netzeitung.deIndustrie sucht «Hitzeschild» gegen Microsoft

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Wind-River-Chef Ken Klein (Foto: Wind River<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Wind-River-Chef Ken Klein
Foto: Wind River
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Durch die Kooperation mit Nokia hat Microsoft nun endgültig einen Fuß auf den Markt für Handy-Software gesetzt. Bei anderen digitalen Geräten dürfte das dem Konzern weitaus schwerer fallen, sagte Wind-River-Chef Klein der Netzeitung.

Von Kai Makus

Manchmal wechseln Allianzen zwischen Unternehmen verblüffend schnell – insbesondere im Technologiesektor. So zeigten sich einige Beobachter durchaus verblüfft von der Nokia-Ankündigung vom Montag, künftig das Abspielen von Musikdateien im Microsoft-Format Windows Media Audio (WMA) auf seinen Handys möglich zu machen, und einen besseren Austausch zwischen PC und Mobiltelefon zu gewährleisten. Dabei gehörte Nokia bislang zu den schärfsten Gegner von Microsoft unter den Handy-Herstellern: Die Finnen riefen die Symbian-Allianz mit ins Leben, um den Angriff des US-Softwarekonzerns auf dem Markt für Handy-Betriebssysteme und –Anwendungen abzublocken.

Auch für Marktführer Nokia wird die Luft dünner: Selbst wenn sich die Verkaufszahlen nach dem Einbruch im Vorjahr wieder erholten, sitzt US-Hersteller Motorola dem weltweit größten Handy-Hersteller im Nacken. Und: Motorola gab ebenfalls am Montag eine Zusammenarbeit mit Apple bekannt, damit die iTunes-Dateien des Computerherstellers künftig auch auf Motorola-Handys zu hören sind. Der Wettbewerb wirft ein Schlaglicht auf die Zukunft der Branche, die sich viel vom Verkauf digitaler Musik zum Abspielen auf dem Mobiltelefon verspricht.

Vision vom «digitalen Wohnzimmer»
Damit rückt die Vision von Bill Gates, die der Microsoft-Gründer und –Chefstratege «digitales Wohnzimmer» nennt und die er immer wieder gerne vor breitem Publikum schildert, ein Stück näher. Gates meint damit, dass künftig alle Geräte – ob mobil oder fest im Haushalt aufgestellt – durch den Einsatz von Mikrochips mit entsprechender Software nicht nur intelligent sein werden, sondern auch untereinander kommunizieren und Informationen austauschen können, natürlich basierend auf dem allgegenwärtigen Microsoft-Betriebssystem Windows. Konvergenz nennen die Verkäufer der Branche den Trend. Als erstes Arbeitsfeld dafür hat Gates seinem Konzern die Unterhaltungselektronik vorgegeben.

Auch Ken Klein, Vorstandschef des an der Nasdaq notierten Unternehmens Wind River, eines Spezialisten für Geräte-Software, folgt Bill Gates auf seiner Vision hin zum «digitalen Wohnzimmer» – allerdings nicht ganz bis zum Ende. Dass Microsoft sich bei Betriebsystemen außerhalb des PC-Markts und seinen Randbereichen durchsetzen könnten, glaubt Klein nicht, wie er im Gespräch mit der Netzeitung sagt. Zu hohe Markteintrittshürden, lautet sein Urteil: Es gebe eine «relativ ausgeprägte Ablehnung, ein negatives Gefühl gegenüber der Macht von Microsoft bei den großen OEM», hat Klein festgestellt. «Eine nicht geringe Zahl dieser Hersteller von Originalteilen hat den Microsoft-Film nämlich schon gesehen.»

Klimaanlage ähnelt PC
Klein spielt damit auf Märkte an, die Microsoft nach fast einhelliger Einschätzung zunächst verschlafen, dann aber mit Macht aufgerollt hat. Geradezu klassisch das Beispiel Internet-Browser: Zunächst de facto von Netscape beherrscht, fiel der Markt rasch an das Microsoft-Produkt Internet Explorer. Bei Suchmaschinen läuft derzeit ein ähnlicher Wettbewerb, bei dem MSN mit Google und Yahoo die Klingen kreuzt. Und nicht zuletzt Nokia hatte intensiv mit anderen Herstellern wie Samsung oder Siemens kooperiert, um Windows vom Handy fern zu halten.

«Unsere Freunde aus Redmond, Washington sehen ihre dominante Position auf dem PC-Markt und nehmen natürlich auch die steigende Konvergenz mit anderen Bereichen wie Unterhaltungselektronik wahr», sagt Klein. «Microsoft argumentiert in etwa so: Auch die Bedienung der Klimaanlage sieht inzwischen fast ein bisschen wie die Oberfläche eines PCs aus, also müssen wir auch bei Software für Klimaanlagen die stärksten sein.» Das wird Microsoft seiner Ansicht nach indes nicht gelingen: «Die Hersteller wollen nicht aufgeben und vor Microsoft in die Knie gehen, weil sie dem Konzern die Marktmacht überlassen müssen, wie das beim PC geschehen ist», ist Klein überzeugt.

Herzschrittmacher vs. Office-Anwendungen
Zudem genössen die Produkte der Gates-Firma nicht gerade den Ruf hoher Verlässlichkeit: «Das gehört zu den Dingen, die Microsoft generell nicht so gut macht», sagte Klein. «Bei einer Anwendung, die einen Fahrstuhl steuert oder gar die Bremsen in Ihrem Auto, ist das aber von entscheidender Bedeutung.» Und nicht nur verlässlich müsse die Software sein, sondern auch in Bruchteile von Sekunden reagieren: «Bei der Arbeit am PC kann man ruhig einmal ein paar Sekunden warten, bis eine Anwendung reagiert. Bei einer elektronischen Bremssteuerung hingegen kann das tödlich sein.»

«Wir haben den höchsten Respekt vor dem Unternehmen Microsoft. Aber an die Software, die einen Herzschrittmacher steuert, werden eben zu Recht andere Anforderungen gestellt als an Büro-Anwendungen, wo eine gewisse Anzahl von Fehlern tolerierbar ist», nennt Klein einen weiteren Grund, warum er sich nur wenig vor einem Angriff von Microsoft fürchtet.

Hitzeschild gegen Redmond gesucht
Auch sein Marketing-Vorstand John Bruggeman meint, dass «Wind River davon profitiert hat, dass Microsoft auf unseren Markt drängt» – auch wenn das auf den ersten Blick unlogisch scheine. «Der Markteintritt hat den Ruf nach einer Microsoft-Alternative laut werden lassen», meint Bruggeman. «Unsere derzeitige – und zukünftigen – Kunden sehen uns als eine Art Hitzeschild, der sie vor der Macht aus Redmond schützt.»