netzeitung.deArvato-Chef Ostrowski: «Wir werden sicher nicht als Gefängnisbetreiber aktiv»

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Hartmut Ostrowski (Foto: Arvato<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Hartmut Ostrowski
Foto: Arvato
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Arvato gilt als der Gemischtwarenladen von Bertelsmann und Sparten-Chef Ostrowski als möglicher Nachfolger für Konzern-Chef Thielen. Die Netzeitung sprach mit Ostrowski über «Gnab» und die Zukunft von Arvato.

Die Bertelsmann-Tochter Arvato will auch künftig kräftig expandieren und in Deutschland Aufgaben der Öffentlichen Verwaltung übernehmen: «Wir sprechen natürlich über Aufgaben, die gemeinhin nicht als hoheitliche Bereiche des Staates angesehen werden», sagte Sparten-Chef Hartmut Ostrowski im Interview mit der Netzeitung. In Deutschland sei es letztlich aber «eine Frage der Bereitschaft der Manager in der öffentlichen Verwaltung, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.»

Auch in das Geschäft rund um den Mobilfunk will Arvato einsteigen. In Kürze wil das Unternehmen ferner mit der Plattform «Gnab» an den Start gehen: «Wir wollen Möglichkeiten schaffen, Inhalte von allen Anbietern zu verbreiten», sagte Ostrowski. «Mit 'Gnab' können wir Inhalte aller Musikfirmen distribuieren und eben nicht nur solche von Sony BMG.»

Netzeitung: Herr Ostrowski, sie werden schon länger als Nachfolger von Bertelsmann-Chef Gunter Thielen gehandelt ...

Hartmut Ostrowski: Ich kann mich bei Arvato noch eine ganz Weile beschäftigen. Für mich ist das keine Frage: So lange, wie ich bei einem Arbeitgeber bin, gebe ich das Beste für ihn. Ich versuche, Arvato weiterzuentwickeln, das ist momentan meine Aufgabe.

Netzeitung: Arvato hat nach ihren eigenen Aussagen ein «sehr zufrieden stellendes» Jahr hinter sich gebracht. Nur im IT-Geschäft ist der Umsatz leicht zurückgegangen. Rechnen Sie 2005 mit Zuwächsen?

Ostrowski: Der Umsatzrückgang im IT-Bereich hängt damit zusammen, dass wir Arvato Systems konsolidiert haben. Und im Bereich der Rechenzentrums- und Systemleistung gab es 2004 noch einen Rückgang, der konjunkturabhängig im Rahmen der Leistung anderer Branchenunternehmen ausfiel. Für 2005 gehen wir von leichtem Wachstum aus.

Ich muss auch sagen, dass wir in diesem Segment unseren Umsatz in den vergangenen vier Jahren halbiert haben – zum großen Vorteil übrigens von Bertelsmann. Denn wir fakturieren hier 80 Prozent an den eigenen Konzern. Das heißt, bei einem halbierten Umsatz von Arvato System als interner Dienstleister haben wir den Konzern halb soviel gekostet.

Netzeitung: Wie arbeitet es sich denn als Vorstandschef eines Unternehmens, das mit IT-Services fast wie in der New Economy wirtschaftet und zum anderen ein Standbein im klassischen Industriegeschäft hat, etwa in der CD-Produktion?

Ostrowski: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Es ist vielmehr so, dass wir dadurch in der Lage sind, unseren Kunden ganzheitliche Lösungen anzubieten. Beispiel CD-Produktion: Wir bieten unseren Kunden von der Datenaufbereitung über die Fertigung bis hin zur Distribution alle Dienstleistungen aus einer Hand. Wir stellen fest, dass immer mehr Kunden den Vorteil dieser Lösung erkennen. Und: Gegenüber unseren Wettbewerbern ist das ein großes Differenzierungsmerkmal. Es führt dazu, dass wir exzellente Angebote machen können.

Netzeitung: Sie haben aber auch den Margenverfall angesprochen: Der hohe Ölpreis bringt ihnen höhere Kosten in der CD-oder DVD-Produktion. Und er wird weiter hoch bleiben ...

Ostrowski: Das ist klar. Grundstoff für optische Speichermedien ist nun einmal Polycarbonat, und das basiert auf Erdöl. Zudem gibt es einen sehr oligopolistischen Anbietermarkt, was sich auch auf die Preise auswirkt. Auf der anderen Seite profitieren wir sowohl im Markt für die CD- wie auch für die DVD-Produktion vom technischen Fortschritt. Die Produktion wird schneller, das heißt: In der gleichen Zeit kommen mehr Scheiben aus den Maschinen.

Vor vier Jahren hat es noch sieben Sekunden gedauert, ehe eine CD aus der Anlage kam, heute sind es nur noch zweieinhalb Sekunden. Mit dem gleichen Maschinenpark hätte sie also etwa den dreifachen Ausstoß.

