Wo die Airlines ihr Heil suchen: 

netzeitung.deLuftfahrt zwischen Flugkürzung und Fusionitis

 Herausgeber: netzeitung.de

Wenn wegen der Krise die Geschäfte schlechter laufen, steigen Manager seltener ins Flugzeug. Die Folge: Allenthalben ist in der Luftfahrtbranche von Kapazitätsabbau und Übernahmen die Rede - mit Auswirkungen auf die Jobs.

Die globale Wirtschaftskrise bringt die Flugindustrie in Bewegung – und lässt Zigtausende Beschäftigte über die langfristige Zukunft ihrer Arbeitsplätze zweifeln. Da wird über Fusionen nachgedacht und gesprochen, an anderer Stelle die Streichung von Flugkapazitäten beschlossen. Der weltweite Rückgang der Passagierzahlen belastet die Branche, die Wirtschaftskrise drückt auch das Luftfracht-Aufkommen.

Vor allem das Geschäft mit Geschäftsreisenden verzeichnet einen spürbaren Einbruch, wie der internationale Luftfahrtverband IATA berichtet. Im September gingen hier die Fluggastzahlen um acht Prozent zurück. Insgesamt sanken die Passagierzahlen um 2,9 Prozent im September und um weitere 1,3 Prozent im Oktober. Die größte Abschwächung gab es in Nordamerika und im Flugverkehr zwischen den USA und Asien. Von deutschen Flughäfen flogen im Zeitraum Juli bis September, also in der Hauptreisezeit, 0,8 Prozent weniger Passagiere ab als ein Jahr zuvor.
Delta kürzt Kapazitäten weiter
Folglich sind es vor allem US-Airlines, die mit der sinkenden Nachfrage zurechtkommen müssen. Der Branche stehen also weitere Einschnitte bevor. Delta Air Lines kündigte an, man werde die Kapazitäten im nächsten Jahr um sechs bis acht Prozent stutzen – womöglich werde man auch Stellen streichen. Auch Konkurrent United Airlines schließt eine weitere Reduzierung ihrer Flüge nicht aus, doch sieht das Unternehmen dafür derzeit keine Notwendigkeit.

Allerdings hatte United schon im Sommer deutliche Kürzungen angekündigt: um 18 Prozent bis Ende dieses Jahres sowie um weitere 20 Prozent bis Ende 2009. Ähnliches vermeldeten andere Anbieter. Damals hatten die Maßnahmen den teuren Treibstoff als Grund. Davor braucht die Branche derzeit große Angst mehr zu haben – der Ölpreis ist seitdem auf unter 50 Dollar je Fass (159 Liter) eingebrochen, und mit ihm der Preis fürs Kerosin. Das hilft den Airlines zwar ein wenig, doch dafür kämpfen sie jetzt mit dem Wegbrechen der Kundschaft.
Zwischen Flugstreichung und Fusionitis
Deshalb bezweifeln Branchenexperten, ob die schon verkündeten Flugreduzierungen ausreichen – sie halten womöglich nicht Schritt mit der stark nachlassenden Nachfrage. Damit könnten zu Jahresbeginn wohl weitere Einschnitte drohen. Wie sich die Flugkürzungen auf die Arbeitsplätze auswirken, wollen die US-Airlines bisher noch nicht konkret sagen. In einer internen Mitteilung an die Beschäftigten äußerte das Delta-Management lediglich, man prüfe die Auswirkung. Delta ist derzeit ohnehin dabei, die Fusion mit Northwest zur weltgrößten Airline umzusetzen - was mit einem deutlichen Stellenabbau einhergeht.

Fusion ist in der Branche derzeit sowieso Gesprächsthema. Die Wirtschaftskrise wirkt letztlich nur als Katalysator für einen Umbruch, in dem sich die europäische Luftfahrtindustrie seit längerem befindet. Jüngste Schritte: die erwartete Übernahme der österreichischen Austrian Airlines (AUA) durch die Lufthansa, Fusionsverhandlungen zwischen British Airways (BA) und der australischen Qantas sowie ein Kaufangebot von Ryanair für Aer Lingus.

Der irische Billigflieger beißt bei seinem Konkurrenten, der ebenso von der Insel stammt, allerdings auf Granit: Aer Lingus hält die Offerte vom Wochenbeginn für zu niedrig und rät den Anlegern von der Annahme ab. Ryanair versucht seit einiger Zeit, Aer Lingus zu übernehmen und so eine starke irische Fluggesellschaft als Konkurrent zu den großen europäischen Airlines zu formen.

Lufthansa parkt Maschinen
Schon seit längerem verhandelt BA über eine Fusion mit der spanischen Iberia, Italien sucht händeringend einen Investor für die marode Alitalia, und auch die skandinavische SAS gilt als Übernahmekandidat. Die Lufthansa ist schon seit mehreren Jahren auf Einkaufstour – etwa, indem sie sich die Swiss an Bord holte. Mit der AUA hat sie sich allerdings einen Verlustbringer angeschafft. Bereits klar ist auch die Übernahme des BA-Konkurrenten British Midland (BMI) im nächsten Jahr.

Zugleich befassen sich aber auch in Europa die Airlines mit der Frage, ob sie Teile ihrer Flotte am Boden lassen. Die Lufthansa wird voraussichtlich weitere Maschinen parken. Dies betreffe sowohl kleine Flugzeuge mit hohen Stückkosten als auch große wenig rentable Maschinen, heißt es in der Mitarbeiter-Zeitung «Lufthanseat». Über den Zeitpunkt ist aber noch nicht entschieden.

Für das Web ediert von Matthias Breitinger