NZ-Reihe «Alternative Wirtschaftslenker»: 

netzeitung.deRitter der fair gehandelten Schokoladentafelrunde

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Fertigung bei Ritter Sport in Waldenbuch bei Stuttgart (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Fertigung bei Ritter Sport in Waldenbuch bei Stuttgart
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Zwei 68er-Sympathisanten als Firmeninhaber, faire Arbeitsbedingungen, Produktion mit Ökostrom und Hilfe für nicaraguanische Kleinbauern: Bei Ritter Sport ist einiges anders, wie Matthias Breitinger s Porträt zeigt.

Das Städtchen Waldenbuch, 15 Kilometer südlich von Stuttgart gelegen, gehört nicht gerade zu Deutschlands bekanntesten Gemeinden. Noch unbekannter ist die kleine Stadt Waslala in Nicaragua. Beide Orte verbindet ein Name: Ritter. Die Schokoladenfirma in Familienhand sitzt in Waldenbuch und hat sich weit darüber hinaus einen Namen gemacht – neben den quadratischen Schokotafeln – als sozialer Arbeitgeber, der dem Umweltschutz hohe Bedeutung zumisst und sich zudem für Kakao-Kleinbauern in Mittelamerika engagiert.

Seit 1990 unterstützt die Alfred Ritter GmbH & Co. KG das Entwicklungsprojekt «Cacaonica» in Nicaragua, einem Land, das angesichts der Abhängigkeit von wenigen Exportprodukten wie Kaffee und Kakao stark anfällig ist für schwankende Preise am Weltmarkt. Dem stellte sich Co-Firmenchefin Marli Hoppe-Ritter, die mit ihrem Bruder Alfred das Schoko-Unternehmen führt, entgegen. Wie Autor Hannes Koch in seinem Buch «Soziale Kapitalisten» schildert, fuhr Hoppe-Ritter selbst nach Waslala, um den Kleinbauern auf Spanisch mitzuteilen, dass sie künftig Kakao bei ihnen kaufen will – und zwar zu einem höheren Preis als auf dem Weltmarkt üblich.

Ungefähr ein Drittel zahlt Ritter mehr. «Kakao ist für unsere Produkte ein Hauptbestandteil, den wir aus Ländern der Dritten Welt beziehen. Wir haben daher diesen Ländern gegenüber auch eine besondere Verantwortung», sagen die beiden Ritter-Geschwister. Allerdings bezieht das Unternehmen nur einen kleinen Teil seines Rohkakaos aus Nicaragua, sondern auch aus Westafrika. Dort unterstützen die Ritters Schulprojekte des UN-Kinderhilfswerks Unicef.

Schokoladenfabrik mit eigenem Kraftwerk
Doch «Cacaonica» ist mehr als nur das Zahlen eines höheren Preises. Die Bauern erhalten Unterstützung für eine ökologische Alternative zum konventionellen Anbau. Denn in Nicaragua schwindet die Waldfläche, weil Kleinbauern immer mehr Regenwald für Anbauflächen roden. «Klar ist, dass der Schutz der tropischen Wälder der Mitwirkung durch die Industrieländer bedarf. Hierzu wollen wir unseren Beitrag leisten», so Ritter. Teil von «Cacaonica» ist auch ein Wiederaufforstungsprojekt. Seit dem Bestehen des Projektes «Cacaonica» sind von Ritter über drei Millionen Euro in die Finanzierung geflossen.

Im Gegenzug erhalten die Schwaben fair gehandelten Kakao, seit einigen Jahren auch aus zertifiziert-ökologischem Anbau. Damit hat Ritter inzwischen auch mehrere Bioschokolade-Sorten gestartet. Zugleich verbessert das Unternehmen seine Position im Kampf um den begehrten Edelkakao aus Mittelamerika. Doch der Einsatz für die Umwelt beschränkt sich bei Ritter nicht auf Nicaragua. 2002 ging in Waldenbuch ein firmeneigenes Blockheizkraftwerk in Betrieb. Durch die Kraft-Wärme-Kopplung spart das Unternehmen nicht nur Primärenergie ein, sondern reduziert auch den CO2-Ausstoß erheblich.

