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Tagesthema Ölkrise: 

Billigflieger in der Kerosinfalle

12. Jun 2008 12:39
Flugzeug von Ryanair
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Airlines wie Ryanair oder Easyjet droht wegen immer höheren Treibstoffzuschlägen der Verlust des Geschäftsmodells. Der steigende Ölpreis setzt den Anbietern zu – und treibt viele Passagiere in die Arme der etablierten Fluggesellschaften. Doch auch die Großen haben zu kämpfen. Matthias Breitinger über Gewinner und Verlierer.

Ein Gespenst geht um bei den Airlines – das Gespenst Firmenpleite. Acht US-Fluggesellschaften gingen im Frühjahr schon in die Knie und mussten Gläubigerschutz beantragen, fünf davon stellten den Dienst ein. Nach Angaben des internationalen Branchenverbands IATA haben in den vergangenen sechs Monaten insgesamt 24 Airlines den Betrieb eingestellt oder Insolvenz angemeldet. Die Vereinigung fürchtet weitere Zusammenbrüche.

«Die steigenden Kerosinpreise, aber vor allem das Tempo, mit dem die Preise angezogen haben, belasten die Branche sehr», sagte Branchenanalyst Eric Heymann von der Deutschen Bank der Netzeitung. «Noch haben viele Fluggesellschaften ihren Treibstoff abgesichert, aber Hedging wird teurer und treibt damit die Kosten. Der Anteil des Kerosins an den Gesamtkosten liegt inzwischen bei 30 Prozent, gegenüber 20 Prozent vor wenigen Jahren.»

Betroffen dürften damit vor allem kleinere Billigflieger sein, die ihre Treibstoffkosten nicht per Hedging abgesichert haben, wie es bei den etablierten Carriern gang und gäbe ist. Grundsätzlich träfen steigende Kerosinkosten die Billigflieger stärker, erläuterte Heymann. «Bei ihren niedrigen Preisen macht sich ein Aufschlag wegen des teuren Öls stärker bemerkbar, was die Nachfrage dämpfen wird.»

Lange suggerierten die Discounter, Flüge in die europäischen Metropolen seien ebenso günstig wie die Taxifahrt zum Flughafen. Doch bei Ölpreisen, die von Analysten schon bald zwischen 150 und 200 Dollar gesehen werden, geht diese Ära wohl dem Ende entgegen. «Den Billigfliegern ist es in der Vergangenheit gelungen, Kunden anzulocken, die vorher nicht geflogen sind – etwa mal eben zum Shoppen nach London oder nach Mailand in die Oper. Bei steigenden Ticketpreisen fallen viele dieser Kunden jedoch wieder weg», vermutet Heymann.

Aus 50 mach 5

Doch damit stehen nicht automatisch alle Discounter auf der Kippe. «Das mag in Einzelfällen stimmen, aber Ryanair beispielsweise ist sehr kostenbewusst», kommentiert BayernLB-Analyst Ulrich Horstmann. Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler sieht neben der irischen Ryanair auch die britische Billig-Fluggesellschaft Easyjet gut aufgestellt. Pessimistisch ist er dagegen für Air Berlin. Der kräftig gestiegene Ölpreis macht den Berlinern einen Strich durch die Planung: Firmenchef Joachim Hunold stellte alle Langstrecken «auf den Prüfstand».

Noch deutlicher wird der Deutschland-Chef von Easyjet, John Kohlsaat: Er sieht «theoretisch» 50 Airlines in Europa gefährdet. Von denen würden am Ende nur fünf maßgebliche überleben: British Airways, Air France/KLM, Lufthansa, Ryanair und das eigene Unternehmen, prognostiziert Kohlsaat. Horstmann und Pieper halten ebenfalls Air France/KLM und Lufthansa gut aufgestellt. Der Chef der deutschen Airline, Wolfgang Mayrhuber, sagte kürzlich, sein Unternehmen wolle in der Konsolidierung eine «sehr aktive Rolle» übernehmen.

