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«Ich bin ein Vollblut-Unternehmer»

27. Apr 2004 08:17, ergänzt 12:02
Paulus Neef
Als Pixelpark-Chef war Paulus Neef Taktgeber der New Economy und zugleich ihr Prügelknabe. Die Netzeitung sprach mit Neef über neue Geschäftsmodelle, die Rolle der Medien und seine Zeit bei Pixelpark.

Paulus Neef hat mit seinem neuen Unternehmen Neva das Smart Magazine auf den Markt gebracht. Mit der interaktiven Zeitung will der Gründer und Ex-Pixelpark-Chef den Zeitschriften im Internet neue Kundengruppen erschließen.

Der 43-Jährige, der einst zu den Stars der New Economy gehörte und später zu einem ihrer Prügelknaben wurde, bekam Ende 2002 von Pixelpark die fristlose Kündigung. Die hat seiner Karriere aber offenbar nur einen kleinen Knick versetzt: «Ich hatte gar keine Schwierigkeiten wieder Türen aufzumachen, egal auf welcher Ebene», sagte Neef im Interview mit der Netzeitung über seine erste Zeit nach dem Rauswurf.

Jetzt will er mit seinem neuen Unternehmen an alte Erfolge anknüpfen: «Ich richte mich mit dem, was ich tue, nicht nach Moden und Trends», so Neef. «Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, muss ich sie machen.»

Netzeitung: Herr Neef, nach der zuletzt sehr turbulenten Zeit bei Pixelpark hat man erst vor einem guten halben Jahr wieder von Ihnen gehört, als Sie Ihr neues Unternehmen, die Neva, gegründet haben. Erstes Produkt dieses Unternehmens ist das Smart Magazine, das sie in Kooperation mit der GFT Technologies auf den Markt bringen. Um was geht es dabei?

Paulus Neef: Das Smart Magazine ist eine interaktive Zeitung, die eins zu eins im Internet abgebildet wird und die mit verschiedenen Mehrwerten angereichert wird. Stellen Sie sich eine Frauenzeitschrift vor. Es gibt zum Beispiel die Möglichkeit, Fotos von Modestrecken anzuklicken, die dann einen Film mit einer Modenschau abspielen. Oder man klickt auf eine Abbildung mit Armreifen und kann sie gleich bestellen, weil man auf der Webseite des Herstellers dieser Armreifen landet. Zudem gibt es Zusatzinformationen zu bestimmten Produkten.

Es geht also um eine Eins-zu-Eins-Darstellung des Printformats, erweitert mit den Möglichkeiten des Internets. Dabei soll nicht die Printversion ersetzt, sondern eine erweiterte Variante angeboten werden. Wir wollen so neue Zielgruppen erschließen.

Netzeitung:Wer genau gehört zur Neva GmbH und wie sieht Ihr Geschäftsmodell aus?

Neef: Die Neva ist ein Unternehmen, das ich gegründet habe. Bislang bin ich noch Alleingesellschafter, in Kürze wird aber meine Kollegin Christiane Stöhr Partnerin werden. Sie hat mit mir zusammen Pixelpark aufgebaut und später in dem Venture Capital Unternehmen Venturepark mit mir gearbeitet.

Die Neva versteht sich vor allem als Ideengeber oder Katalysator. Als Unternehmen, das Dinge im Markt auf Basis seiner Netzwerke und Branchenkompetenzen aufspürt. Ein weiteres Produkt, das jetzt noch kommen wird, ist für Markenartikler. Dabei geht es um die komplette Abbildung des Marketingprozesses in einer Software.

