17. Jan 2007 12:34
Der frühere Außenminister war zuletzt stark beschäftigt: Er untersuchte die Irak-Politik der USA ebenso wie den schlimmsten Industrieunfall des Jahrzehnts. Nun drohen dem BP-Konzern Schadenersatzforderungen der Opfer.
Es war das schwerste Unglück in einer Industrieanlage in den USA im zurückliegenden Jahrzehnt: Am 23. März 2005 kamen bei einer Explosion in einer BP-Raffinerie in Texas City 17 Menschen ums Leben, etwa 170 wurden verletzt. Vorwürfe, der britische Ölkonzern habe die Sicherheit vernachlässigt, um Kosten zu sparen wurden rasch nach der Katastrophe laut. Ein neuen Bericht einer Kommission unter Leitung des früheren Außenminister James Baker erhöht nunmehr die Chancen der Opfer, den Konzern auf Schadenersatz zu verklagen.In dem «ziemlich harschen Bericht» (BP-Verwaltungsratspräsident Peter Sutherland) wird das Management von BP scharf angegangen – ohne dass Namen von Verantwortlichen benannt werden. Dennoch fühlte sich der scheidende Vorstandschef Lord Brown angesprochen: «BP hat verstanden, und ich auch», sagte mit er Blick auf Vorwürfe, weder die Manager vor Ort noch die Mitarbeiter seien ausreichend auf die von der Konzernspitze vorgegebenen Sicherheitsanweisungen hingewiesen worden. Brown hat Vermutungen, sein vorzeitiger Abtritt im Juli hänge mit der Affäre zusammen, zurückgewiesen.
Es ist nicht das erste Mal, dass BP wegen einer laxen Sicherheitspolitik in der Kritik steht: Monatelang war die Förderung auf einem der wichtigsten Ölfelder in den USA in Prudhoe Bay im Bundesstaat Alaska stark eingeschränkt – nicht, weil Pumpen ausgefallen waren oder Bohrlöcher Probleme machten, sollte weil das geförderte Rohöl nicht über die BP-eigene Pipeline abtransportiert werden konnte. Der Konzern hatte die Wartung offenbar sträflich vernachlässigt. Wegen Rosts drohte das Platzen der Rohrleitung und damit die Verseuchung weiter Landstriche.Hatte BP den zuständigen Alaska-Manager noch Ende vergangenen Jahres ausgetauscht, stellte der für den Raffineriebetrieb in den USA zuständige Konzernvorstand John Manzoni klar, er werde auch nach Veröffentlichung des neuen, 374 Seiten starken Baker-Reports nicht zurücktreten. Dabei hatte der Namensgeber der Kommission bereits zuvor gesagt, das Gremium glaube, einige Änderungen im Management könnten hilfreich sein. Das Gutachten sollte der Konzernführung Empfehlungen geben, wie das offizielle Konzernziel – «keine Unfälle, keine Schäden für Menschen» - besser umgesetzt werden könne.
Der Baker-Report erkennt an, dass das Sicherheitsziel anspruchsvoll sei. Bislang habe es die Konzernführung aber nicht geschafft, ein entsprechendes Bewusstsein bei den örtlichen Mitarbeitern und den direkt verantwortlichen Managern zu wecken: «Angemessene Prozesssicherheit als ein Kern-Wert» werde nicht ausreichend propagiert, heißt es in dem Report.Vorstandschef Lord Brown stellte klar, er habe nie Finanzmittel für Sicherheitseinrichtungen verweigert: «Wir haben uns niemals mehr auf Profit als auf Sicherheit konzentriert», sagte er. Das muss er natürlich sagen. Denn derzeit laufen nicht nur Vorermittlungen zu einem Strafverfahren in den USA. Wie in den Staaten üblich drohen Zivilprozesse, in denen die Angehörigen der Opfer Schadenersatz verlangen werden. Sie werden den neuen Baker-Report sicher ebenso genau studieren, wie Politiker den gleichnamigen Vorgänger. Denn auch der beschäftigte sich mit einer Katastrophe: Der Irak-Politik von Präsident George W. Bush. (nz)