Interview mit Arriva-Chef:
«Bahn-Konzern muss transparenter werden»
02. Okt 2008 14:31
 |  Teil des Arriva-Konglomerats: Die Vogtlandbahn in Sachsen | Foto: Arriva Deutschland GmbH |
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Der private Bahn-Konkurrent Arriva steht dem Börsengang des Staatskonzerns positiv gegenüber – allerdings unter Vorbehalt, wie Geschäftsführer Marlow im Gespräch mit der
Netzeitung darlegt.
Netzeitung: Die Deutsche Bahn geht Ende Oktober an die Börse. Welche Folgen hat das für die Wettbewerber generell, und für Arriva im Besonderen?Piers Marlow: Wir halten den Börsengang für einen strategisch guten Schritt. Die Deutsche Bahn hat erkannt, dass der Wettbewerb zunimmt und sie künftig wohl nicht so viele Verträge erhalten wird wie früher. Wir begrüßen einen Wettbewerb auf einem fairen Level. Nur gibt es noch keine ausreichende Transparenz zwischen den verschiedenen Infrastrukturbereichen der Deutschen Bahn – also DB Netz und DB Bahnhöfe – und ihrem Zugbetrieb.
Wenn wir gegenwärtig bei Ausschreibungen im Regionalverkehr gegen die Deutsche Bahn bieten, müssen wir in unser Angebot auch die Gebühren für alle diese DB-Töchter integrieren. Bei einem Börsengang muss transparenter werden, wie in Bezug auf diese Gebühren die Verträge innerhalb des DB-Konzerns aufgebaut sind. Denn die Regelungen müssen natürlich für jeden gleich sein. Aber die Tatsache, dass die Deutsche Bahn Anteilseigner haben wird, die genau wie unsere Aktionäre eine Rendite erzielen wollen, kann dem Markt nur helfen.Netzeitung: Das heißt, Transparenz bei den Gebühren reicht für Sie aus? Manche fordern ja eine klare Aufspaltung in die Infrastruktur einerseits und den Zugbetrieb andererseits.
 |  Piers Marlow | Foto: Arriva Deutschland |
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Marlow: Ich glaube nicht, dass weitere Schritte notwendig sind. Ich stehe der Struktur, wie sie für den Börsengang jetzt vorgesehen ist, offen gegenüber. Man muss abwarten, wie die Dinge nach der Teilprivatisierung laufen werden. Alles andere wäre jetzt Spekulation. Aber man muss klar sagen: Die jetzt gefundene Lösung eines DB-Börsengangs ohne Schienennetz ist sicherlich die bessere gegenüber der ursprünglichen Idee.Netzeitung: Im Zusammenhang mit dem Börsengang wird der Ruf nach mehr Wettbewerb im Fernverkehr laut, in dem die DB noch ein Monopol hat. Ist das für Arriva ein interessanter Bereich – also der Einstieg in den Fernverkehr?
Marlow: Zurzeit sind Fernverbindungen für uns nicht interessant. Wir konzentrieren uns auf regionale Dienstleistungen, die wir wirtschaftlich erfolgreich betreiben, und das vielfach ohne Zuschüsse. Fernverkehr ergäbe momentan rein kommerziell für uns keinen Sinn. Das wäre auch ein sehr großer Schritt. Es gibt hier schon eine Reihe von großen Playern wie die französische SNCF und eben die DB, die das Geschäft vernünftig betreiben.
Netzeitung: Aber sehen Sie die Lage grundsätzlich ähnlich wie diejenigen, die fordern, dass es angesichts der Bahn-Privatisierung mehr Wettbewerb auf Fernstrecken geben müsse?Marlow: Das ist eine freie unternehmerische Entscheidung. Wer in den Fernverkehr einsteigen und somit in Wettbewerb zur DB treten möchte, kann das gern tun. Wir könnten das auch, wenn wir es wollten. Aber von den Möglichkeiten, die im Bahnverkehr existieren, ist der Fernverkehr für uns die am wenigsten attraktive. Wissen Sie, der Markt für Regionalverkehr ist groß genug, dass wir darin wachsen können. Wir haben in verschiedenen Ländern ein etabliertes Netzwerk von regionalen Dienstleistungen, und darauf wollen wir uns konzentrieren. Langfristig… wer weiß? Da könnten sich die Bedingungen vielleicht ändern.
Keine Angst vor DB-Billigtöchtern
Netzeitung: Sehen Sie dabei den «Vogtland-Express» als Regional- oder als Fernverkehr?
Marlow: (lacht) Es ist im Grunde eine regionale Fernstrecke, wenn man es so definieren kann. Sicher, die Strecke des «Vogtland-Express» entspricht eher dem Fernverkehr, aber er ist ja kein ICE, sondern er hält immer wieder. Wenn Sie von Chemnitz bis nach Berlin fahren wollen, steigen Sie vermutlich eher irgendwo in einen ICE um, da es ansonsten länger dauert. Unter Fernverkehr, über den wir gerade gesprochen haben, verstehe ich zum Beispiel die Verbindung Berlin-Leipzig mit zwei Halten, aber nicht Strecken mit zehn Stopps.Netzeitung: Die Deutsche Bahn hat angekündigt, den Regionalverkehr in Tochterfirmen auszugliedern, wo laut Gewerkschaften geringere Löhne gezahlt werden sollen. Sehen Sie das als Kampfansage der Bahn? Wird der Wettbewerb also künftig über Lohndumping ausgetragen?
