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«Frischprodukte» aus Italien: 

Der Schnittkäse von 1980

04. Jul 2008 21:51
Welchem Käse kann man trauen?
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Aus verdrecktem Käseabfall hat eine Bande von Lebensmittel-Gangstern scheinbar genießbare «frische» Ware gemacht: Scheibletten, Gorgonzala, Mozarella. 11.000 Tonnen Uralt-Käse sollen in europäischen Supermärkten gelandet sein.

Ein neuer Lebensmittelskandal in Italien trifft auch deutsche Verbraucher. Am Freitag haben italienische Zeitungen berichtet, dass eine kriminelle Bande vergammelten und schimmeligen Käse so behandelte, dass er als Frischprodukt in Supermärkten angeboten wurde. Verunreinigter Käseabfall sei wieder aufbereitet und offenbar auch nach Deutschland exportiert worden, teilte die Polizei in Cremona am Freitag mit. Die Betrüger hatten sich der italienischen Polizei zufolge von Käsereien dafür bezahlen lassen, Käseabfall zu entsorgen. Der mit Plastikstücken und Mäuseexkrementen verunreinigte Abfall sei stattdessen weiterverarbeitet worden und offenbar in Italien, Deutschland, Österreich, Frankreich und Spanien verkauft worden.

Mit dem Recycling dieser Abfälle, die höchstens noch zu Tierfutter verarbeitet werden sollten, haben die Täter Millionen Euro verdient. «Aber für die Gesundheit der Konsumenten war das eine ökologische Bombe», kommentierte die Zeitung «La Repubblica». Betroffen seien unter anderem Scheibletten, Mozzarella und Gorgonzola so berühmter Marken wie Galbani, Granarolo und Prealpi. Der Konzern Galbani behauptete jedoch am Abend in Mailand, von dem Skandal um Ekel-Käse «in keiner Weise» betroffen zu sein. Die Produkte von Galbani enthielten «keinerlei Inhaltsstoffe der beschuldigten Firma». Galbani verwies auf strenge Kontrollen zu jedem einzelnen Produktionsschritt.

Auf neu getrimmter Mozzarella

Bei ihren Ermittlungen in Italien stießen die Beamten auf widerliche Fundstücke: In mehreren Fabriken fanden sie Käsereste mit Würmern, Maus-Exkrementen, Tinte, Plastik und sogar winzigen Eisenstückchen. Eine «Spezialität» der Bande sei es zudem gewesen, wegen des abgelaufenen Verfallsdatums vom Markt genommenen Mozzarella sowie verfaulte Scheibletten auf neu zu trimmen, erklärten Polizisten. In einer Kühlzelle sei gar Schnittkäse aus dem Jahr 1980 entdeckt worden, der – neu aufgemischt und gesäubert – auf den Tischen von Deutschen und Italienern landen sollte. «Es war ekelerregend», erinnert sich Polizeikommandant Mauro Santonastaso aus Cremona.

Die Polizei war der Gruppe rund um einen 46-jährigen Unternehmer aus Sizilien vor zwei Jahren auf die Spur gekommen. Damals hielten Ermittler in Norditalien einen Lastwagen an, aus dessen Laderaum abscheulicher Gestank drang. Der Käse, den die Polizisten fanden, sollte zur Weiterverarbeitung an die Firma Megal in dem Örtchen Vicolungo geliefert werden – jedoch sei er bereits völlig verfault gewesen, hieß es. Durch das Abhören von Telefongesprächen deckten Spezialisten den Skandal jetzt auf.

Angestellte wussten von dem Schwindel

«Dabei wurde auch die völlige Skrupellosigkeit der Verdächtigen deutlich», schrieb «La Repubblica». Ohne Umschweife wurde der Käse bei den Telefonaten als «merda» (Scheiße) bezeichnet, die «gesäubert und in Ordnung gebracht» werden müsse. «Aber das bleibt unter uns», sagte ein Fabrik-Manager zu seinem Chef. Die Fabrikangestellten wussten hingegen von dem Schwindel, wie sie jetzt bei der Polizei zugaben. Jedoch habe niemand etwas unternommen.

In den vergangenen zwei Jahren seien 11.000 Tonnen Uralt-Käse in Frisch-Produkte verwandelt worden. Sie seien in Supermarkt-Regalen in ganz Europa gelandet – unter anderem auch in Deutschland. Um den widerwärtigen Schwindel ungestört durchziehen zu können, hatte die Bande den Angaben zufolge auch Verbündete bei der örtlichen Gesundheitsbehörde: Der Direktor und zwei Mitarbeiter sollen ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen sein und Kontrollen in den Käse-Werken frühzeitig angekündigt haben.

«Das ist eine Nullnummer»

Der Skandal wurde aber erst am Freitag durch italienische Medienberichte bekannt. Darin hieß es, auch ein Werk im bayerischen Woringen habe vergammelten Käse verarbeitet. Das bayerische Gesundheitsministerium und die Staatsanwaltschaft Memmingen ließen den Betrieb am Freitag sofort durchsuchen, Proben nehmen und Unterlagen sicherstellen. Ein Ministeriumssprecher warf Italien vor, die anderen EU-Länder nicht alarmiert zu haben: «Wir haben gar nichts. Das ist eine Nullnummer», kritisierte er.

Ein italienischer Unternehmer habe seit vier Jahren ein stillgelegtes Molkereigebäude der Allgäuland-Käserei gemietet, sagte deren Geschäftsführer Manfred Herrmann. Der Betrieb International Cheese GmbH stelle dort mit vier oder fünf Mitarbeitern Schmelzkäse her. Schmelzkäse werde aus Naturkäse, Gewürzen und Schmelzsalz hergestellt. Auf knapp 200 Quadratmetern Produktionsfläche könnten nach seiner Schätzung rund 500 Tonnen Käse im Jahr produziert werden. Der Betrieb sei aber laufend kontrolliert worden. «Der ist so klein, da kann man eigentlich nichts verstecken», sagte Herrmann. Allgäuland habe mit dem Betrieb des Italieners keinerlei Geschäftsbeziehungen, betonte Herrmann: «Wir bekommen nur die Miete.»

Dioxin in der Büffelmilch

Im März waren in Süditalien Molkereien und Agrarunternehmen ins Visier der Ermittler geraten, weil in der Büffelmilch, mit der Mozzarella hergestellt wird, Dioxin gefunden worden war. Im April war bekanntgeworden, dass Millionen Liter Wein mit krebserregenden Stoffen verunreinigt waren. (AP/dpa)

 
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