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David gegen Goliath: 

Kuhhalter werden wieder bauernschlau

19. Jun 2008 16:55
Milchbauernvertreter Schaber
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Der Milchpreis – ein Dauerproblem. Eine kosmetische Benefiz-Aktion der Handelsketten zugunsten der Milchbauern verpuffte im Dreieck zwischen Kühlregal, Molkerei und Stall, berichtet Tilman Steffen. Die Stallbetreiber besinnen sich nun auf sich selbst.

Am wohlsten fühlt sich der Vater von fünf Kindern auf seinem Hof. Dort hat Romuald Schaber die Familie um sich, die Berge im Blick und genießt nach langen Reisen die ländliche Ruhe. «Dann wird mir wieder klar, dass es keinen schöneren Beruf als Landwirt gibt», sagt der 51-Jährige. Sobald er nach Hause ins Allgäu kommt, legt der 51-Jährige seine Funktionärsgarderobe ab, schlüpft in seinen Blaumann und krempelt die Ärmel hoch. Auf seinem Hof in dem kleinen Oberallgäuer Dorf Petersthal mit 40 Milchkühen und ebenso vielen Jungrindern sowie 35 Hektar Grünland wartet eine Menge Arbeit.

Als Vorsitzender des Milchviehhalterverbandes ist Schaber ebenso stark gefordert. Etwa 160 Tage im Jahr reist er in ganz Europa umher, um die Interessen seiner Kollegen zu vertreten. Erst seit die Milchbauern vor wenigen Tagen voller Zorn die Milch lieber in den Rinnstein strömen ließen, statt sie den Molkerein zu liefern, ist Schabers Verband außerhalb der Ställe bekannt. Seitdem reden alle von der Milch und ihrem Wert, Aldi verkündete in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige, dass die Bauern von jedem verkauften Liter Milch zehn Cent mehr erhalten sollten. Agrarminister Seehofer rief Bauern, Molkereien und Handel wieder mal zum so genannten Milchgipfel zusammen.

Mehr Geld für ihr Produkt, das ist das Hauptziel der Kuhhalter. «Eine leichte Trendwende nach oben ist geschafft», bilanzierte Schaber vor wenigen Tagen im Gespräch mit der Netzeitung den Erfolg des Lieferboykotts. Doch wenn die Molkereien Mitte Juli das Milchgeld dieses Monats überweisen, haben die Bauern jedoch pro Liter – oder Kilo, wie die Molkereien messen - voraussichtlich nur zwei bis drei Cent mehr auf den Konten. Geschickt hatte der Handel vorvergangene Woche den Eindruck erweckt, die Milchbauern erhielten ab sofort zehn Cent mehr für jeden Liter. Der Wunschpreis der Stallbetreiber von 43 Cent wäre damit nahezu erreicht gewesen. «Ein Muss, damit die Betriebe wirtschaftlich arbeiten können», sagt Schaber.

Wer genau überlegte, kam zu einem ernüchternden Ergebnis: Denn nur ein kleiner Teil der Bauernmilch steht abgepackt in den Regalen, das Gros wird zu Quark, Käse, Butter oder Joghurt. Den Preis dieser Produkte hatte kein Supermarkt zugunsten der Bauern erhöht. Zudem beobachtete Schaber Preiskompensation am anderen Regalende. «Die Märkte haben die normale Milch teurer gemacht und Trinkmilch zugleich gesenkt». Ein Verhalten, «das uns ärgert». Tage später gaben erste Märkte dem Konkurrenzdruck nach und machten auch normale Milch wieder billiger. «Wer zu teuer ist mit seinen Preisen, der wird aus dem Wettbewerb früher oder später ausscheiden», argumentiert Einzelhandelsfunktionär Hubertus Pellengahr.

