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NZ-Reihe «Alternative Wirtschaftslenker»: 

Mit Gott auf Deichmanns Seite

03. Sep 2008 15:08, ergänzt 04. Sep 2008 11:17
Heinz-Horst Deichmann
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«Gott wird mich am Ende nicht fragen, wie viel Paar Schuhe ich verkauft habe»: Deichmann steckt einen Teil des Gewinns in Hilfsprojekte, unter anderem in Afrika. Und auch bei der Fertigung achtet der Schuhkönig auf Sozialstandards. Matthias Breitinger stellt ihn vor.

Meldungen wie die von Anfang Juli dürften den inzwischen 81-jährigen Senior-Chef wieder einmal geärgert haben: Anfang Juli berichteten Medien über Recherchen des ARD-Magazins «Report Mainz», wonach bei einem kambodschanischen Zulieferer des Schuhkonzerns Deichmann schlimme Zustände herrschen. Arbeiterinnen würden über Kopfschmerzen und Übelkeit aufgrund von Lösemitteldämpfen klagen, hieß es, zudem würden sie zu unzulässigen Überstunden gezwungen.

Allerdings wurde der Bericht «wegen komplizierter rechtlicher Detailfragen» nicht ausgestrahlt, wie der SWR mitteilte. Der Sender geht aber davon aus, dass die Recherchen korrekt sind. Deichmann ging den Vorwürfen nach und fand sie nach eigenen Angaben in weiten Teilen nicht bestätigt. Es gebe Masken und Schutzkleidung in ausreichender Zahl, würden aber nicht konsequent getragen. Hier gebe es noch Schulungsbedarf bei den Mitarbeitern. Außerdem seien an den Arbeitsplätzen keine erhöhten Werte von Klebstoffdämpfen festgestellt worden. Konkrete Fälle von Gesundheitsschäden seien niemandem bekannt, auch nicht der Gewerkschaft vor Ort.

Arbeit in Würde

Zudem hätten die Recherchen gezeigt, dass es keinen Zwang zu Überstunden gibt. Allerdings seien Überstunden über das erlaubte Maß hinaus geleistet worden, mit Duldung der Gewerkschaften vor Ort. Deichmann forderte dennoch den Zulieferer auf, die Überstunden auf die gesetzlich erlaubte Zahl zu begrenzen. Auch der Vorwurf, bei schlechter Leistung müssten Arbeiterinnen stundenlang an einer Wand stehen, ist laut Deichmann falsch: Der Fabrikgewerkschaft sei weder diese Regel noch ein konkreter Fall bekannt.

Dennoch: Schon die Vorabmeldung von «Report Mainz» hat gewirkt und das bei vielen vorhandene Bild von Deichmann bestätigt. Das zeigen die Leserkommentare, als «Welt Online» über den «Report»-Beitrag berichtet. «Alles, was billig ist, muss billig produziert werden», schreibt einer. «Das weiß doch jeder... woher kommt der billige Preis?», schreibt ein anderer.

Solche Meinungen dürften Heinz-Horst Deichmann erst recht treffen. Schon vor einigen Jahren gab er zu, dass ihn die Kritik, die Beschäftigten in asiatischen Deichmann-Fabriken müssten unter unzumutbaren Bedingungen schuften, «sehr verletzt» habe. Denn dieses Image passt nicht zu dem, wie Deichmann senior sich selbst und sein Unternehmen sieht, das inzwischen sein Sohn Heinrich leitet. Heinz-Horst Deichmann ist nämlich nicht nur größter Schuhhändler Europas, sondern auch überzeugter Christ. Das schlägt sich in seiner Arbeitsethik ebenso nieder wie in seiner Unternehmensphilosophie. «Die Arbeit muss eine gewisse Würde haben», ist einer seiner gern geäußerten Sätze. «Das Unternehmen muss den Menschen dienen», ist ein anderer.

Christliche Werte als Basis

Diese Haltung wurde dem im Ruhrgebiet Aufgewachsenen in die Wiege gelegt. Sein einfaches Elternhaus vermittelt ihm die christlichen Werte, nach denen er bis heute lebt und auch sein Unternehmen auszurichten versucht hat. Nach dem 2. Weltkrieg hilft er im kleinen Schuhgeschäft der Eltern in Essen-Borbeck aus und studierte zudem Theologie und Medizin. Nach der Promotion arbeitet Dr. med. Deichmann einige Jahre als Orthopäde. Dabei verlor er aber auch das Schuhgeschäft nicht aus den Augen. 1956 gibt er seinen Beruf als Arzt auf und widmet sich nur noch dem Ausbau des Familienunternehmens.

