VW kauft sich in Osnabrück ein: 

netzeitung.deEine neue Chance für die «Karmänner»

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Werkstor von Karmann in Osnabrück (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Werkstor von Karmann in Osnabrück
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Volkswagen will Teile des insolventen Osnabrücker Autobauers übernehmen und 1000 Jobs schaffen. Die derzeitige Belegschaft darf sich aber nicht sicher fühlen: «Alle sind gleich weit von einem Arbeitsplatz entfernt», heißt es.

Nur noch 1200 Beschäftigte verlieren sich derzeit auf dem 40 Hektar großen Karmann-Gelände im Südwesten von Osnabrück. Auch von ihnen haben 300 bereits die Kündigung erhalten und müssen Ende Januar den Autobauer endgültig verlassen. Doch jetzt gibt es eine kleine Hoffnung: Volkswagen will große Teile des Autobauers Karmann übernehmen und 1000 neue Jobs schaffen. Auch auf Karmann-Beschäftige, aktuelle wie ehemalige, will VW dabei zurückgreifen.

Allerdings: Vor fünf Jahren bauten auf dem gleichen Areal noch 7300 Karmänner Cabrios und Autodächer oder entwickelten Fahrzeuge. Weltweit waren es sogar 9500. Doch im April musste das mehr als hundert Jahre alte Traditionsunternehmen mangels Aufträgen Insolvenz anmelden.

Zumindest dem Karmann-Gelände will Europas größter Autobauer Volkswagen nun neues Arbeitsleben einhauchen. Der VW-Aufsichtsrat hat am Freitag dem Kauf eines Teils der Maschinen, Anlagen und Grundstücke von Karmann zugestimmt. In den kommenden Wochen will VW eine Tochtergesellschaft für einen VW-eigenen Fahrzeugbau in Osnabrück gründen. Auf dem Karmann-Gelände soll eine neue VW-Fabrik entstehen.

Drei Eigentümerfamilien
Der Zustimmung des VW-Aufsichtsrates zu dem Projekt gingen monatelange Verhandlungen mit der Wilhelm Karmann KG voraus, die sich im Besitz dreier Eigentümerfamilien befindet. Anders als die Karmann GmbH, bei der alle Karmann-Mitarbeiter beschäftigt sind, ist die Karmann KG keineswegs insolvent. Der KG gehört das Gelände samt den darauf stehenden Anlagen, zum Beispiel eine hochmoderne Lackiererei.

Die seit April insolvente Karmann GmbH hat ihre Produktionsstätten von der KG nur gemietet. Um den Verkaufspreis haben Volkswagen und die Karmann KG wochenlang gepokert. VW wollte zunächst nur die 25 Millionen Euro Schulden übernehmen, die Karmann KG durch den Bau der neuen Lackiererei noch hat. Die Eigentümerfamilien verlangten anfangs fast den dreifachen Betrag.

An «Erfolgsgeschichte» Golf Cabrio anknüpfen
Volkswagen will in Osnabrück nun eine Cabrio-Fertigung aufbauen. «Zehn Jahre nachdem in Osnabrück das letzte Golf Cabrio vom Band gerollt ist, kann VW ab März 2011 mit einem Golf VI Cabrio an diese Erfolgsgeschichte wieder anknüpfen», sagte der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff nach der entscheidenden VW-Aufsichtsratssitzung.

Laut VW sollen in Osnabrück zum Projektstart 2010 zunächst 200 Spezialisten Arbeit finden. Nach derzeitigen Planungsstand würden dann bis 2014 über 1000 Arbeitsplätze aufgebaut. Ein Sprecher des Insolvenzverwalters der Karmann GmbH äußerte die Hoffnung, dass nach der VW-Entscheidung zumindest die 902 verbliebenen Karmann-Jobs bestehen bleiben könnten. «Wir sind jederzeit zu Gesprächen und auch zu allen notwendigen Schritten bereit, um die Arbeitsplätze dauerhaft zu sichern», sagte ein Sprecher des Insolvenzverwalters Ottmar Hermann. Allerdings sei der Insolvenzverwalter nicht vorab über die Richtung der VW-Entscheidung informiert worden.

«Strategisch kluge Entscheidung»
Der Osnabrücker IG-Metall-Bevollmächtigte Hartmut Riemann sprach von «eine strategisch klugen Entscheidung von VW». Mit der Eröffnung eines weiteren Produktionsstandortes in Osnabrück sei ein Einstieg von VW bei der insolventen Karmann GmbH allerdings nicht verbunden. «Alle ehemaligen oder jetzigen Karmann-Mitarbeiter, ob gekündigt oder weiter mit Arbeitsvertrag, sind gleich weit von einem Arbeitsplatz bei VW in Osnabrück entfernt», sagte Riemann.

Für Karmann geht mit dem Teilverkauf des Geländes an VW eine auch glorreiche selbstständige Firmengeschichte zu Ende. Firmengründer Wilhelm Karmann fertigt in einer Fabrik für Kutschwagen schon im Jahr 1902 die erste Autokarosserie. In den 20er Jahren war sein Unternehmen Karosseriebauer für Citroen, Chrysler, Mercedes oder Opel. Früh führte es die Serienfertigung nach amerikanischem Vorbild ein.

800.000 Sciroccos gebaut
Nach dem zweiten Weltkrieg rollten bei Karmann dann VW-Käfer-Cabriolets vom Band. Der auf einer VW-Plattform gefertigte Karmann Ghia wurde zu dem Sportwagen des deutschen Wirtschaftswunders. Das erfolgreichste Auto der Firmengeschichte war schließlich der VW Scirocco, von dem Karmann 800.000 Stück herstellte.

In den vergangenen Jahrzehnten rollten in Osnabrück Cabrios für Ford, Audi, Porsche, BMW und Mercedes und auch VW-Golf-Cabrios vom Band. Im Jahr 2004 fertigte der Autobauer noch 80.000 offene Sportwagen. Ab 2006 wurde dann die Suche neuen Aufträgen immer schwieriger. Viele Hersteller vergaben generell kaum noch Fertigungsaufträge nach Außen. Vor fünf Monaten lief schließlich das letzte komplett bei Karmann gefertigte Cabrio in Osnabrück vom Band. (Jürgen Voges, AP)