Märklin in der Krise: 

netzeitung.deUntergangsstimmung an der Stuttgarter Straße

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Produktionskontrolle bei Märklin in Göppingen (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Produktionskontrolle bei Märklin in Göppingen
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Den Mitarbeitern bei Märklin ist nicht nach Feiern zumute: Ausgerechnet das 150. Jahr des Bestehens beginnt für sie mit Warten aufs Gehalt. Ob der Spielwarenhersteller einen Kredit verlängert bekommt, steht noch in den Sternen.

150 Jahre Märklin: Eigentlich sollte das ganze Jahr Dampf gemacht werden beim ältesten Modellbahnhersteller der Welt. Statt dessen müssen die 700 verbliebenen Mitarbeiter im traditionsreichen Werk in Göppingen auf ihr Januargehalt warten. Denn Märklin ist schon wieder klamm.

Wenige Tage vor der Nürnberger Spielwarenmesse, dem entscheidenden Auftragsmarkt der Branche, pokert der Finanzinvestor, dem Märklin seit drei Jahren gehört, mit den Gläubigerbanken öffentlich über die Verlängerung der Kreditlinie von 50 Millionen Euro. Das Insolvenzgespenst schwebt über dem imposanten Werksgebäude aus der Gründerzeit an der Stuttgarter Straße.

«Eine Katastrophe», hieß es aus dem Unternehmen am Dienstag. Lieferanten würden nur noch gegen Vorkasse Ware bringen, Händler zeigten Skepsis. Die Gespräche auf der Messe mochte sich niemand ausmalen. Und das, obwohl sich seit Jahren die Unternehmensberater an der Stuttgarter Straße die Klinke in die Hand gaben. Geholfen hat dies bislang offenbar nicht viel.

Aber gekostet: Die Konzernbilanz wies allein für 2007 rund 13 Millionen Euro Beraterhonorare aus, mehr als zehn Prozent des Gesamtumsatzes von 126 Millionen Euro. «Das sind immer nur Leute, die nur die Zahlen sehen. Märklin ist nicht nur ein Spielzeug. Modellbahn ist ein Markt, der mit Emotionen zu tun hat», sagen interne Kritiker dieser Versuche, die Überlebenschance der Marke zu erhöhen.

Die Branche bebte
2006 schien Märklin gerettet. Damals erwarb der Finanzinvestor Kingsbridge das Unternehmen unter Beifall des Betriebsrates von den Familienstämmen, denen die Banken zuvor die Erhöhung der Kreditlinie versagt hatten. Während die Produktpolitik sich nach einigen Irrwegen wieder am Mainstream der Kunden orientierte und prompt auch der Umsatz wieder anzog, wurde ein Werk mit 400 Mitarbeitern in Sonneberg geschlossen und mehrere Hundert weitere Stellen abgebaut beziehungsweise nach Ungarn verlagert. Auch in China wurde produziert.

Zu dieser Zeit bebte die ganze Branche. Konkurrenten wie Roco, Fleischmann oder LGB gingen durch die Insolvenz. Roco wurde gerettet und kaufte Fleischmann, Märklin übernahm LGB. Aus Göppingen kamen positive Meldungen, wenn auch das Ergebnis nicht veröffentlicht wurde. Ein Berliner Händler sagte vor einem halben Jahr: «Reichlich Bestellungen, die Fans sind wieder zufrieden, der Laden ist neu strukturiert, der Turnaround müsste doch zu schaffen sein.»

Den Jubel dämpften Gerüchte, es gehe alles andere als bergauf. Vor allem im Internet trampelten Hobby-Betriebswirte, gerne auch anonym, auf der Geschäftspolitik herum. Ob Märklin das Jubeljahr überleben wurde, stand in den Sternen. Trotz Meldungen vom Januar, dass der Umsatz 2008 leicht auf 128 Millionen gestiegen sei, wollte drinnen und draußen keine Freude aufkommen. Die Geschäftsführer wechselten im Semester-Rhythmus.

Nun sollen es Ralf Coenen und Rainer Nothwang richten, von deren Karrieren in der Öffentlichkeit hauptsächlich haftenblieb, dass sie von Unternehmen kommen, die 2008 Insolvenz angemeldet haben. Und dass sie keine Erfahrung mit kleinen Eisenbahnen hätten. Die Firma konterte mit einem üppigen Neuheitenprospekt für die Spielwarenmesse, der mit 158 Seiten das Format früherer Gesamtkataloge erreichte.

Eigentlich gute Signale
Viele Loks, Wagen und Gebäude - sogar ein Blechschiff «Jolanda» ist darunter -, sind Replika. «Sie wollen mit der Neuauflage alter Modelle mit so wenig Investitionen wie möglich so viel Geld wie möglich machen», meinte der Händler nicht ohne Respekt. Gerade für ein Traditionsunternehmen liegt die Vermarktung noch vorhandener Formen nahe.

Die Rechnung schien zumindest teilweise aufzugehen: Eine der teuersten Neuheiten 2009, eine Packung mit drei historischen Lokomotiven des schweizerischen Typs «Krokodil» für 1499 Euro, ist schon vor Produktionsbeginn kaum noch zu haben. «Weit überzeichnet», bedauern Sammler, die zu spät gekommen sind. Gute Voraussetzungen eigentlich, 2009 doch noch zu feiern. Und der Markt hat sich auch wieder erholt. Das Statistische Bundesamt meldete am Dienstag, dass 2008 Modellbahnen einschließlich Zubehör im Wert von rund 110,5 Millionen Euro hergestellt wurden. Das waren etwa 8,4 Prozent mehr als 2007 (102,0 Millionen).

«Damit scheint sich die Herstellung dieses seit Generationen beliebten Spielzeugs in Deutschland nach Jahren des Rückgangs nun wieder zu stabilisieren», schrieb die Behörde. Zuvor war seit 2002 der Wert der Inlandsproduktion von rund 286 Millionen Euro auf wenig mehr als ein Drittel gefallen. «Ursache war neben dem geänderten Kaufverhalten die Verlagerung einiger Produktionsstätten ins Ausland.»

Fast genauso sehr wie der Umstand, dass sie noch kein Januargehalt bekommen haben, regt die Leute bei Märklin auf, dass ihr Schicksal jetzt ausgerechnet in den Händen der Banken liegt. «Genau bei denen, die uns die Krise beschert haben», beschwert sich ein Zulieferer. Er wartet nun erst mal mit seiner nächsten Dienstleistung an Märklin. (Thomas Rietig, AP)