Zugleich ist die Neva eine Plattform. Dabei ist das, was wir mit der GFT machen, lediglich ein Thema. Bei Pixelpark wurden mehrere tausend Leute durch das Unternehmen geschleust, die jetzt weltweit verstreut in sehr interessanten Positionen sitzen. Von denen, dem Stamm an Geschäftskunden aber vor allem von sonstigen Kontakten aus meinem Netzwerk, das ich in den letzten Jahren aufgebaut habe, gibt es eine Menge Anfragen, gemeinsame Geschäftsmodelle aufzusetzen. Wir sortieren diese Themen. Und bei dem ein oder anderen ist es dann durchaus möglich, dass wir uns in irgendeiner Form beteiligen. Ob in der Entwicklung, im Unternehmensaufbau oder im Joint Venture.

Zudem handelt es sich bei unserer Arbeit um Beratungsleistungen. Dabei geht es um die Vermittlung von Know-how, Leute zusammenbringen oder die Vermittlung von Beteiligungspartnern. Das ist ein stark ausgeprägtes Geschäft. Bis hin zu dem Punkt, dass wir uns auch selbst an den Unternehmen beteiligen.

Mehr in der Netzeitung:
  • Pixelpark-Aufsichtsrat tritt zurück 31. Mrz 2003 20:14
  • Pixelpark bekommt neuen Vorstand 07. Mrz 2003 16:58
  • Pixelpark kündigt indirekt Klage gegen Neef an 11. Feb 2003 20:51, ergänzt 21:05
  • Neef will zu Pixelpark zurück 05. Jan 2003 17:41
  • Pixelpark-Chef Neef wird abgelöst 20. Dez 2002 15:01, ergänzt 15:40
  • Netzeitung: In welcher Form oder in welcher Höhe?

    Neef: Das ist unterschiedlich und hängt immer sehr von der Leistung ab, die wir erbringen, oder dem Interesse, das wir an dem Projekt haben.

    Netzeitung: Setzen Sie sich eine Mindest- oder eine Maximalgrenze für eine Beteiligung?

    Neef: Wir stellen keinen Investmentfokus in den Vordergrund, sondern lassen die Grenzen erst mal offen. Ich halte nicht viel davon, sich von vorn herein ein Korsett anzulegen. Wir schauen uns das Thema inhaltlich sowie die beteiligten Personen an. Das ist das Wichtigste überhaupt. Natürlich auch den Markt, um das Potenzial einschätzen zu können. Und dann wägen wir ab, inwieweit durch Neva die Möglichkeit besteht einen Mehrwert zu schaffen. Wenn das in der Summe Sinn macht, geht es überhaupt erst weiter. Als nächstes stellt sich dann die Frage: Wollen wir begleitend aktiv werden? Wollen wir steuern oder eher im Aufsichtsrat kontrollieren? Erst danach entscheiden wir.

    Netzeitung: Die Neva arbeitet zusammen mit GFT. Wie kam es, dass Sie mit einem Konkurrenten von Pixelpark kooperieren?

    Neef: Zuerst einmal ist GFT kein Konkurrent von Pixelpark. GFT bedient seit jeher andere Kunden und erstellt auch andere Produkte und Dienstleistungen als Pixelpark. Ich kenne den Chef und Gründer, Ulrich Dietz, schon seit langen Jahren. Wir haben auch damals schon mögliche Kooperationen besprochen. Die Verhandlungen gingen bis hin zu potenziellen Fusionsgesprächen. Als ich dann bei Pixelpark ausgestiegen bin, war diese Kooperation ein natürlicher Schritt.

    Hintergrund ist einerseits, dass ich der GFT die Märkte, in denen ich sehr stark verankert bin, erschließe. Stichworte hier sind die Medienindustrie, Verlagswirtschaft, Fernsehsender, Musikindustrie und Markenartikler. Andererseits setzen wir aber auch neue Businessmodelle gemeinsam mit der GFT auf. Das haben wir besonders in dem letzten halben Jahr sehr erfolgreich getan und in den unterschiedlichen Industriezweigen, besonders aber in der Verlagsindustrie, sehr viele Gespräche auf Topebene geführt.

    Netzeitung: Top-Ebene, wen meinen Sie damit?

