Tagesthema Artenschutz: Business im «grünen Mäntelchen»30. Mai 2008 15:16  |  Renaturierter Steinbruch des Baustoffherstellers HeidelbergCement | Foto: Unternehmen |
|
Auf der Artenschutz-Konferenz präsentierte Umweltminister Gabriel eine neue Initiative der Wirtschaft: Eine Reihe von Unternehmen hat Flora und Fauna entdeckt - nicht uneigennützig. Und vielfach auch zum Ärger von Naturschützern, wie Matthias Breitinger berichtet.
2006 war es das «Jahr der Schildkröte», 2007/2008 das «Jahr des Delphins»: Der Touristikkonzern Tui engagiert sich in Sachen Artenschutz. Im vergangenen Jahr wurde in Zusammenarbeit mit dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Unep, eine Broschüre über bedrohte Delphine erstellt und beispielsweise in Kenia an Schulen verteilt, um die Kinder über die Gefahren, die den Meeressäugern durch den Menschen drohen, aufzuklären. Im Jahr davor unterstützte Tui eine Schweizer Organisation, die sich dem Schutz einer bedrohten Meeresschildkröte verschrieben hat.
Nur zwei von mehreren Projekten des Reisekonzerns in Sachen Biodiversität – nicht uneigennützig, versteht sich. Ob Hilfe für ein Programm der Uni Cambridge zum Korallenriff-Monitoring oder eine Studie über Wildtierbeobachtung: Der Einsatz für Artenschutz ist auch Basis für das Geschäft von morgen. «Intakte Natur ist das Kapital des Tourismus», heißt es bei Tui. Schließlich sollen Urlauber auch noch in einigen Jahren beim Tauchen Korallenriffe bewundern oder bei Bootsausflügen Delphine in freier Natur beobachten können.Der Reiseanbieter hat sich nun einem Projekt angeschlossen, welches das Bundesumweltministerium zur Bonner UN-Artenschutzkonferenz angeschoben hat. 34 Unternehmen verpflichten sich in der Initiative «Business and Biodiversity» (Geschäft und biologische Vielfalt) zum Artenschutz und zu umweltfreundlichen Produktionsmethoden. Dazu soll in allen Firmen eine verantwortliche Stelle bei der Unternehmensleitung eingerichtet werden.
Kleine Schritte
Zu den beteiligten Unternehmen, die die so genannte Leadership-Erklärung der Initiative unterzeichnet haben, zählen neben Tui unter anderem der Schokoladenhersteller Ritter-Sport, Volkswagen, die Brauerei Krombacher, der Babynahrungsproduzent Hipp, der Getränkehersteller Bionade, der Fischhändler Deutsche See, der Körperpflege- und Arzneimittelhersteller Weleda sowie eine ganze Reihe japanischer und brasilianischer Firmen.
Umgesetzt wird die Initiative seitens des Ministeriums durch die Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ). Deren Umweltexperte Edgar Endrukaitis gibt sich realistisch: Die ganz großen Schritte von jetzt auf gleich wird es kaum geben. «Kein Unternehmen wird wegen einer Leadership-Erklärung zur Biodiversität seine Produktpalette umstellen», sagt Endrukaitis. Wichtig sei aber, das Thema durch große Unternehmen erst einmal bekannt zu machen. Zudem werde schon darüber debattiert, Gesetze zum stärkeren Schutz von Flora und Fauna zu erlassen. «Jetzt können Unternehmen mit ihrem Engagement noch werben. In zwei bis drei Jahren müssten sie dann leise mitmachen», fügt der GTZ-Fachmann hinzu.
Ärger um HeidelbergCement Ein weiteres Unternehmen, das der Initiative beigetreten ist: der Baustoffkonzern HeidelbergCement, einer der weltweit führenden der Branche. Bei der Gewinnung der Rohstoffe greift HeidelbergCement in die Natur ein – danach steht die Renaturierung von Steinbrüchen und Kiesgruben an. Die Um- und Rücksiedlung von Tieren und Pflanzen erhielten den natürlichen Reichtum im Abbaugebiet, urteilt die GTZ. «Ein signifikanter Beitrag zum Schutz der Artenvielfalt», so Endrukaitis. Laut HeidelbergCement sind bereits 50 Steinbrüche und Kiesgruben in Europa wieder renaturiert worden. Dabei arbeite man mit Wissenschaftlern von Universitäten und Naturschutzverbänden zusammen.