«Milchdiktatur»

Dass die Handelsketten den Bauern mehr Geld zubilligten, ist für Schaber dennoch keine bloße Kosmetik, sondern ein Zeichen der Verhandlungsbereitschaft. «Wichtig war die Aussage, im Rahmen der Möglichkeiten über die Abschlüsse zu verhandeln und so Verantwortung für die Branche zu übernehmen.» Er mahnte seine Leute zu Geduld. «Es ist auch in anderen Bereichen gelungen, Verhandlungen neu aufzunehmen.» Mehr wollte er nicht sagen. Vieles läuft in der Branche im Stillen.

Nun sitzt man im Agrarministerium bei Säften, Wasser und Kaffee beieinander. Keiner der Eingeladenen vergaß, vorher kräftig und medienwirksam zu fordern: Unterstützung durch die Politik (Schaber), verlässliche Rahmenbedingungen (Seehofer), mehr Markt statt «Milchdiktatur» der Molkereien (Schaber) Kontrollen des Kartellamtes (ebenfalls Seehofer), mehr Kostenentlastung (Bauernverband). Auch Kritik gibt es reichlich: am Trend zum hohen Preis (Einzelhandelsverband), am Handel (Seehofer), am Bundeskartellamt (auch Seehofer). Die FDP warnte, der Minister verderbe es sich auf diese Weise bereits vor dem Gipfel mit einem Teil seiner Gäste. Leutselig empfing er nun Bauernpräsident Sonnleitner und Schaber - letzteren als Vertreter der Milchfront, wohl nicht völlig frei von Zweifeln an seiner Glaubwürdigkeit: «Wer nimmt mir eigentlich ab, dass ich zuhause nur Milch trinke», frotzelte Seehofer vor den anwesenden Journalisten. Am Ende der mehrtägigen Gespräche wird dann eine Sprachregelung stehen. Und in einem Jahr wird man sich dann wieder zum Milchgipfel versammeln müssen.

Nachfrage und Angebot in Balance bringen

Denn zu klären ist mehr, als man in ein paar Tagen schaffen kann: Die Schwäche des Milch-Systems ist der eklatante Gegensatz zwischen der mittelständisch organisierten Molkereibranche, dem stark auf wenige Konzerne konzentrierten Einzelhandel und den einzelnen Bauern. Irgendwer bleibt bei den turnusmäßigen Preisgesprächen immer auf der Strecke – meist der Schwächste.

Ein weiteres Problem von Schabers Leuten ist die fehlende Einigkeit: Bauern im allgemeinen und die Milchbauern im besonderen lassen sich schwer organisieren. Das liegt auch in der Natur der Landwirtschaft, wo eher Einzelkämpfer agieren.

Der typische Branchenverband der Landwirte ist der Bauernverband mit seinem niederbayerischen Chef Gerd Sonnleitner. Sogar einen Milchpräsidenten hat der Verein. In den neunziger Jahren muss es Gründe für eine Abspaltung gegeben haben. 1998 gründete Schaber mit einigen Mitstreitern den Bund Deutscher Milchviehhalter, um gegen auferlegte Zwänge der Politik und Milchindustrie anzugehen. «Wir können nicht einfach zuschauen, wie unsere Arbeitssituation immer weiter verschärft wird.» Doch es dauerte ganze zehn Jahre, bis der Verband von einer breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Und nicht zuletzt ist auch schwer, gegen das kommunikative Geschick des Handels anzukommen, wie sich nach der Zehn-Cent-Kampagne zeigte.

Langsam finden die Milchbauern nun zu sich selbst. Sie lernen, dass sie die Menge der Milch bewusst steuern müssen. Sie wollen die Macht über die Masse übernehmen, um einen Preisverfall zu verhindern. Zielgenau dosiertes Kraftfutter soll den Druck in den Eutern steuern helfen. Statt immer das Maximum rauszuholen, wollen sie die Zahl der Kühe der Marktlage anpassen, letztlich irgenwann unabhängig von den Milchquoten aus Brüssel. «Wir müssen Angebot und Nachfrage in der Balance halten», hat Schaber erkannt. Nur so lässt sich die Lage der Milchbauern wenden.

 
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