netzeitung.deSteve Case sagt AOL Good-Bye

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AOL-Mitgründer Case sitzt nicht mehr im Aufsichtsrat von Time Warner. Hintergrund könnte der Streit um die Zukunft des Online-Anbieters sein - oder Revolution, die neue Firma von Case.

Der Aufsichtsrat des US-Medienkonzerns Time Warner muss künftig ohne den Mitgründer der Internettochter AOL auskommen: Steve Case erklärte am Montagabend (Ortszeit) in New York, er werde sich aus dem Kontrollgremium der Gesellschaft zurückziehen. Zugleich betonte Case, seine Time-Warner-Aktien zu behalten – er bleibt damit einer der größten Einzelaktionäre des Medienkonglomerats.

Als Grund für seinen Rückzug führte Case an, er wolle sich künftig stärker seinem Anfang des Jahres gegründeten Investment- Unternehmen Revolution widmen. Die Beteiligungsgesellschaft, die auf Luxus-Ferienanlagen und Gesundheitsdienste spezialisiert ist, wolle demnächst mit einem Internetportal an den Start gehen, berichtete das «Wall Street Journal». Weil es damit in direkte Konkurrenz zu AOL trete, hätte Case seinen Kollegen im Board genannten Aufsichts- und Führungsgremium von Time Warner einige Details seiner Geschäftspläne verraten müssen.

Stimmung verdorben
Dabei war die Stimmung im Board bereits seit Jahren verdorben. Case hatte den Vorsitz 2003 hingeworfen, kurze Zeit später verschwand AOL gänzlich aus dem Firmennamen – sichtbares Scheitern einer der größten Fusionen der US-Geschichte. Nicht so sichtbar, aber noch stärkerer Ausdruck der Fehlinvestition war eine gigantische Abschreibung des Konzerns im Volumen von 35 Milliarden Dollar auf den AOL-Besitz – was zu einem Verlust in Rekordhöhe von 100 Milliarden Dollar führte.

So etwas sorgt für schlechte Stimmung, auch unter den Kontrolleuren. Noch verschlechtert haben dürfte sich das Klima durch die jüngsten Pläne von Konzern-Chef Dick Parsons: Er sucht einen Partner, um das AOL-Geschäft loszuwerden – entweder durch (Teil)verkauf oder durch einen Börsengang.

«Integrieren oder befreien»
«Integrieren oder befreien», hatte daraufhin Aufsichtsrat Case gefordert. Denn der Internetzweig ist bislang kaum in die Kabelsparte des Konzerns eingeordnet. Dass Case aber eine mögliche Beteiligung von Microsoft an AOL als «Befreiung» begreifen könnte, ist eher unwahrscheinlich.

Auch wenn es auf die konkreten, laufenden Verhandlungen keine Auswirkungen mehr haben dürfte: Case bevorzugt offensichtlich eine Partnerschaft mit Google für das von ihm mitgegründete Unternehmen. Die aktuell im Internet erfolgreichste Firma würde sich mit dem Unternehmen zusammentun, das zu Zeiten der Blase als Vorreiter für Geschäfte im Internet und als große Zukunftshoffnung galt.

Alle Optionen für AOL offen
Dabei steht seitens Time Warner weder fest, wer Partner für AOL werden könnte, noch auf welchem Wege frisches, fremdes Geld in die vor allem unter dem schwachen Geschäft mit Internet-Zugängen leidende Tochter gepumpt werden kann. Komplettverlauf, Partnerschaft, Börsengang – Konzernchef Parsons hält sich alle Optionen offen.

Nach Einschätzung von Beobachtern sind die Gespräche mit Microsoft am weitesten fortgeschritten. Der weltgrößte Softwarehersteller möchte offenbar seinen Internetdienst MSN mit AOL verschmelzen, möglicherweise könnte Time Warner die Mehrheit an einem Joint Venture erhalten und damit die Kontrolle – oder das Gemeinschaftsunternehmen würde an die Börse gebracht.

Content is king
Google – die Internetsuchmaschine hat sich mit dem Kabelnetzbetreiber Comcast zusammengetan – ist zwar ebenfalls eher an einem Minderheitsanteil an AOL interessiert, zielt aber möglicherweise weniger auf das Portalgeschäft als Microsoft.

Die beiden Partner haben es mehr auf den Content abgesehen, den AOL produziert – etwa live ins Internet übertragene Musikkonzerte. Mit dem Zugangsgeschäft kann Google wohl eher weniger anfangen – ganz zu schweigen von Comcast, das seinen Kunden den Zugang zum Internet auch über das eigene Kabel anbietet.


Für das Web ediert von Kai Makus