Märklin in der Krise:
Untergangsstimmung an der Stuttgarter Straße
03.02.2009
Herausgeber: netzeitung.de
Wenige Tage vor der Nürnberger Spielwarenmesse, dem entscheidenden Auftragsmarkt der Branche, pokert der Finanzinvestor, dem Märklin seit drei Jahren gehört, mit den Gläubigerbanken öffentlich über die Verlängerung der Kreditlinie von 50 Millionen Euro. Das Insolvenzgespenst schwebt über dem imposanten Werksgebäude aus der Gründerzeit an der Stuttgarter Straße.
Aber gekostet: Die Konzernbilanz wies allein für 2007 rund 13 Millionen Euro Beraterhonorare aus, mehr als zehn Prozent des Gesamtumsatzes von 126 Millionen Euro. «Das sind immer nur Leute, die nur die Zahlen sehen. Märklin ist nicht nur ein Spielzeug. Modellbahn ist ein Markt, der mit Emotionen zu tun hat», sagen interne Kritiker dieser Versuche, die Überlebenschance der Marke zu erhöhen.
Zu dieser Zeit bebte die ganze Branche. Konkurrenten wie Roco, Fleischmann oder LGB gingen durch die Insolvenz. Roco wurde gerettet und kaufte Fleischmann, Märklin übernahm LGB. Aus Göppingen kamen positive Meldungen, wenn auch das Ergebnis nicht veröffentlicht wurde. Ein Berliner Händler sagte vor einem halben Jahr: «Reichlich Bestellungen, die Fans sind wieder zufrieden, der Laden ist neu strukturiert, der Turnaround müsste doch zu schaffen sein.»
Nun sollen es Ralf Coenen und Rainer Nothwang richten, von deren Karrieren in der Öffentlichkeit hauptsächlich haftenblieb, dass sie von Unternehmen kommen, die 2008 Insolvenz angemeldet haben. Und dass sie keine Erfahrung mit kleinen Eisenbahnen hätten. Die Firma konterte mit einem üppigen Neuheitenprospekt für die Spielwarenmesse, der mit 158 Seiten das Format früherer Gesamtkataloge erreichte.
Die Rechnung schien zumindest teilweise aufzugehen: Eine der teuersten Neuheiten 2009, eine Packung mit drei historischen Lokomotiven des schweizerischen Typs «Krokodil» für 1499 Euro, ist schon vor Produktionsbeginn kaum noch zu haben. «Weit überzeichnet», bedauern Sammler, die zu spät gekommen sind. Gute Voraussetzungen eigentlich, 2009 doch noch zu feiern. Und der Markt hat sich auch wieder erholt. Das Statistische Bundesamt meldete am Dienstag, dass 2008 Modellbahnen einschließlich Zubehör im Wert von rund 110,5 Millionen Euro hergestellt wurden. Das waren etwa 8,4 Prozent mehr als 2007 (102,0 Millionen).
Fast genauso sehr wie der Umstand, dass sie noch kein Januargehalt bekommen haben, regt die Leute bei Märklin auf, dass ihr Schicksal jetzt ausgerechnet in den Händen der Banken liegt. «Genau bei denen, die uns die Krise beschert haben», beschwert sich ein Zulieferer. Er wartet nun erst mal mit seiner nächsten Dienstleistung an Märklin. (Thomas Rietig, AP)

