| | | | | Bankenkrise und ihre Folgen: NZ-Dossier: Turbulenzen im Finanzsektor17. Sep 16:20, ergänzt 25. Nov 13:17  |  Herz der Finanzwelt: Die New Yorker Börse NYSE | Foto: AP |
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Panikverkäufe an den Börsen, historische Kursstürze weltweit, Stützungsmaßnahmen von Regierungen und Notenbanken verpuffen. Die Netzeitung gibt einen Überblick über Ursachen und Akteure, spricht mit Experten über die Folgen und kommentiert die Lage.
Die Finanzkrise hält die Welt seit einigen Monaten in Atem: Island und Ungarn schrammen am Staatsbankrott vorbei, auch andere Länder nehmen Finanzhilfen vom Internationalen Währungsfonds in Anspruch. In Deutschland greifen mehrere finanziell klamme Banken auf ein von der Regierung geschnürtes Rettungspaket zurück, in anderen Ländern übernimmt der Staat die Kontrolle über ihre Banken. Die Börsen rund um den Erdball brechen in der Krise ein, der Dax stürzt von rund 6600 Punkten im August auf ein Tief von 4015 Zählern ab. Panikartig stoßen Anleger und Investoren ihre Aktien ab.
Um die Krise abzuwenden, haben die führenden Notenbanken in mehreren Schritten die Leitzinsen gesenkt. Doch große Wirkungen zeigten diese Maßnahmen bisher kaum. Um die drohende Rezession abzuwenden, haben Regierungen Konjunkturprogramme aufgelegt. In Deutschland hat die Bundesregierung eine Reihe von Maßnahmen beschlossen, unter anderem die Aussetzung der Kfz-Steuer für Käufer von Neuwagen. Damit soll der Autoabsatz-Krise begegnet werden. Die Autoindustrie hat bereits eine Drosselung der Produktion beschlossen oder will die Weihnachtsferien verlängern. Betroffen davon sind tausende Arbeitsplätze, auch bei Zulieferern. Kritiker bemängeln die konjunkturstützenden Schritte der Bundesregierung indes als zu zaghaft.Auf einem Weltfinanzgipfel Mitte November in Washington wurden die Eckpunkte für eine Reform der globalen Finanzmärkte beschlossen. Dazu zählen eine strengere Regulierung, ein gemeinsames Vorgehen gegen Steueroasen, die Stärkung von Weltbank und IWF sowie die bessere Kontrolle von Ratingagenturen. Im Frühling 2009 soll ein weiteres Gipfeltreffen stattfinden, um die Umsetzung der Maßnahmen zu konkretisieren. Am 15. September hatte der Kollaps von Lehman Brothers die nächste Runde der Finanzkrise eingeläutet. An diesem Tag musste die traditionsreiche US-Investmentbank Lehman Brothers Insolvenz anmelden. Das Institut verlor in der seit Sommer 2007 schwelenden Kreditkrise mehr als acht Milliarden Dollar. Analysten schätzen die Problemkredite bei Lehman auf rund 70 Milliarden Dollar. Am selben Tag rettete sich die ebenfalls schwer angeschlagenen Investmentbank Merrill Lynch in einem Eilverkauf unter das Dach der Bank of America.
Mit dem «schwarzen Montag» hatte die Finanzkrise einen neuen Höhepunkt erreicht. Die Hiobsbotschaften lösten weltweit Schocks an den Börsen aus. Zur Stabilisierung der Märkte pumpten die Europäische Zentralbank (EZB), die Bank of England und die US-Notenbank Fed anschließend Milliarden in den Geldmarkt. Ein wichtiger Knackpunkt der Krise liegt darin, dass sich die Banken misstrauen und sich gegenseitig kaum noch Geld leihen, weil niemand angesichts anhaltender Abschreibungen Ausfälle riskieren möchte.
Wegen der unkalkulierbaren Risiken hatten mögliche Käufer auch eine Übernahme von Lehman Brothers ohne staatliche Garantien abgelehnt. Die US-Regierung wollte solche Zusicherungen aber nicht abgeben. Im weiteren Verlauf der Bankenkrise gerieten weitere reine Investmentbanken massiv unter Druck. Goldman Sachs und Morgan Stanley gaben schließlich dem Druck nach: Sie wandeln sich zu gewöhnlichen Geschäftsbanken und ordnen sich einer strengeren Kontrolle unter. Damit endete die Ära unabhängiger Investmentbanken in den USA. Bear Stearns war bereits im Frühjahr durch einen Notverkauf an die Großbank JP Morgan gegangen.Es sei klar geworden, dass die Risiken bei reinen Investmenthäusern nicht gut messbar und daher nicht ausreichend mit Eigenkapital unterlegt seien, sagte der Bankexperte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim. «Mittlerweile wird die reine Investmentbank als zu riskant angesehen.»
Universalbanken à la Deutsche Bank stehen bei Fachleuten angesichts der historischen Umbrüche durch die Finanzkrise hoch im Kurs. Allerdings trifft die Krise auch die deutschen Institute. Abschreibungen und Verluste zehren am Eigenkapital, und es fehlt mangels gegenseitigem Vertrauen der Banken an Liquidität. Deshalb hat die Bundesregierung einen Rettungsplan erarbeitet: Die Banken können direkte Kapitalspritzen in Anspruch nehmen, die Regierung übernimmt aber auch Garantien, um den Geldfluss zwischen den Banken wieder ins Laufen zu bringen. Allerdings ist das Angebot mit Auflagen verbunden: Vorstandsgehälter sollen auf 500.000 Euro im Jahr gedeckelt werden, Dividenden dürfen nur an den Hilfsfonds fließen und das Geschäftsmodell der Bank ist zu überprüfen.