Netzeitung: Sie wenden sich trotzdem verstärkt neuen Geschäften zu, etwa der Übernahme von Funktionen der öffentlichen Verwaltung. Wann ist es dafür auch in Deutschland so weit?

Ostrowski: In Deutschland ist es letztlich eine Frage der Bereitschaft der Manager in der öffentlichen Verwaltung, sich mit dieser Frage zu beschäftigen. Es gibt schließlich schon heute unterschiedliche Verfahren und unterschiedliche Strukturen. Ich habe vor 16 Jahren in Bayern gelebt, da wurde die Müllabfuhr schon von einem privaten Unternehmen gemacht. Ich lebe heute in Gütersloh, da wird diese Dienstleistung noch von der Kommune erledigt. Insofern ist der Übergang fließend.

Wir sprechen natürlich über Aufgaben, die gemeinhin nicht als hoheitliche Bereiche des Staates angesehen werden. Wir werden sicher nicht als Gefängnisbetreiber aktiv werden. Hoheitliche Aufgabe des Staates ist es in heutiger Zeit vor allem, Strukturen und Gesetze festzulegen. Die Frage, wie diese letztlich umgesetzt werden, ist keine Frage, mit der sich der Staat beschäftigen muss.

Netzeitung: Halten sie dieses Wachstumsfeld für wichtiger als etwa die neue Arvato-Download-Plattform «Gnab»?

Ostrowski: Das kann man nicht sagen. Arvato ist dadurch groß geworden, dass wir in vielen Bereichen gleichzeitig gewachsen sind. Deswegen kann ich das nicht quantifizieren. Das ist wie mit einer Mutter, die mehrere Kinder hat: Sie liebt sie alle.

Netzeitung: Denken Sie auch daran, höheren Verwaltungsebenen die Arbeit abzunehmen?

Ostrowski: Rein technisch gesehen ist das alles dasselbe - angefangen von der Bundesagentur für Arbeit bis hinunter zu den einzelnen Kommunen. Für alle gilt die Aussage: Es ist notwendig, bei geringeren Kosten mehr Bürgernähe und mehr Qualität zu erreichen. Das ist auch ein positiver volkswirtschaftlicher Beitrag.

Netzeitung: Dem stehen weniger Arbeitsplätze entgegen ...

Ostrowski: Das ist nicht richtig. Wenn sie etwas schneller machen, stellt sich zwar auf den ersten Blick die Frage nach Arbeitsplätzen. Aber sie können die durch verbesserte Prozessabläufe eingesparte Zeit der Mitarbeiter auch für zusätzliche sinnvolle Tätigkeiten nutzen.

Netzeitung: Aber ein Arvato-Mitarbeiter, der in East Riding Steuerbescheide bearbeitet, verdient doch sicher weniger als zu der Zeit, wo er noch bei der öffentlichen Hand angestellt war.

Ostrowski: Nein. Wir übernehmen ja die Mitarbeiter zu gleichen Konditionen! Sie bleiben sogar in ihrem alten, staatlichen Pensionsmodell. Es geht nicht so sehr darum, einfach bei den Beschäftigten Geld einzusparen. In Großbritannien werden wir an über 200 Indikatoren für die Qualität unserer Leistung gemessen. Wir als Arvato wiederum bewerten unsere Mitarbeiter nach ihrer Leistung, und leistungsabhängige Bezahlung ist natürlich eine ganz andere Form der Entlohnung als das, was derzeit hier bei der öffentlichen Hand praktiziert wird.

Das wird dazu führen, dass der eine oder andere Mitarbeiter in East Riding mehr verdienen wird als vorher. Er muss dafür aber auch deutlich mehr leisten als vorher. Das heißt nicht: mehr Transaktionen pro Stunde. Sondern es bedeutet, etwas besser und näher am Bürger zu machen. Es geht um eine qualitative Verbesserung.

Netzeitung: Arvato hat angekündigt, die Belegschaft in Deutschland stabil zu halten ...

Ostrowski: Wir wollen Arbeitsplätze schaffen, das ist unser Ziel! Wenn wir bei Arvato wachsen, dann werden wir auch zusätzliche Arbeitsplätze schaffen - vorwiegend im Ausland, aber auch in Deutschland. So haben wir beispielsweise in Cottbus vor kurzem ein neues Servicecenter eröffnet. Bei Arvato gibt es eine Gesetzmäßigkeit: Ohne neue Mitarbeiter können wir kein Wachstum generieren.

Netzeitung: Überrascht hat mich, dass Sie von Schlagzeilen wie «Bertelsmann steigt in Mobilfunkmarkt ein» weggekommen sind ...