«Der steigende Ölpreis ist ein weiterer Treiber für die überfällige Konsolidierung in der Branche», meint Heymann. «Durch mehr Liberalisierung ist der Luftverkehr auf dem Weg zu einer 'normalen' Branche, beispielsweise im Hinblick auf Fusionen über Grenzen hinweg. Das ist bislang aufgrund von gesetzlichen Vorgaben immer noch die Ausnahme.» Beispiel Austrian Airlines (AUA): Der österreichische Staat ist inzwischen bereit, für die AUA einen Partner zu suchen. Interesse haben offenbar die Lufthansa, aber auch die russische Aeroflot.

Wettbewerb erschwert Preiserhöhungen

Eigentlich müssten sich die deutlich angezogenen Kerosinkosten sofort in teureren Tickets niederschlagen. Zwar erhöhen Lufthansa, Air France oder British Airways (BA) ihre Treibstoffzuschläge. Doch der harte Wettbewerb macht es Branchenexperten zufolge schwer, die höheren Treibstoffpreise komplett auf die Kunden abzuwälzen. Die Folge: Gewinnwarnungen allerorten. Angefangen bei den Großen wie der BA, die ihre Investoren für 2008 vorsorglich auf einen möglichen Verlust einstellte, bis hin zu dem bislang erfolgsverwöhnten Ryanair-Chef Michael O'Leary, der beklagte, dass wegen eines Ölpreises in «irrationaler Höhe» sein Unternehmen im laufenden Geschäftsjahr gerade noch die Gewinnschwelle überschreiten dürfte.

Das Hauptproblem der Branche: In Europa sind schlicht noch zu viele Maschinen in der Luft. «Wir haben seit längerem Überkapazitäten auf vielen Strecken. Entsprechend hart ist der Wettbewerb, die Margen sind gering», erläutert Deutsche-Bank-Experte Heymann. Jetzt rächt sich, dass einige Fluglinien in Hoffnung auf weiter kräftiges Wachstum ihre Kapazitäten sogar ausgeweitet haben. Damit konnten die Passagierzahlen zuletzt nicht mehr Schritt halten. Im April blieb in Europa im Schnitt jeder vierte Platz in den Maschinen unbesetzt.

Hinzu kommt: Eine ganze Reihe europäischer Airlines muss neben dem teureren Sprit nun auch noch neue Maschinen bezahlen, die sie schon vor einiger Zeit bestellt haben und jetzt nach und nach ausgeliefert werden. Doch kommen die frischen Jets nicht ungelegen: «Dies ist zwar zunächst ein Kostenfaktor, doch verbrauchen sie weniger Kerosin als ältere Modelle, was den Treibstoffverbrauch reduziert», so Heymann.

Nach 9/11 die nächste Krise

Viele Fluggesellschaften steckten jetzt in der Zwickmühle: «Eben haben sie die finanziellen Spätfolgen des 11. September und anderen Ereignissen überwunden, und jetzt haben sie mit dem nächsten externen Schock zu kämpfen», kommentiert Heymann. Vor allem US-Airlines sind noch geschwächt von der vorigen Krise, bei der viele Gläubigerschutz beantragten. Den verließen manche Fluggesellschaften erst vor kurzem. Außerdem trifft der Ölpreis die Amerikaner besonders schwer: Sie haben, im Gegensatz zu den europäischen Rivalen, keinen Währungsvorteil beim Treibstoffkauf. Und wegen ihrer finanziellen Probleme hielten sie sich mit neuen Bestellungen zurück.

In der Not reagieren sie radikal: Im Kampf gegen jedes Gramm zusätzliches Gewicht werden beispielsweise die beliebten Decken und Kissen für Passagiere aus dem Flugzeug entfernt, selbst etwas langsamer wird mittlerweile geflogen. Insidern zufolge wird gar über Zuschläge für übergewichtige Kunden nachgedacht. Zudem werden ältere Maschinen ausgemustert und das Flugangebot ausgedünnt. Damit einher gehen massive Stellenstreichungen bei United, American Airlines und Continental.

Nach Einschätzung einiger Analysten müssten die US-Airlines ihre Kapazität um insgesamt ein Fünftel abbauen, um den Markt zu stabilisieren. Die Konsolidierung ist in Nordamerika bereits im Gange. Kürzlich schloss sich die erst seit April 2007 wieder ohne Gläubigerschutz fliegende Delta Air Lines mit Northwest zur größten Fluggesellschaft der Welt zusammen. Die zweite mögliche Fusion in den USA zwischen United und US Airways ist allerdings vorerst vom Tisch.

 
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