Was im Lauf der Jahrzehnte daraus wurde, ist bekannt: Das Konzept «gute Schuhe zu sehr günstigen Preisen» ging auf, neue Filialen schossen wie Pilze aus dem Boden. Zudem wuchs das Unternehmen durch Zukäufe im Ausland. Heute verkauft niemand in Europa so viele Schuhe wie Deichmann.

Um günstige Ware anbieten zu können, kommt Deichmann um eine entsprechend günstige Fertigung in Fernost nicht herum – doch ausbeuten will er die Menschen nicht, das verbietet ihm seine christliche Überzeugung. «Gott wird mich am Ende nicht fragen, wie viele Paar Schuhe ich verkauft habe. Er wird wissen wollen, ob ich wie ein wahrer Christ gelebt habe», sagt Heinz-Horst Deichmann einmal. Dazu gehört Respekt gegenüber den Beschäftigten. «Ich will, dass es meinen Mitarbeitern gut geht, dass sie sich wohl fühlen und dass ein anständiger Führungsstil herrscht.»

«Wer viel hat, muss viel geben»

Vorwürfe wie die von «Report Mainz» passen nicht in dieses Bild. Und sie widersprechen auch dem eigenen Verhaltenskodex, der Sozial- und Umweltstandards festlegt und an den sich auch die Zulieferer halten müssen, wie man bei Deichmann betont. Der «Code of Conduct» sei Vertragsbestandteil, ein Verstoß führe zu «entsprechenden Maßnahmen». Zum Kodex gehören das Verbot von Diskriminierung sowie Kinder- und Zwangsarbeit und die Garantie eines sicheren, sauberen und gesundheitlich unbedenklichen Arbeitsplatzes.

Der gezahlte Lohn darf zudem einen gesetzlich vorgegebenen Mindestlohn nicht unterschreiten und soll genügen, «die Grundbedürfnisse der Mitarbeiter abzudecken». Die Wochenarbeitszeit darf 48 Stunden nicht überschreiten, Überstunden dürfen nur freiwillig geleistet werden.

Seinen Mitarbeitern bietet Deichmann zudem eine Betriebsrente, in Notlagen kann ein firmeneigner Unterstützungsfonds unbürokratisch einspringen. Doch damit ist das soziale Engagement des Schuhkönigs noch lange nicht erschöpft. Getreu seinem Motto «Wer viel hat, muss viel geben» beginnt der evangelikale Christ schon früh mit karitativem Einsatz. Seine Deichmann-Sozialstiftung unterhält seit 1965 ein Kleinkinderheim im Velberter Stadtteil Neviges.

Kampf gegen Lepra und Tuberkulose

1978 gründete Heinz-Horst Deichmann nach einer Indienreise, bei der er das Schicksal von Leprakranken kennenlernt, das Sozialwerk «wortundtat», über das er sozial-missionarische Projekte auf dem Subkontinent sowie in Afrika finanziert. Neben der medizinischen Betreuung von Lepra- und Tuberkulosekranken investiert Deichmann über das Sozialwerk vor Ort in Schulen und Ausbildungsstätten sowie in landwirtschaftliche Infrastruktur.

Auch hierzulande engagiert sich Deichmann: Im Herbst 2001 stiftete er am Essener Universitätsklinikum eine Professur zur Erforschung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Für sein Engagement erhielt er im Jahr 2000 das Große Bundesverdienstkreuz, 2006 den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland.

An die große Glocke hängt Deichmann sein Engagement indes nicht. Der Essener ist bescheiden geblieben. Berichtet «wortundtat» über Projekte, sucht man das Deichmann-Logo vergebens. Wie Deichmann-Sprecher Ulrich Effing der Netzeitung sagte, ist die Deichmann-Stiftung, die die Arbeit von «wortundtat» finanziert, mit einem Kapital von 100 Millionen Euro ausgestattet. Pro Jahr flössen rund zehn Millionen Euro in die Projekte des Sozialwerks. «Ich bin reich, nicht um mir selbst ständig etwas Besseres leisten zu können, sondern letztlich, um dieses Geld einzusetzen für die Sache des Reiches Gottes», sagt Deichmann einmal in einem Interview.

Heinrich Deichmann
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Sein 45-jähriger Sohn Heinrich, der heute das Unternehmen führt, hat den Einsatz für soziale Belange von seinem Vater geerbt: 2005 initiierte er einen mit 80.000 Euro dotierten Förderpreis für Projekte gegen Jugendarbeitslosigkeit. Und wie der Vater verweist Heinrich Deichmann auf den christlichen Glauben als Grundlage des geschäftlichen Handelns. Dass das Engagement sich positiv auf das Unternehmen auswirkt, bestreitet Deichmann nicht. Aber: «Wir spekulieren nicht darauf, durch unser soziales Engagement mehr Schuhe zu verkaufen.»

 
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