01.07.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Ein Mitarbeiter der Berliner S-Bahn bei einer Wirbelstromprüfung an einem Radsatz
Foto: dpa
Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Nach der Stilllegung von fast 200 Zügen durch das Eisenbahnbundesamt geht die Berliner S-Bahn nun in die Offensive. In Zukunft werde alles gut, versichert der Geschäftsführer - und blendet kritische Fragen nach Prüfterminen stoisch aus.
Der Konflikt um die Stilllegung von 190 modernen S-Bahnzügen der Baureihe 481 bei der Berliner S-Bahn spitzt sich zu. Nachdem das Eisenbahnbundesamt am Montag wegen versäumter sicherheitsrelevanter Untersuchungen an den Rädern die Züge per Anordnung aus dem Verkehr ziehen ließ, kommt es auch am Mittwoch zu massiven Behinderungen im Berliner Nahverkehr. Wie ein Sprecher der Bahn auf Anfrage der Netzeitung bestätigte, sind rund 140 der einst 190 stillgelegten Züge noch immer nicht wieder einsatzfähig.
Nachdem am 1. Mai im Berliner Vorort Kaulsdorf ein Zug mit Fahrgästen an Bord wegen eines gebrochenen Rades entgleist war, hatte die Berliner S-Bahn dem Eisenbahnbundesamt versichert, keine Züge mit mehr als 1,2 Millionen Laufkilometern mehr auf die Strecke zu schicken. Außerdem sollten die Räder statt alle 14 Tage nun schon alle 7 Tage untersucht werden. Diese Verpflichtungen wurden offenbar nicht erfüllt.
S-Bahn erkennt Probleme nichtUnterdessen sind die Ursachen für die unterlassene Überprüfung der Räder weiter unklar. Auch der amtierende Geschäftsführer der S-Bahn Berlin GmbH, Tobias Heinemann, ließ in einem TV-Interview trotz dreimaliger Nachfrage die Einsicht in die Notwendigkeit einer Aufklärung vermissen. «Darum geht es jetzt nicht, warum die Sachen nicht abgearbeitet sind», erklärte er sichtlich nervös und versuchte, eigene Schwerpunkte zu setzen. «Jetzt geht es darum, sicherzustellen, dass das in Zukunft gewährleistet ist.» Darüberhinaus räumte er ein, er habe «erstmalig gestern Abend erfahren, in welchem Ausmaß wir selber gegen diese internen Fristen verstoßen».
Diese Ansicht teilen nicht alle Betroffenen. Hans-Werner Franz vom Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg zum Beispiel sieht das entschieden anders und findet deutliche Worte. «Das, was jetzt hier vom Eisenbahnbundesamt festgestellt worden ist, ist einmalig in der Bundesrepublik. Und das solche Dinge passieren, das ist überhaupt nicht tolerabel», sagte er und fügte hinzu: «Die S-Bahn gehört zu 100 Prozent dem Bund, und ich meine, es sei an der Zeit, nachdem wir jetzt zwei Jahre Niedergang an Qualität haben, dass sich auch der Eigentümer wirklich um diese Frage kümmert.»
Führungskräfte in GeiselhaftAuch Berlins Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) hat von den jahrelangen hausgemachten Problemen der S-Bahn genug und spricht gar eine Kündigung des Verkehrsvertrages mit der Berliner S-Bahn deutlich an. «Dass wir uns mit dieser Frage keine automatische Verlängerung des Vertrages und mit der Frage der Vertragskündigung überhaupt auseinandersetzen müssen, da habe ich wirklich vor einem halben Jahr noch gehofft, dass man das nicht müsste. Ich verstehe es nicht, und ich sehe auch keine Entschuldigung.»
Eine Entschuldigung hat auch der Betriebsratsvorsitzende der S-Bahn, Heiner Wegner, nicht. Er warnt davor, nur die Führungskräfte der S-Bahn «in Geiselhaft zu nehmen». Die eigentlichen Probleme sieht er ganz woanders. Denn die Verschrottung von Zügen, der Abbau von Personal- und Werkstattkapazitäten und die damit einhergehende Verschlechterung der Qualität sei eigentlich nur eine logische Folge der Forderungen aus der Konzernzentrale, sagte er der Netzeitung.
Die S-Bahn werde von der Bahn gemolken, so Wegner. «Die Bahn sieht die S-Bahn als goldene Kuh. Im vergangenen Jahr haben wir 56 Millionen Euro Reingewinn an die Bahn abgeführt. Dazu kommen noch 30 Millionen über die Managerumlage.» Dies sei auf Dauer einfach nicht mehr machbar. «Wir als Betriebsrat haben schon 2007, als wir mit der S-Bahn einen Sozialplan verhandeln mussten, vor den existenzgefährdenden Sparmaßnahmen gewarnt. In den folgenden Jahren habe ich immer wieder versucht, mit den Geschäftsführern über Personal- und Werkstattkapazitäten zu reden. Doch das wurde ignoriert.» Und genau diese Ignoranz könnte die S-Bahn womöglich nun den Verkehrsvertrag kosten.
Diese Gefahr sieht inzwischen offenbar auch der Vorstand der Deutschen Bahn AG und rief den Aufsichtsrat wegen der andauernden Probleme bei der Berliner S-Bahn für Donnerstag zu einer außerordentlichen Aufsichtsratssitzung zusammen. (nz)