Lehman-Aus und die Folgen: 

netzeitung.de«Die Finanzkrise kennt keine Gewinner»

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Inbegriff der Finanzwelt: Die Wall Street in New York (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Inbegriff der Finanzwelt: Die Wall Street in New York
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Das Konzept reiner Investmentbanken steht auf der Kippe, meint Bankexperte Faust im Gespräch mit der Netzeitung . Aus der Lehman-Krise ließen sich noch weitere Lehren ziehen.

Netzeitung: Die US-Regierung hat sich im Fall Lehman Brothers gegen staatliche Garantien gesperrt. Herr Faust, hat die Regierung richtig gehandelt?

Martin Faust: Die Entscheidung war sicherlich mutig, aber letztlich nur konsequent. Die Regierung kann nicht ständig angeschlagene Banken auffangen, dazu ist die Krise zu umfassend. Dass sich die Politik gerade jetzt zu diesem Schritt entschlossen hat, liegt daran, dass es sich – im Gegensatz zu den Baufinanzieren Fannie Mae und Freddie Mac – bei Lehman Brothers um eine reine Investmentbank handelte. Daher werden die unmittelbaren Auswirkungen auf die Realwirtschaft gering bleiben.

Netzeitung: Aber auch der einzelne Bürger hierzulande wird wohl die Folgen spüren, weil er beispielsweise über die private Altersvorsorge involviert ist und die Rendite seiner Rentenversicherung sinken könnte.

Faust: Das ist sicherlich richtig, aber die Auswirkungen werden in Europa im Rahmen bleiben. Die Finanzkrise hat jetzt einen neuen Höhepunkt erreicht, den auch die hiesigen Banken spüren werden, da sie mit dem Handel in New York verwoben sind. Die Krise kennt keine Gewinner. Aber der Zusammenbruch eines Instituts in Europa steht nicht zu erwarten. Auch die Gefahr, dass wegen der Krise Banken Unternehmen kaum noch Kredite gewähren, ist in Deutschland eher gering. Die Gefahr einer Kreditklemme ist in den USA höher.

Netzeitung: Zeitgleich mit der Insolvenz von Lehman Brothers kam die Meldung, dass Merrill Lynch von der Bank of America übernommen wird. War das ein hilfreicher Schritt zur Beruhigung der Finanzmärkte?

Faust: Das muss man sehen. Der Schritt ist durchaus riskant für die Bank of America, da auch Merrill Lynch angeschlagen ist und sich die Risiken, die die Bank of America übernimmt, noch gar nicht exakt abschätzen lassen. Andererseits ist sie eine große Bank, die das ganz gut schultern kann. Zudem steht Merrill Lynch besser da als Lehman Brothers.

Netzeitung: Merrill Lynch unter dem Dach einer großen Bank, Lehman Brothers am Ende – ist mit dem gestrigen Tag die Geschichte unabhängiger Investmentbanken zu Ende?

Faust: Es gibt ja weiterhin zwei große unabhängige Investmentbanken, Goldman Sachs und Morgan Stanley. Dafür gibt es im internationalen Finanzsystem auch Bedarf. Aber die Zukunft der Branche insgesamt liegt sicherlich in der Struktur einer Universalbank, bei der das Investmentbanking eine Geschäftssäule darstellt.

Netzeitung: Kommen wir noch mal zurück zur US-Regierung. Da sie nicht immer wieder einzelnen Banken nicht unter die Arme greifen kann und soll – was wäre dann ihre vorrangige Aufgabe in der Krise?

Faust: Kurzfristig geht es jetzt darum, am Finanzmarkt Vertrauen wiederherzustellen. Die Europäische Zentralbank hat auf die Krise reagiert, indem sie den Markt mit frischem Geld versorgt hat. Die US-Notenbank wird sicherlich ähnliche Schritte unternehmen. Zudem dürfte sie der Situation mit einer weiteren Zinssenkung begegnen.

Netzeitung: Auslöser der Krise waren wenig besicherte Hypothekenkredite, die auf intransparente Weise gebündelt wurden und mit denen dann gehandelt wurde. Welche Lehren lassen sich langfristig aus der Krise ziehen?

Faust: Man muss sicherlich darüber nachdenken, die Aufsichtsbehörden zu stärken. Sie haben das Geschäft mit Anleihenversicherungen angesprochen. Das lief vor der Krise weitgehend unkontrolliert ab. Die Aufsicht muss künftig verstärkt dieses Geschäft im Auge behalten. Außerdem müssen die Bewertungen der Rating-Agenturen transparenter werden. Gerade weil die genannten Produkte noch relativ neu und sehr komplex sind, ist es notwendig, dass die Agenturen deutlich machen, worauf ihre Ratings beruhen. Dabei müssen sie darauf hinweisen, inwieweit ihr Rating ein gewisses Risiko birgt, weil es noch an Erfahrung mit diesen neuen Produkten fehlt.

Martin Faust ist Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance & Management. Mit ihm sprach Matthias Breitinger.