    Neef: Es handelt sich dabei um die Top Five der Medienbranche. Im Prinzip hat es im letzten halben Jahr aber kaum einen Verlag gegeben, mit dem wir nicht gesprochen hätten. Dabei ging es hauptsächlich um unser neues Produkt, das Smart Magazine. Wir haben eine unglaubliche Resonanz erlebt. Seit unserer Pressemeldung dazu haben wir Anrufe von einer Reihe potenzieller Kunden erhalten. Auch von Zeitschriften, deren Auflagen im Millionenbereich liegen. Die wollen unser Smart Magazine am liebsten sofort haben.

    Netzeitung: Wie sehen denn mittlerweile ihre Arbeitszeiten aus, wenn Sie das alles nur zu zweit machen?

    Neef: Ich habe eigentlich mittlerweile vollkommen normale Arbeitszeiten, nicht mehr so extrem wie früher. Ich habe jetzt auch nicht mehr diesen riesigen Personalapparat, um den ich mich kümmern muss. Ich bin Vollblutunternehmer und will mich auf die Inhalte konzentrieren. Das geht in der aktuellen Form sehr viel leichter als bei Pixelpark. Außerdem hat die Neva ein riesiges Netzwerk an Produktionspartnern, die uns als freie Mitarbeiter zur Verfügung stehen. Die können wir jederzeit für die entsprechenden Themen an Bord holen.

    Netzeitung: Was haben Sie für Entwicklungspläne, um die Neva am Markt durchzusetzen?

    Neef: Das ist vorerst noch Betriebsgeheimnis. Aber Sie können davon ausgehen, dass hier noch einiges passieren wird. Das Smart Magazine kann man sehr gut als Blue Print verwenden, um Lösungen für andere Branchen zu produzieren.

    Netzeitung: Und welchen Zeitrahmen haben Sie sich gesetzt, um zu sehen, ob die Neva Erfolg haben wird?

    Neef: Die Frage hat sich uns bislang nicht gestellt. In der Konstellation in der wir bis jetzt gearbeitet haben, sind wir ja keine Risiken eingegangen. Die wirklichen Gefahren lauern erst da, wo das Wachstum beginnt. Bislang ist unser finanzielles Risiko gleich Null. Natürlich hat man immer ein Reputationsrisiko. Deswegen prüfen wir sehr genau, was wir machen und mit wem wir uns verbünden. Jetzt geht es erst mal darum, ein paar Referenzprojekte zu machen, dann schauen wir weiter.

    Netzeitung: Hat es von Seiten der Unternehmer Ressentiments gegeben, als Sie nach Ihrer Zeit bei Pixelpark wieder mit ihnen Kontakt aufgenommen haben?

    Neef: Überhaupt nicht. Ich hatte gar keine Schwierigkeiten wieder Türen aufzumachen, egal auf welcher Ebene. Es gab eigentlich ein sehr großes Interesse, die Gespräche zu führen. Und sobald sich die Unterhaltungen vertieften, hatte ich auch die Möglichkeit, zu verschiedenen Dingen Stellung zu beziehen.

    Aber lassen Sie mich einen Satz zu Pixelpark sagen. Es handelt sich dabei nicht um ein New-Economy-Unternehmen. Ich habe Pixelpark 1991 gegründet und seitdem war es immer profitabel bis zum Börsengang. Pixelpark hat eine Flaute erlebt, genau so wie alle anderen großen, kleinen und mittleren Unternehmen in diesem Bereich auch. Und Pixelpark hat jetzt umsatz- und ertragsseitig die Wende geschafft. Mit einem Anteil von 18 Prozent bin ich ja noch Großgesellschafter und verfolge damit natürlich die Entwicklung mit Interesse.

    Netzeitung: Wie empfanden Sie die Schelte, die Sie in den letzten Jahren von der Presse abbekommen haben?

