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Lupe Verdi: Lidl schafft ein «Klima der Angst»

Verdi hat der Lebensmittelkette Lidl vorgeworfen, die Mitarbeiter zu unterdrücken und auszunutzen. Im «Schwarzbuch Lidl» kommen nach Angaben der Gewerkschaft über 100 Beschäftigte zu Wort.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wirft dem Supermarkt-Kette Lidl vor, in seinen Läden ein Arbeitsklima «der Angst und des Leistungsdrucks» zu erzeugen. Die Öffentlichkeit müsse gegen die schlechten Arbeitsbedingungen bei der Discounterkette Lidl mobilisiert werden, sagte Verdi Vorstandsmitglied Franziska Wiethold am Freitag bei der Vorstellung des «Schwarzbuch Lidl».

In dem Buch wird Lidl unter anderem Verletzungen der Arbeitnehmerrechte, Video-Überwachung der Mitarbeiter und das Ableisten unbezahlter Überstunden vorgeworfen. Mit über 100 Beschäftigten seien Gespräche geführt worden, teilte Verdi in Berlin mit. Der Erfolg des Unternehmens, das mittlerweile die Nummer vier im deutschen Lebensmittelhandel ist, gehe zu Lasten der Beschäftigten.

In den Filialen blieben bei ständiger Unterbesetzung, enormem Leistungsdruck und peniblen Kontrollen «menschenwürdige Arbeitsbedingungen auf der Strecke», sagte Wiethold. Unliebsame oder für Lidl offenbar zu teure Beschäftigte würden mit fragwürdigen Methoden aus dem Unternehmen gedrängt. «Von den 2500 Lidl-Filialen mit rund 30.000 Mitarbeitern gibt es bisher nur in sieben Betriebsräte», sagte Wiethold. Jetzt werde die Gewerkschaft Gegendruck erzeugen.

Lidl spricht von Diffamierung
Der Lidl-Konzern hatte das Buch am Mittwoch noch als Diffamierungskampagne von Verdi bezeichnet. Das Klima in den Filialen sei «ausgezeichnet» und «erfolgsorientiert», sagte der Geschäftsführer der Lidl-Stiftung, Klaus Gehrig. Die Arbeitsbedingungen seien «überwiegend positiv» beurteilt worden.

Einzelne Verstöße bestritt er jedoch nicht. Diese seien jedoch «immer Einzelfälle und eine Folge des schnellen Wachstums». Nach Bekanntwerden seien sie sofort abgestellt worden. Nach Firmenangaben gibt es in der Schwarz-Gruppe 314 «Betriebsratsgremien». In 80 Prozent der Lidl-Lagergesellschaften seien solche Gremien tätig. In ganzseitigen Anzeigen - unter anderem in der «Bild» - warb die Gruppe am Freitag damit, im kommenden Jahr 1600 zusätzliche Ausbildungsplätze bereitzustellen.

Die Gewerkschaft ist nach eigenen Angaben «sehr angetan» von der Reaktion der Schwarz-Gruppe. Sie weise darauf hin, dass sich Lidl erheblich getroffen fühle, sagte Wiethold.

Taschen wurden durchsucht
Lidl gehört ebenso wie die Warenhauskette Kaufland zu der in Neckarsulm ansässigen Schwarz-Gruppe. Die «Financial Times Deutschland» berichtete am Freitag, dass die Bespitzelung von Mitarbeitern in den Filialen gang und gäbe sei. Die Spinde, Kittel und privaten Taschen der Mitarbeiter seien ständig durchsucht worden. Mindestens einmal pro Woche finde auch eine so genannte «Spätkontrolle» statt, bei der sogar Autos durchsucht würden.

Die Taschenkontrollen seien sogar von der Unternehmensspitze bestätigt worden, Videokameras setze das Unternehmen nur bei einem «absolut konkreten Verdacht» ein, berichtete die Zeitung unter Berufung auf ein Schreiben der Unternehmensspitze. Darin seien die Kontrollen mit Unterschlagungen der Mitarbeiter in zweistelliger Millionenhöhe pro Jahr gerechtfertigt worden.

Jährlich liege der Inventurverlust der Unternehmensgruppe durch Kunden und Mitarbeiterdiebstahl bei 250 Millionen Euro. Jedoch werde der von den befragten Mitarbeitern erhobene Vorwurf, sie müssten unbezahlte Mehrarbeit vor Öffnung und nach Schließung der Läden leisten, bestritten. (nz)