Unsicheres US-Rettungspaket: 

netzeitung.de«Keiner weiß, was die Banken beim Staat abladen»

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Inbegriff der US-Finanzwelt: Die Wall Street in New York (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Inbegriff der US-Finanzwelt: Die Wall Street in New York
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das 700-Milliarden-Paket für die US-Finanzbranche stößt bei Ökonomen auf Kritik. Bankenexperte Leisen erklärt im Interview mit der Netzeitung , warum er die Branche besser sich selbst überlassen hätte.

Netzeitung: Der US-Kongress hat den Weg für das 700-Milliarden-Paket zur Rettung von angeschlagenen Banken frei gemacht. Herr Professor Leisen, sind damit die Probleme in der Finanzwirtschaft weitgehend gelöst?

Dietmar Leisen: Das lässt sich im Moment noch schwer sagen. Dazu müsste man wissen, was die Banken tatsächlich in ihrem Portfolio haben. Man geht aber erst einmal davon aus, dass die 700 Milliarden Dollar ausreichen. Die Banken können nun ihre schlechten Wertpapiere loswerden, weil der Staat sie übernimmt, und können sich wieder ihrem eigentlichen Geschäft, nämlich der Kreditvergabe, widmen, die derzeit stockt. Wobei wir nicht wissen, ob diese Wertpapiere wirklich schlecht sind. Sie sind nur im Moment unverkäuflich.

Netzeitung: Das heißt, der Staat als neuer Eigentümer dieser Papiere könnte sie später einmal womöglich sogar gewinnbringend veräußern.

Leisen: Das ist nicht ausgeschlossen, aber das kann derzeit niemand zusichern. Das andere Szenario wäre, dass die Summe komplett verloren geht. Genau darin besteht das Risiko des Hilfspakets: Keiner weiß, was die Banken wirklich beim Staat abladen. Im schlimmsten Fall könnte das passieren, was man in der Wissenschaft das «moral hazard»-Problem nennt: Die Banken geben selektiv die schlechtesten Papiere ab und behalten die guten. Dann dürfte der Staat später aber schwerlich die Papiere ohne Verlust verkaufen können.

Netzeitung: Sie halten das 700-Milliarden-Paket also für eine schlechte Lösung?

Leisen: Ich sehe das kritisch, und auch in den USA hat sich eine Reihe von Ökonomen dagegen ausgesprochen, nicht nur wegen «moral hazard». Ich sehe durchaus den Vorteil der Maßnahme für das Kreditgeschäft, aber ein bereinigendes Gewitter ist von Zeit zu Zeit erforderlich. Das Paket verhindert womöglich das Gewitter, das in der Finanzbranche notwendig wäre. Jetzt liegt das Risiko beim Steuerzahler, und die Banken sind es los. Eigentlich bin ich eher für die Marktlösung: Die Banken haben sich die Sache eingebrockt und müssen dann auch die Suppe auslöffeln.

Netzeitung: Mit dem Risiko, dass womöglich viele Kunden aus Sorge um ihr Geld ihre Einlagen abheben, also ein «Bank Run» einsetzt. Schließlich hat es – nachdem zunächst mit Lehman Brothers eine Investmentbank kollabierte – jetzt auch eine Bank mit Einlagengeschäft erwischt: Washington Mutual.

Leisen: Es gibt ja immer noch die Einlagensicherung. Allerdings steht in den USA dahinter letztlich der Staat, also wie beim jetzigen Rettungspaket der Steuerzahler. Ich würde jedenfalls das Risiko eingehen. Wenn tatsächlich die Gefahr eines «Bank Run» besteht, kann sich das betroffene Institut Liquidität über die Zentralbank beschaffen. Das Problem ist, dass eine an sich solvente Bank durch den «Bank Run» erst in die Insolvenz getrieben wird – und dahinter stecken oft ungerechtfertigte Gerüchte, die zum Abzug der Liquidität führen. Das scheint auch bei Lehman Brothers zum Zusammenbruch geführt zu haben. Aus dieser Sichtweise heraus würde man sagen: Die tatsächlichen Probleme sind gar nicht so groß, es handelt sich lediglich um eine Überreaktion der Marktteilnehmer. Es kann aber auch sein, dass die Banken wirklich essenzielle Probleme haben.

Netzeitung: Gerade weil solche Gerüchte am Markt umgehen, haben die Börsenaufsichten – in Deutschland die Bafin – Leerverkäufe bestimmter Finanztitel verboten, zumindest bis Jahresende. Sollte man «short selling» dauerhaft verbieten?

Leisen: Aus ökonomischer Sicht sind Leerverkäufe prinzipiell positiv und notwendig, denn sie sorgen am Markt für Symmetrie und verbessern damit die Preisfindung. Allerdings ist der Markt derzeit sehr empfindlich für Gerüchte, die zum Preissturz eines Unternehmens führen. Leerverkäufer spekulieren aber genau darauf, dass die Preise fallen. Wenn sie also in dem nervösen Markt das Gerücht streuen, dass die Bank insolvent werden könnte, können sie die Preisbildung manipulieren. Daher war die Entscheidung richtig, solche Leerverkäufe zu verbieten, aber nur temporär, bis sich der Markt wieder beruhigt.