    Neef: In den ersten zehn Jahren bin ich sehr gut besprochen worden. Da ist Pixelpark als Taktgeber dieser ganzen Industrie wahrgenommen worden. Es war schon eine ziemlich spannende Erfahrung, dass später auch dieser Bekanntheitsgrad dazu geführt hat, dass ich zum Prügelknaben wurde. Es ist natürlich nicht besonders angenehm, von allen möglichen Seiten auf einmal attackiert zu werden. Aber jemand, der in die Öffentlichkeit geht, muss speziell in Deutschland auch mit so einer Wandlung rechnen. Das gehört einfach dazu.

    Intellektuell und emotional ist das Ganze eine Erfahrung gewesen, bei der ich unglaublich viel gelernt habe, und an der ich auch sehr stark gewachsen bin. In der Rückschau bin ich sehr froh, dass ich diese Erfahrung machen durfte, weil ich jetzt mit klarem Blick und großer Erfahrung etwaigen Risiken entgegensehen kann.

    Netzeitung: Hatten Sie das Gefühl, von den Journalisten kompetent kritisiert worden zu sein?

    Neef: Viele von denen, die über mich geschrieben haben, haben nie mit mir gesprochen. Das heißt, die Journalisten haben offensichtlich oberflächlich recherchiert und ihre Artikel sehr oft auf den Inhalten von Kollegen aufgebaut und so eine Art Patchwork-Journalismus betrieben. Ich will damit auf gar keinen Fall sagen, dass alle das so gemacht haben. Aber man hat immer deutlich gemerkt, wer mit mir ein persönliches Gespräch geführt hat und wer nicht.

    Netzeitung: Sie haben in den vergangenen zehn bis 15 Jahren unternehmerisch eine ziemliche Achterbahn durchlebt. Wie kommt es, dass Sie immer noch an dem Thema Internet dran bleiben?

    Neef: Ich habe ja schon gesagt, dass ich Vollblutunternehmer bin. Ich richte mich mit dem, was ich tue, nicht nach Moden und Trends. Wenn ich von einer Sache überzeugt bin, muss ich sie machen. Und was wir bei Neva betreiben, ist nicht nur Internet. Sicherlich war ich früher mit Pixelpark in der IT- und Internetwelt stark verankert, obwohl ich persönlich mehr ein Medien- und Marketingmann bin. Und in genau diese Richtung Medien, Marketing und Content werden wir uns mit der Neva sehr viel stärker aufstellen.

    Die reale Entwicklung sieht ja so aus, dass noch vor wenigen Jahren kaum jemand über einen Internetzugang verfügte, heute dagegen mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Das heißt, das Internet ist nicht mehr wegzudenken. Das Interessante ist, dass das Internet sowohl von der Industrieseite als auch von der Konsumentenseite her ein Potenzial bekommen hat, mit dem man noch ganz andere Sachen machen kann. Zudem geht es aus meiner Sicht um eine intelligente Verknüpfung dieser Welten, um die Verknüpfung von Realität und Virtualität. Mein Anliegen ist, das so intelligent zu machen, dass hier ein in sich schlüssiges Geschäftsmodell entsteht.

    Netzeitung: Einer der Mitbegründer des Meinungsportals Dooyoo hat jetzt ein Geschäftsmodell entwickelt, das den Verkauf von Kaffee auf Messen und Volksfesten zum Inhalt hat – also ein Thema fernab des Internets. Was würden Sie anbieten, wenn es die IT- oder Internet-Branche nicht gebe?

    Neef: Mich interessiert die Verbindung unterschiedlicher Welten, die eigentlich gar nicht zueinander passen oder nicht miteinander kommunizieren können. Genau das habe ich immer getan. An dem Unternehmensnamen Pixelpark sieht man die Verbindung: Pixel – digital, Park – organisch. Auch in meiner spanisch-deutschen Herkunft zeigt sich das. Es reizt mich, eine Verbindung herzustellen, wo es normalerweise keine Verbindungen gibt und an dieser Schnittstelle einen Mehrwert aufzubauen. So entstehen ja eigentlich auch Innovationen.

    Das Gespräch führte Lars Borchert.

     
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