Lehman-Aus und die Folgen:
«Die Finanzkrise kennt keine Gewinner»
16.09.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Martin Faust: Die Entscheidung war sicherlich mutig, aber letztlich nur konsequent. Die Regierung kann nicht ständig angeschlagene Banken auffangen, dazu ist die Krise zu umfassend. Dass sich die Politik gerade jetzt zu diesem Schritt entschlossen hat, liegt daran, dass es sich im Gegensatz zu den Baufinanzieren Fannie Mae und Freddie Mac bei Lehman Brothers um eine reine Investmentbank handelte. Daher werden die unmittelbaren Auswirkungen auf die Realwirtschaft gering bleiben.
Netzeitung: Aber auch der einzelne Bürger hierzulande wird wohl die Folgen spüren, weil er beispielsweise über die private Altersvorsorge involviert ist und die Rendite seiner Rentenversicherung sinken könnte.
Netzeitung: Zeitgleich mit der Insolvenz von Lehman Brothers kam die Meldung, dass Merrill Lynch von der Bank of America übernommen wird. War das ein hilfreicher Schritt zur Beruhigung der Finanzmärkte?
Faust: Das muss man sehen. Der Schritt ist durchaus riskant für die Bank of America, da auch Merrill Lynch angeschlagen ist und sich die Risiken, die die Bank of America übernimmt, noch gar nicht exakt abschätzen lassen. Andererseits ist sie eine große Bank, die das ganz gut schultern kann. Zudem steht Merrill Lynch besser da als Lehman Brothers.
Netzeitung: Merrill Lynch unter dem Dach einer großen Bank, Lehman Brothers am Ende ist mit dem gestrigen Tag die Geschichte unabhängiger Investmentbanken zu Ende?
Netzeitung: Kommen wir noch mal zurück zur US-Regierung. Da sie nicht immer wieder einzelnen Banken nicht unter die Arme greifen kann und soll was wäre dann ihre vorrangige Aufgabe in der Krise?
Faust: Kurzfristig geht es jetzt darum, am Finanzmarkt Vertrauen wiederherzustellen. Die Europäische Zentralbank hat auf die Krise reagiert, indem sie den Markt mit frischem Geld versorgt hat. Die US-Notenbank wird sicherlich ähnliche Schritte unternehmen. Zudem dürfte sie der Situation mit einer weiteren Zinssenkung begegnen.
Netzeitung: Auslöser der Krise waren wenig besicherte Hypothekenkredite, die auf intransparente Weise gebündelt wurden und mit denen dann gehandelt wurde. Welche Lehren lassen sich langfristig aus der Krise ziehen?
Faust: Man muss sicherlich darüber nachdenken, die Aufsichtsbehörden zu stärken. Sie haben das Geschäft mit Anleihenversicherungen angesprochen. Das lief vor der Krise weitgehend unkontrolliert ab. Die Aufsicht muss künftig verstärkt dieses Geschäft im Auge behalten. Außerdem müssen die Bewertungen der Rating-Agenturen transparenter werden. Gerade weil die genannten Produkte noch relativ neu und sehr komplex sind, ist es notwendig, dass die Agenturen deutlich machen, worauf ihre Ratings beruhen. Dabei müssen sie darauf hinweisen, inwieweit ihr Rating ein gewisses Risiko birgt, weil es noch an Erfahrung mit diesen neuen Produkten fehlt.
Martin Faust ist Professor für Bankbetriebslehre an der Frankfurt School of Finance & Management. Mit ihm sprach Matthias Breitinger.