Netzeitung: Inzwischen müssen auch europäische Staaten Banken unter die Arme greifen. Sind die Fälle Fortis, Hypo Real Estate und Bradford & Bingley womöglich nur die Vorboten einer großen Krise in Europa? Sehen Sie das Problem einer Kreditklemme für die Wirtschaft?

Leisen: Dazu müsste man wissen, was sich in den Bilanzen europäischer Banken noch so alles verbirgt, und genau das ist derzeit ja so problematisch. Bisher gibt es keine Anzeichen, dass in Deutschland die Kreditvergabe eingeschränkt wäre. Die Krise kommt im Wesentlichen aus den USA, und die faulen Kredite liegen in erster Linie bei amerikanischen Banken. Die deutschen Sparkassen, die die Finanzierung des deutschen Mittelstands vorrangig betreiben, haben solche Kredite nicht in großem Stil gekauft, das waren eher die Landesbanken. Diese sind aber nicht in großem Maße im Mittelstandsgeschäft tätig.

Netzeitung: Aber die Sparkassen sind mit den Landesbanken verwoben.

Leisen: Sicher, aber die Sparkassen verbuchen jetzt nicht Verluste en masse. Sie stehen ordentlich da, deshalb sehe ich keine Probleme für die Finanzierung des Mittelstands. Was natürlich passieren kann, ist, dass wir tatsächlich in eine Rezession rutschen. Aber das ist etwas anderes.

Netzeitung: Genau das ist aber die Frage: Handelt es sich um eine reine Krise der Finanzwirtschaft oder schlägt sie auf die Realwirtschaft durch?

Leisen: Richtig, aber das lässt sich im Moment kaum sagen, da uns die statistischen Indikatoren noch fehlen. Genauer lässt sich das erst in ein paar Monaten sagen. Die Unsicherheit über die konjunkturelle Lage erkennen Sie auch daran, wie sich der Bundesfinanzminister äußert. Vor zwei Wochen war Peer Steinbrück noch überzeugt, dass die Krise keine großen Auswirkungen auf die Realwirtschaft hat. Letzte Woche ist er wesentlich vorsichtiger geworden.

Netzeitung: Müsste es international – oder zumindest auf europäischer Ebene – eine Finanzaufsicht geben?

Leisen: Zunächst einmal: Die Banken werden schon stark reguliert. Sie können nicht machen, was sie wollen. Das deutsche Kreditwesengesetz ist sehr umfassend, und auch die Eigenkapitalvorschriften von Basel II sind Hunderte von Seiten lang. Basel II gilt seit 2007, die Regelungen sind also erst deutlich verschärft worden. Deshalb wäre ich vorsichtig damit, die Regulierung jetzt schon wieder zu verstärken. Man muss wahrscheinlich an gewissen Stellschrauben drehen. Aber auf europäischer Ebene ist tatsächlich eine gemeinsame Lösung notwendig. Hier muss die Regulierung stärker miteinander vernetzt werden. Über Europa hinaus existiert schon ein Instrument, nämlich der Basler Ausschuss für Bankenaufsicht.

Eines wäre jetzt aber sicherlich falsch: den Banken zu verbieten, gewisse Geschäfte einzugehen. Verbriefung an sich ist nichts Negatives, sondern sorgt dafür, dass Risiken im System besser gestreut werden. Würde das untersagt, könnte eine Bank letztlich weniger Kredite vergeben. Bankenkrisen gibt es immer wieder, und sie liegen in der Natur der Sache. Banken gehen gewisse riskante Geschäfte ein, das müssen sie auch. Schon die Vergabe eines Kredits ist mit einem gewissen Risiko behaftet. Geht es schief, steht die Bank dafür gerade, nicht Sie als Sparanleger.

Netzeitung: Welche längerfristigen Lehren sollte man aus der Finanzkrise ziehen?

Leisen: Man hat erstens das Problem der Liquidität unterschätzt. Es hätte wohl niemand gedacht, dass man gewisse Dinge über einen so langen Zeitraum nicht verkaufen kann und damit Liquidität im Markt so lange brachliegt. Das geht nun schon mehr als ein Jahr. Mit dieser Frage wird man sich künftig intensiver befassen müssen. Das zweite Problem: Die Produkte und Modelle sind sehr kompliziert geworden, und wir haben sie wahrscheinlich nicht bis ins Letzte durchschaut. Deshalb brauchen wir einen Sicherheitsfaktor, so wie ihn Ingenieure einplanen, wenn sie eine Brücke bauen. Ich plädiere für eine Oberbegrenzung für die Aufnahme von Risiken.

Netzeitung: Eine solche Obergrenze wäre aber mehr oder weniger willkürlich gesetzt.

Leisen: Wo genau das Optimum liegt, ist schwer zu sagen. Die Obergrenze führt dazu, dass Renditeerwartungen schwieriger zu erfüllen sind. Damit steigen tendenziell die Kreditzinsen. Kurzum: Man macht die Banken sicherer, aber es entstehen dafür gewisse volkswirtschaftliche Kosten, die bei den Kreditnehmern anfallen. Letztlich muss die Gesellschaft für sich entscheiden, wie viele Risiken sie eingehen und inwieweit sie günstige Kredite haben möchte.

Dr. Dietmar Leisen ist Professor für Bankbetriebslehre an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Mit ihm sprach Matthias Breitinger.