Staatshilfe für die Banken:
Klauseln des Rettungsplans «ökonomisch unklug»
24.10.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Martin Faust: Das Rettungspaket war wichtig, um Vertrauen zu schaffen. Damit wurde dem Markt signalisiert, dass der Staat alles tut, um das Bankensystem zu retten. Das hat auch Außenwirkung gegenüber anderen Ländern, zum Beispiel gegenüber Investoren in Großbritannien, die sonst womöglich Kapital aus Deutschland abgezogen hätten.
Banken müssen jedoch eine bestimmte Eigenkapitalquote erfüllen. Das heißt: Die jetzt noch komfortable Eigenkapital-Situation bei den deutschen Banken kann sich in den kommenden Monaten drastisch ändern. Sie mögen das Rettungspaket jetzt noch nicht annehmen, aber ich bin sehr sicher, dass in den nächsten Monaten immer mehr Institute davon Gebrauch machen werden auch die, die das jetzt noch weit von sich weisen.
Netzeitung: Das heißt, die Banken werden auch auf die Refinanzierungsspritze zurückgreifen müssen. Die ist aber auf zehn Milliarden Euro je Bank gedeckelt. Das mag für kleine Institute viel sein, für die Deutsche Bank wären das aber doch Peanuts?
Faust: Die Deckelung ist völlig unsinnig. Was wäre denn zum Beispiel, wenn die BayernLB in ein paar Monaten ankäme und noch mal 6 Milliarden wollte? Kürzt das die Politik dann entsprechend, weil die Landesbank schon 5,6 Milliarden bekommen hat? Nein, der Staat würde der Bank natürlich mehr geben. Die Deckelung ist also ohne Wert.
Faust: Dass die Maßnahme freiwillig ist, sehe ich nicht kritisch. Auch die Diskussion über die Kürzung der Vorstandsgehälter halte ich für übertrieben. Das ist nicht dramatisch und wird niemanden abhalten. Viel gravierender ist indes, dass dann die Geschäftspolitik des betroffenen Instituts auf dem Prüfstand steht. Es würde also darüber entschieden, welche Geschäfte die Bank noch machen darf. Das ist unter volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten äußerst kritisch. Wenn sehr viele Banken gezwungen würden, sich aus bestimmten Bereichen zurückzuziehen, entstünde dort eine Lücke. Machen alle Banken nur noch die gleichen Geschäfte, sinken dort zudem die Margen.
Ein Passus des Rettungsplans schreibt vor, dass das mittelständische Kreditgeschäft im gleichen Volumen weiterbetrieben werden soll. Angesichts einer bevorstehenden Rezession könnte diese Klausel fatal sein: Wenn die Bank selbst im Abschwung und in der Rezession ein unverändertes Kreditvolumen geben soll an Kunden, die aber bonitätsschwächer geworden sind dann sind höhere Ausfallraten vorprogrammiert. Insofern ist diese Regel ökonomisch unklug.
Netzeitung: Sie sehen die Vorgaben des Rettungsplans also zu statisch?
Faust: Richtig. Ich glaube allerdings, dass die Politik am Ende die Regelungen nicht so strikt umsetzen kann. Die Klauseln dient teils ja zur Beruhigung der Wähler, also der Steuerzahler, von denen das Geld kommt. Aus Politikersicht ist das verständlich, aber inwiefern sich das alles so umsetzen lässt, muss man bezweifeln. Viel wichtiger wäre, dass der Staat für Transparenz sorgt. Es muss sichergestellt sein, dass alle Risiken in der Bilanz sind und nicht in dubiosen Zweckgesellschaften versteckt werden. Zudem müssen die Risiken vernünftig gemessen und kontrolliert werden.