30 Prozent seines Stroms und 70 Prozent des Wärmebedarfs stellt Ritter seither selber her, den restlichen Strom bezieht das Unternehmen aus regenerativen Energien. Dabei nimmt man Mehrausgaben in Kauf: Bei neuen Investitionen werden energiesparende Maßnahmen ergriffen, wenn diese nicht mehr als zehn Prozent mehr Kosten verursachen als herkömmliche Verfahren. Alfred Ritter und Marli Hoppe-Ritter sind überzeugt, dass sich die Investitionen langfristig auszahlen.

Mit erneuerbarer Energie befasst sich Alfred Ritter ohnehin neben der Schokoladen-Produktion: Er gründete schon 1988 die Energie- und Umwelttechnikfirma Paradigma mit der Tochter Ritter Solar, die Sonnenkollektoren baut. Auslöser sei der Atomunfall von Tschernobyl gewesen, erklärt der 55-Jährige. Inzwischen wächst der Solar-Ableger schneller als das Geschäft mit den Schokotafeln. Ritter geht davon aus, dass in ein paar Jahren die Energietechnik mehr Umsatz bringt als die Ritter-Sport-Schokolade. Für sein Engagement erhielt Ritter 1997 die Auszeichnung «Öko-Manager des Jahres» vom WWF und der Zeitschrift «Capital».

Neben der Ökobilanz kann sich aber auch die als Arbeitgeber sehen lassen. Arbeitnehmervertreter sind voll des Lobes: Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) nennt Ritter Sport «ein Vorzeigeunternehmen» und hebt etwa die übertarifliche Bezahlung hervor. Weiterbildungsangebote gehören nach Firmenangaben ebenso dazu wie das «Schokoladen-Care-Paket» zum Wochenende. Die Beschäftigten bekommen einen Teil des Gewinns als Erfolgszulage. Betriebsbedingte Kündigungen habe es noch nie gegeben, den Führungsstil beschreibt Ritter als «offen und dialogorientiert». «Nur Leute, die sich in einer Firma wohl und geborgen fühlen, erreichen ein Level an Kreativität, das sie selber glücklich macht und der Firma gut tut», sagte Alfred Ritter in einem Interview.
Juristin, Psychologe - und Firmenchefs
Wer Alfred und seine fünf Jahre ältere Schwester Marli sowie ihre Biografie kennt, weiß, worin sich das Engagement begründet. Marli Hoppe-Ritter, 1948 geboren, bezeichnet sich selbst als «68erin». Den Aufbruch der damaligen Zeit habe sie «mit Sympathie verfolgt», sagt sie. In den 70er Jahren studierte sie Jura in Heidelberg und engagierte sich in der alternativ ausgerichteten «Basisgruppe Jura A-Fraktion». Sie ist dabei, als das zweite selbstverwaltete Frauenhaus Deutschlands aufgebaut wird.

Heute äußert sich ihre Haltung auch im klaren Bekenntnis zu Chancengleichheit von Mann und Frau bei Ritter Sport. Dazu gehören flexible Arbeitszeitregelungen, um Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Bruder Alfred studiert ebenfalls in Heidelberg. Das VWL-Studium lässt er nach vier Semestern bleiben und wechselt zur Psychologie, die er 1981 mit Diplom abschließt. Anschließend arbeitet er mehrere Jahre als Therapeut in der eigenen Praxis, bis er sie Mitte der 80er Jahre zugunsten der Schokoladenfirma aufgibt. Dessen ungeachtet haben Alfred Ritter und seine Schwester gelernt, Unternehmer zu sein – aber mit dem Wissen, welchen Vorteil ein Familienbetrieb gegenüber börsennotierten Aktiengesellschaften hat: «Wir können unsere persönlichen Wertvorstellungen besser ins Unternehmen einbringen.»