Ostrowski: So habe ich das vergangene Woche bei der Bertelsmann-Bilanzvorlage auch nicht gesagt. In einigen Medien ist das Thema MVNO - also ein Mobilfunkanbieter ohne eigenes Netz - mit Billig-Angeboten gleich gesetzt worden, wie sie etwa Tchibo im Programm hat. Das ist nie unsere Strategie gewesen und wird auch in Zukunft nicht unsere Strategie sein.

Ich habe gesagt, dass wir unsere Medieninhalte und unsere Medienkompetenz nutzen müssen. Aus dem, was wir gelernt haben, müssen wir zu einem besonderen Angebot kommen - zu einer speziell auf Medienunternehmen abzielenden, qualifizierten Dienstleistung. Und das in guter Kooperation mit den Netzbetreibern, die ja auch unsere Kunden sind.

Netzeitung: Deshalb verfolgen Sie auch einen White-Label-Ansatz, gehen also nicht mit einer eigenen Marke an den Start und setzen nicht nur auf Inhalte aus dem eigenen Konzern ...

Ostrowski: Arvatos Konzept ist immer die Neutralität. Damit sind wir bisher gut gefahren. Wir wollen Möglichkeiten schaffen, Inhalte von allen Anbietern zu verbreiten. Ein Beispiel dafür ist unsere innovative Downloadplattform «Gnab»: Damit können wir Inhalte aller Musikfirmen distribuieren und eben nicht nur solche von Sony BMG. Wir behandeln alle gleich.

Es gibt natürlich manchmal Vorbehalte. Die hat es vor dreißig Jahren in der Verlags- der Zeitschriftenbranche gegeben und heute kooperieren alle möglichen Firmen miteinander. Arvato hat immer bewiesen, dass wir unsere Dienstleisterrolle gut, seriös und solide spielen können.

Netzeitung: Sie warten also auf andere Firmen, die sagen: Wir wollen in den Mobilfunkmarkt, und dazu nutzen wir Arvato-Technologie ...

Ostrowski: Die Vorteile liegen auf der Hand. Es ist für die Firmen viel günstiger, und sie sind schneller am Markt. Es gibt die eine oder andere Konzernmarke – und natürlich auch solche außerhalb von Bertelsmann –, die damit ihren eigenen Markt erschließen kann.

Wir erbringen schon heute für Kommunikationsanbieter hochwertige Dienstleistungen, wie zum Beispiel Callcenter-Services oder Logistikdienstleistungen. Wir sind eben Spezialisten für das, was man Back-End nennt.

Netzeitung: Sind die «Gnab»-Dienste denn auch mit UMTS kompatibel?

Ostrowski: Selbstverständlich. Das funktioniert genauso gut wie unter dem alten Standard GSM. Eigentlich ist es sogar noch viel besser, denn UMTS ermöglicht natürlich weitaus höhere Übertragungsraten, die etwa beim Herunterladen von Filmen entscheidend sind. Man muss schließlich davon ausgehen, dass Handys in drei Jahren eine ähnliche Funktionalität haben werden wie heute ein PC. Dann können Sie auch besondere Leistungen anbieten. Ich sehe es als unsere Aufgabe an, unseren Kunden ein solches Angebot an Mediendienstleistungen zu verwirklichen.

Netzeitung: Der KarstadtQuelle-Konzern ist ja noch mit einem Viertel an ihrer Maul-Belser-Druckerei in Nürnberg beteiligt. Der Anteil steht zum Verkauf. Gibt es Gespräche?

Ostrowski: Die laufen noch und zu laufenden Gesprächen äußern wir uns nicht.

Netzeitung: Profitieren Sie von der Krise bei KarstadtQuelle, für die Arvato Kataloge herstellt? Mit dem Aus für den Jahreskatalog müssten Sie doch mehr Aufträge haben ...

Ostrowski: Das ist natürlich eine Chance. Und die verspricht mehr Wertschöpfung, etwa beim Binden der Kataloge. Da ist es natürlich attraktiver, mehrere kleine statt eines großen herzustellen. Allerdings bringt das ganze die Produktionszyklen, die es in der Katalog- und Tiefdruckbranche gibt, durcheinander. Bis jetzt war es immer so, dass zu zwei Terminen im Jahr -im Mai und Juni sowie von November bis Anfang Januar - die Druckereien bis zum Bersten voll waren. Andere Kunden, die zu der Zeit drucken lassen wollten, hatten kaum eine Chance.

Jetzt gleicht sich die Auslastung an. Es gibt in anderen Bereichen ein bisschen mehr Nachfrage, in der Spitze dafür aber ein paar Löcher. Spätestens in ein oder zwei Jahren haben wir alle gelernt, damit umzugehen.

Das Gespräch führte Kai Makus.