Marlow: Das glaube ich nicht. Wir haben unser Geschäft ohne solche Maßnahmen aufgebaut, und ich hoffe, dass wir das auch weiterhin so halten können. Wir müssen alle den Betrieb betriebswirtschaftlich rational betreiben, und das betrifft nicht nur die Gehälter. Ich weiß nicht, was die Deutsche Bahn diesbezüglich denkt. Ich persönlich sehe die Ankündigung mehr als Reaktion auf die Schwierigkeiten, die die Streiks im vergangenen Jahr gebracht haben.
Netzeitung: Das heißt, Sie betrachten die Bahn-Pläne eher als Kampfansage gegen die Gewerkschaften, nicht gegen die Wettbewerber?
Marlow: Nun, danach sieht es aus, aber das ist meine persönliche Meinung. Da sollten Sie besser Herrn Mehdorn fragen. Es gab letztes Jahr einen langen und schädigenden Streik, der zu einem wesentlichen Anstieg der Personalkosten geführt hat. Ich nehme an, die DB versucht nun, diesem Problem Herr zu werden. Sie hat immer einen harten Wettbewerb gefahren und wird das auch weiterhin tun. Die privaten Konkurrenten müssen sicherstellen, dass sie auch zukünftig mit attraktiven Geboten mithalten können.
«Bei Ausschreibungen geht es nicht immer nur um Kosten»
Netzeitung: Wäre ein Mindestlohn – wie von den Gewerkschaften gefordert – eine Lösung, damit der Wettbewerb eben nicht über die Gehälter, sondern über Service, Zuverlässigkeit und Kundenzufriedenheit ausgetragen wird?Marlow: Bei vielen Ausschreibungen, die wir gewinnen, sind nicht in erster Linie die Kosten ausschlaggebend. Manche haben wichtigere Elemente, die mit der Qualität der Dienstleistungen zu tun haben, als einfach nur der Preis. Ich kann nicht einschätzen, wie sich die Forderung der Gewerkschaft auswirken würde. Aber natürlich sollte man sich darauf fokussieren, Wettbewerb über Qualität und Kundenzufriedenheit zu erzielen, nicht allein über die Personalkosten. Diese sind im Übrigen in einer Ausschreibung auch kein so wichtiger Aspekt.
Netzeitung: Sie wollen in Deutschland den Umsatz in den kommenden Jahren verdoppeln. Woher wird dieses Wachstum kommen?
Marlow: Es ist eine Mischung aus Zukäufen einerseits und mehr gewonnenen Ausschreibungen andererseits. Und das sind hoffentlich Ausschreibungen mit einem Gewinn für den Wettbewerber, denn nicht bei allen Ausschreibungen profitiert das Unternehmen wirklich. Aber auch der Erwerb weiterer Firmen ist eine richtige Sache, die wir in der Vergangenheit gemacht haben und auch künftig fortsetzen werden.
Netzeitung: In Essen steht der Verkehrsbetreiber Abellio zum Verkauf, der im Moment mehrheitlich britischen Investoren gehört. Schauen Sie sich das Angebot näher an?
Marlow: Das möchte ich zum jetzigen Zeitpunkt weder ausschließen noch nun öffentlich Interesse bekunden. Vielleicht ist das eine interessante Gelegenheit. Wir sind immer an Möglichkeiten interessiert, durch einen Zukauf zu wachsen, und haben auch stets eine Reihe von potenziellen Zukäufen oder Investitionen. Es muss im Einzelfall geprüft werden, wie attraktiv sie für uns sind.
Netzeitung: Spüren Sie in Ihrem Passagiergeschäft die Folgen des hohen Ölpreises?
Marlow: Die Entwicklung am Ölmarkt ist natürlich ein Thema, aber derzeit kein großes. Bis jetzt waren wir in der Lage, die Dieselpreise in einigen Gegenden längerfristig durch Lieferverträge abzusichern, die wir schon vor ein oder zwei Jahren abgeschlossen haben. Deshalb haben wir keinen so großen Einfluss gespürt wie alle, die ihr Auto mit Benzin füllen.
 |  Im Rhein-Main-Gebiet ist die Arriva-Tochter Autobus Sippel aktiv | Foto: Arriva Deutschland GmbH |
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Aber natürlich gibt es auch für uns Grenzen, wie lange das noch einigermaßen glimpflich weitergehen kann. Wenn der Ölpreis wieder auf 150 Dollar je Barrel steigt, wird das sicherlich einen Einfluss haben – und wenn die Ticketpreise den gestiegenen Ölpreis reflektieren, werden das auch die Kunden spüren. Die DB gibt im allgemeinen die Ticketpreise vor.Netzeitung: Aber zugleich würde der Kunde das teurere Öl auch an der Tankstelle merken…
Marlow: Das stimmt. Wir hoffen natürlich, dass die Leute dann ihre Autos zu Hause stehen lassen und in Bus oder Zug einsteigen. Es gibt ja bereits in vielen Gegenden einen Trend in Richtung Zug, und das wird hoffentlich weiter zunehmen. Aber der Blick in die Zukunft ist schwierig. Wenn ich wüsste, wie sich der Ölmarkt entwickelt, würde ich kein Verkehrsunternehmen leiten. (lacht)
Piers Marlow ist Nordeuropa-Direktor bei Arriva und verantwortet als solcher das Geschäft in Deutschland, den Niederlanden, Polen und der Tschechischen Republik. Damit ist er zugleich Mitglied der Geschäftsführung von Arriva Deutschland. Mit ihm sprach Matthias Breitinger.