Fast schon Volksfeststimmung herrscht am Mittwochvormittag auf dem Berliner Alexanderplatz, dabei geht es um Arbeitsplätze und Zukunftsängste und nicht um eine möglichst interessante Freizeitgestaltung.
Der Platz ist schon früh gut gefüllt, die Bühne fertig aufgebaut. Einige der streikenden Telekom-Mitarbeiter haben Transparente gebastelt, auf denen Sätze stehen wie: «Belegschaft sucht kompetenten neuen Vorstand». Damit wollen sie ihrem Ärger Luft machen. «Wir sind extrem kampfbereit», sagt einer von ihnen. Er ist 36 Jahre alt, arbeitet schon seit 1987 beim Unternehmen und möchte lieber nicht namentlich genannt werden. «Wir haben Angst», sagt er. «Ich erinnere nur an Benq.»
Auch wenn der Vergleich etwas hinkt, es geht wie in den beiden deutschen Benq-Werken in Kamp-Lintfort und Bocholt um den eigenen Arbeitsplatz. Die Deutsche Telekom baut den Konzern um - nicht zum ersten und wahrscheinlich nicht zum letzten Mal. Rund 50.000 Mitarbeiter will das Unternehmen in eine neue Gesellschaft unter dem Namen T-Service auslagern. Dort sollen sie für weniger Geld länger arbeiten und mittelfristig vielleicht sogar komplett verkauft werden.
Kompromissbereitschaft ist daDer Wettbewerb sei schuld und die Kosten im Unternehmen seien viel zu hoch, lautet die Begründung aus der Vorstands-Etage. Das Unternehmen verliert unbestritten massiv Kunden gerade im traditionellen Festnetzgeschäft. Analysten schätzen, dass allein 2007 erneut 2,4 Millionen Kunden bei Wettbewerbern landen und der Telekom den Rücken kehren werden.
«Wir würden eine Verlängerung der Arbeitszeit auf 38 Stunden akzeptieren auch ohne Lohnausgleich», antwortet der 36-Jährige stellvertretend für alle anderen betroffenen Kollegen. «Nur müsste garantiert sein, dass die Löhne nicht weiter gekürzt werden und der Laden verkauft wird.»
T-Com ist Geschichte«Verarscht» fühlt er sich: «Alle paar Jahre kommt eine neue Führung und baut den Konzern wieder um», schimpft der Telekom-Beschäftigte. Insgesamt 17 Umstrukturierungen hat es seit der Privatisierung gegeben und mehrfache Wechsel an der Vorstandsspitze. «Die Mitarbeiter kommen einfach nicht zur Ruhe und damit zum Arbeiten», beschreibt er die Stimmung an der Basis. «Oft kennt man seinen Ansprechpartner schon gar nicht mehr.»
Die Geschichte von T-Com, der Festnetzsparte der Telekom, ist für ihn ein gutes Beispiel für die Fehlentscheidungen des Managements: «Wie viel Geld wurde in die Vermarktung von T-Com gesteckt?», fragt er und gibt die Antwort gleich selbst: «Millionen wurde in das Sponsoring gesteckt, um die Marke aufzubauen. Und jetzt soll das einfach nur noch T-Home heißen?» Die Telekom warb auf den Trikots von Bayern München mit T-Com, und auch auf den Leibchen eines Basketball-Teams aus Bonn prangte «T-Com». Künftig soll alles aus einer Hand angeboten werden die Marke T-Com hat ausgedient.
Seit zwei Wochen wird deshalb gestreikt. Mit einer überwältigenden Mehrheit von 96,5 Prozent haben die Verdi-Mitglieder sich in der Urabstimmung für den Arbeitskampf ausgesprochen. Aber streiken heißt nicht nur, das Büro zu meiden und zu Hause auf dem Sofa zu liegen. Wer auf dem Alexanderplatz ankommt, muss sich erst einmal seinen Streikstempel abholen. In langen Schlangen stehen die Menschen vor den Ständen. Am ersten, an dem ein kleines Schild «A-E» hängt, ist sie besonders lang.
Debatte mit Mitarbeitern «unerwünscht»Viele müssen sich ihren aufgestauten Ärger von der Seele reden: «Das Management hat nicht im entferntesten geahnt, wie hoch die Wut der Beschäftigten wirklich ist», sagt einer, der getrost als Telekom-Urgestein bezeichnet werden kann. Seit 1971 arbeitet er beim ehemaligen Staatskonzern derzeit als Techniker bei T-Com. «Eine Debatte mit den Mitarbeitern ist nicht erwünscht. Die wollen einfach ihren Stiefel durchziehen.» Darum ist er auch für den Streik: «Ich war das letzte Mal im Büro, um die Blumen zu gießen.»
Ein jüngerer Kollege springt ihm bei: «Die Chefs da oben wissen gar nicht, wie es unten an der Basis aussieht», wettert er. «Der Termindruck ist hoch mit 50 Prozent der Mitarbeiter soll die gleiche Arbeit gemacht werden.» Wenn er könnte, würde er Vorstands-Chef René Obermann gerne zu sich einladen: «Er sollte mal eine Woche bei mir arbeiten kommen und handfest zupacken», schlägt er vor. «Dann sieht er die wahre Wirklichkeit.»