Stichwort: Greenwashingkritische Bezeichnung für PR-Methoden, die darauf zielen, einem Unternehmen in der Öffentlichkeit ein umweltfreundliches und verantwortungsvolles Image zu verleihen (Quelle: Wikipedia) |
|
Doch die sind auf HeidelbergCement nicht unbedingt gut zu sprechen. «Zur anschließenden Renaturierung ist das Unternehmen sowieso verpflichtet», erläutert der Naturschutzexperte des BUND, Friedrich Wulf, im Gespräch mit der Netzeitung. Dass HeidelbergCement explizit damit werbe, gehe «in Richtung Greenwashing», moniert Wulf. «Die Firma hängt sich ein grünes Mäntelchen um.» Zum Teil sei die Zerstörung der Natur in den Abbaugebieten irreparabel. Empört ist der BUND zudem, dass sich HeidelbergCement den Artenschutz auf die Fahnen schreibt, zugleich aber auf der Ostseeinsel Rügen in einem «ausgewiesenen Naturschutzgebiet» Kies abbauen will, wo der bedrohte Seeadler brüte.
«Hier leben rund ein Dutzend vom Aussterben bedrohter beziehungsweise stark gefährdeter Pflanzen und Tiere», berichtet BUND-Artenschutzexpertin Heidrun Heidecke. Dem widerspricht HeidelbergCement: Die Argumente der Naturschützer seien «komplett falsch», meint Firmenbotaniker Michael Rademacher. Die Brutstätten der gefährdeten Vogelarten lägen «einige hundert Meter entfernt». Im Abbaugebiet selbst komme keine dieser Arten vor.
Pflicht statt Freiwilligkeit verlangt
Nicht der einzige Streit zwischen der Wirtschaft, die die Biodiversität für sich entdeckt hat, und Naturschützern. «Greenwashing wird es nicht geben», betont zwar Edgar Endrukaitis von der GTZ. Unternehmen, die sich der Initiative anschließen wollen, müssten «glaubwürdig» sein. Umweltschützer sehen dennoch Greenwashing am Werk. Beispiel Volkswagen: Der Konzern unterstützt die Renaturierung der Aller-Niederung bei Wolfsburg finanziell oder beteiligte sich in Brasilien an einem Aufforstungsprojekt für Küstenwald am Atlantik.Alles schön und gut, so Naturschützer – doch für den Verlust der Biodiversität sei vor allem auch der Klimawandel verantwortlich. Die Klimaveränderung bedrohe die Artenvielfalt in den Gewässern. Doch gerade VW könne nur sehr geringe Fortschritte in Sachen CO2-Reduktion bei seinen Modellflotten ausweisen, kritisiert der BUND. Zudem engagiere sich VW in Brüssel «in direkter und indirekter Lobbyarbeit» dabei, die EU-Vorgaben zur CO2-Senkung bei Neuwagen zu verwässern.
Die TagungBei dem zweiwöchigen Treffen von Politikern und Wissenschaftlern aus aller Welt in Bonn geht es um den Schutz der Regenwälder, den Kampf gegen die Überfischung der Meere, das Thema Biosprit und um einen echten Finanzausgleich für die Entwicklungsländer. Ausgangspunkt ist die 1992 in Rio de Janeiro verabschiedete UN-Konvention zum Kampf gegen den Verlust der biologischen Vielfalt. Zudem soll das 2003 in Kolumbien beschlossene Cartagena-Protokoll zum grenzüberschreitenden Handel mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) bis 2010 um rechtlich bindende Regeln für die Haftung und Wiedergutmachung bei Schäden an der Biodiversität ergänzt werden. Umweltminister Gabriel erhofft sich als Resultat der Tagung Eckpunkte, die auf der nächsten Konferenz 2010 in japan in Form eines Vertrages beschlossen werden könnte. 6000 Teilnehmer aus 192 Staaten hat die Tagung, darunter 120 Minister und Regierungschefs. 250 Umwelt- und Entwicklungsorganisationen sind vertreten. |
|
Im Umfeld der UN-Artenschutzkonferenz würden sich viele Unternehmen verbal zu ihrer ökologischen Verantwortung bekennen, aber wenn es darauf ankomme, spielten sie auf Zeit oder ignorierten die Warnungen vor dem Artenschwund, beklagt die stellvertretende BUND-Vorsitzende Ulrike Mehl. Sie kritisiert, dass die Bundesregierung der Industrie erst ab 2020 vorschreiben will, sämtliche Umweltauswirkungen ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten in den Unternehmensberichten auszuweisen. Dies kollidiere mit dem Ziel der nationalen Biodiversitäts-Strategie, den Bedrohungszustand der auf der Roten Liste geführten und gefährdeten Arten bis 2010 um eine Stufe zu verringern. «Wenn der Artenschwund global und national gestoppt werden soll, dann müssen die Unternehmen ab sofort stärker in die Pflicht genommen werden», fordert Mehl.
|