Faust: Zunächst einmal: Wer auf das Rettungspaket zurückgreift, ist gebrandmarkt. Das gilt insbesondere, wenn Sie im Privatkundengeschäft tätig sind. Dann besteht die Gefahr, dass die Kunden den Rückgriff auf die Hilfe als Schwäche betrachten und Einlagen abziehen. Im Geschäft zwischen den Banken sehe ich die negative Wirkung aber nicht. Die BayernLB stand doch schon bei allen anderen Banken auf der «watchlist». Jetzt, wo der Staat sich stärker daran beteiligt, ist die Bonität eher noch besser geworden.
Was Sie ansprechen, ist sicherlich eine Gefahr: Nimmt ein Vorstand das Rettungspaket in Anspruch, wird das als Manko angesehen. Dann wird sofort der Ruf laut: Wer so schlecht gewirtschaftet hat, gehört abgelöst. Sicherlich gibt es eine Mitschuld, aber vieles ist eben marktgegeben. Es wäre fatal, wenn jetzt alle Vorstände sofort an den Pranger gestellt würden.
Netzeitung: Die IKB hat frühere Vorstände zur Rückzahlung von Tantiemen aufgefordert. Sollte das Vorbild für andere Banken sein?
Faust: Das ist eine grundsätzliche Frage der Entlohnungskultur. Die Systeme müssten etwa dergestalt verändert werden, dass ein Vorstand bestimmte Tantiemen erhält, deren Höhe sich aber erst nach drei oder vier Jahren final bemisst. Dann würde nicht nur das heutige Ergebnis zugrunde gelegt, auch die künftige Entwicklung flösse mit ein. Langfristiges Denken und Planen muss stärker honoriert werden.
In der Versicherungsbranche gibt es das längst: Makler bekommen nicht sofort alle Provisionen überwiesen ein Teil wird wegen eventueller Stornierungen zurückgehalten. Der Vermittler erhält den Rest erst nach ein, zwei Jahren. Auf diese Weise sichert sich das Unternehmen dagegen ab, dass Makler alle möglichen Kunden ansprechen, womöglich auch finanziell klamme, die schon nach wenigen Monaten die Beiträge nicht mehr bezahlen können. So etwas könnte ich mich auch für die Managergehälter vorstellen.
Faust: Wie ich aus der Branche höre, fließt das Geld durchaus wieder stärker als früher. Aus meiner Sicht muss es das auch: Durch die Rettungspläne wird keine Bank mehr pleite gehen, weder in Deutschland noch in Europa und den USA. Deshalb besteht überhaupt kein Grund, warum die Banken sich untereinander nicht wieder Geld leihen sollten.
Netzeitung: Ist damit auch die Gefahr der Kreditklemme geringer geworden oder gar gebannt?
Faust: Da muss man differenzieren. Die Liquiditätsengpässe der Banken sind behoben. Das andere ist aber die Frage der geringen Eigenkapitalisierung. Die Banken werden deswegen möglicherweise ihr Kreditgeschäft deutlich herunterfahren. Deshalb existiert durchaus die Sorge einer Kreditklemme. Sie wird aus meiner Sicht in Deutschland aber nicht dramatisch sein, weil hierzulande die Sparkassen und Genossenschaftsbanken im Markt sehr stark sind. In anderen Ländern wie den USA und Großbritannien sieht es da ganz anders aus.
Entscheidend ist aber ein anderer Punkt: Die Unternehmen und Privatpersonen müssen auch kreditwürdig sein. Unternehmen, die wegen der Rezession und ihrer Folgen fürs Geschäft an Bonität verlieren, erhalten womöglich nur noch unter schweren Bedingungen einen Kredit wenn überhaupt. Das würde ich aber nicht als Kreditklemme bezeichnen, auch wenn das die Industrieverbände so nennen. Die Banken verhalten sich da ganz normal und rational. Selbst wenn eine Bank ausreichend Kapital hat, würde sie dann unter Umständen keinen Kredit geben.
Martin Faust ist Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance & Management. Mit ihm sprach Matthias Breitinger.