Doch wie kam es überhaupt zur Krise? Auslöser war im späten Frühjahr 2007 ein Preisverfall auf dem US-Häusermarkt. Von der Politik massiv gefördert, hatten die Vereinigten Staaten bis 2006 einen beispiellosen Immobilienboom erlebt. Immer mehr Amerikaner kauften ein Haus auf Pump, in der Hoffnung auf immer weiter steigende Preise. Zudem schraubten die Hypothekenbanken die für Kredite geforderten Sicherheiten immer weiter herunter – zuletzt wurden selbst Darlehen ohne jegliche Garantie (außer dem Haus selbst) vergeben, so genannte «subprime»-Kredite.
Auslöser: US-Immobilienmarkt |
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Das zunehmende Immobilien-Angebot führte indes zu einem Niedergang der Häuserpreise. Als erste Schuldner ihre Raten nicht mehr bezahlen konnten, kippte der Trend vollends. Inzwischen hatten aber erfindungsreiche Wall-Street-Banken die Kredite zuhauf in teils recht undurchsichtigen Wertpapierpaketen gebündelt und diese gehandelt. Mit dem Häusermarkt brach aber auch der Handel mit diesen Papieren zusammen.
Banken und Versicherer mussten die Werte in ihren Büchern nach unten korrigieren – weltweit fielen Abschreibungen von mehr als 500 Milliarden Dollar an. Auch europäische Banken, die sich auf dem US-Immobilienmarkt verspekuliert hatten, waren betroffen, darunter die deutsche Mittelstandsbank IKB, die SachsenLB und die schweizerische UBS. Die Depfa Bank, eine Tochter der Hypo Real Estate (HRE), geriet in akute Liquiditätsnöte, so dass der Staat mit einer Bürgschaft einspringen musste.
Ein «Jahrhundertereignis» |
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Alan Greenspan nennt die Finanzkrise ein «Jahrhundertereignis». «Das übertrifft ohne Zweifel alles, was ich je gesehen habe - und es ist längst noch nicht überwunden», sagte der langjährige US-Notenbankchef. Kritiker werfen Greenspan indes vor, als Chef der Fed die Immobilienblase durch seine Niedrigzins-Politik und mit «easy money» mit aufgebläht zu haben.Auch andere Experten gehen davon aus, dass die Krise weitergeht – und sich womöglich noch verschärft. Nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers musste der einst weltweit größte Versicherer AIG durch staatliche Intervention vor dem Kollaps gerettet werden. Außerdem brach die einst führende US-Sparkasse Washington Mutual unter den Lasten der Kreditkrise zusammen. Im weiteren Verlauf der Krise mussten weitere regionale US-Banken schließen. Die Krise zieht weltweit Kreise: In Großbritannien wurde die wankende Hypothekenbank HBOS von der Großbank Lloyds übernommen. Der britische Hypothekenfinanzierer Bradford & Bingley wurde größtenteils verstaatlicht.
In Deutschland prangerte die Bundesregierung vor allem die laxe Regulierung in den USA und Großbritannien an. Eine Arbeitsgruppe der Sozialdemokraten erarbeitete ein Programm mit 14 «Verkehrsregeln» für eine strengere Regulierung der internationalen Finanzmärkte. Auf EU-Ebene schlägt die französische Ratspräsidentschaft vor, dass kein Finanzinstitut und kein Markt ohne Aufsicht und Regulierung arbeiten.
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Zugleich versuchen Banker in Deutschland, die Bevölkerung zu beruhigen. Um die Stabilität des deutschen Finanzsystems oder der deutschen Bankenwelt müsse man sich keine Sorgen machen, heißt es. Schließlich biete die deutsche Kreditwirtschaft bei der Einlagensicherung europaweit den höchsten Standard. Wichtigste Einrichtung für Privatbanken: der Einlagensicherungsfonds. Bei den Sparkassen sowie den Volks- und Raiffeisenbanken greift wiederum eine Institutshaftung: im Falle eines Engpasses springen die anderen Institute ein.Die Finanzkrise schlägt auf die Realwirtschaft durch. Für das Jahr 2009 erwartet die Bundesregierung in Deutschland noch ein minimales Wachstum um 0,2 Prozent, die EU-Kommission geht sogar von einer Stagnation aus. Andere Wirtschaftsforscher sind pessimistischer: Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln revidierte seine Prognose für 2009 am 24. November: Das IW erwartet nun einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um fast 0,5 Prozent. Um den Konsum anzukurbeln, rät das Institut zu einem sofortigen Streichen des Solidaritätszuschlags und einer Senkung der Einkommensteuer für untere und mittlere Gehälter. Auch in Teilen der CDU und der CSU wird der Ruf nach umgehenden Steuersenkungen lauter, doch das Kabinett sträubt sich noch dagegen. Derweil gehen andere Länder weiter: Großbritannien senkt die Mehrwertsteuer, Italiens Premier Silvio Berlusconi will Geringverdienern mit Bargeld helfen.
Für das Web ediert von Matthias Breitinger | | | |
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