NZ-Interview zum Spitzelskandal:
«Telekom sicherlich kein Einzelfall»
29.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Netzeitung: Als die Spitzel-Affäre bei der Telekom vorige Woche ans Licht kam, war erst mal «nur» von 2005/2006 die Rede, jetzt berichtet die «FTD» von einem Fall aus dem Jahr 2000. Herr Froitzheim, überrascht Sie die Weite des Falls?
Ulf Froitzheim: Was die Zeitspanne betrifft, eigentlich nicht. Erstaunlicher ist, dass erst jetzt etwas in dieser Art an die Öffentlichkeit kommt. Schließlich gibt es die Technik, die den Unternehmen erlaubt, das Telefonierverhalten ihrer Mitarbeiter zu überwachen, schon länger. Wirklich überrascht hat mich allerdings, wie tief und hemmungslos die Täter aus dem Hause Telekom in Daten haben wühlen lassen, auf die niemand hätte Zugriff haben dürfen.
Netzeitung: Das heißt, Sie gehen davon aus, dass die Überwachung womöglich noch weiter zurückreicht als nur bis zum Jahr 2000?
Froitzheim: Ob es so war, wissen nur die Herren bei der Telekom. Technisch möglich wäre es schon früher gewesen. Außerdem würde ich keinen Cent darauf wetten, dass es sich um einen Einzelfall handelt. Wovon ich in der Tat ausgehe, ist, dass es etliche Unternehmen in Deutschland gibt, die die Daten eingehender und ausgehender Gespräche bei Bedarf auswerten. Dabei geht es sicherlich nicht nur, aber auch um Kontakte zu Journalisten.
Es ist ja zu leicht: Durch das sogenannte Caller Line Identification Protocol (Clip), auf deutsch die automatische Rufnummernübermittlung, weiß ich nicht nur vor dem Abheben, wer mich anruft. Meine billige kleine Telefonanlage speichert diese Daten sogar. Und so eine Technik weckt natürlich Begehrlichkeiten gerade im Management eines Telefonkonzerns.
Froitzheim: Das ist an sich eine tolle Idee. Dann braucht Herr Schaar aber auch Kontrolleure, die darüber wachen, dass diese Verschlüsselung sofort erfolgt und es keine unverschlüsselten Sicherungskopien gibt.
Netzeitung: Derzeit ist unklar, wer bei der Telekom die Aufträge für die Bespitzelung vergab. Halten Sie es für wahrscheinlich, dass die damaligen Vorstandsvorsitzenden Ron Sommer und Kai-Uwe Ricke nichts davon wussten?
Froitzheim: Nicht unbedingt für wahrscheinlich, aber auch nicht für ausgeschlossen. Wer als Journalist mit Telekom-Vorständen zu tun hat, der hat mindestens einmal einen total überraschten Gesichtsausdruck gesehen, der nicht gespielt wirkte. Allerdings beschränkt sich meine diesbezügliche Erfahrung auf Bagatell-Missstände, etwa dass man als Kunde mit einer Beschwerde schon mal zwei Stunden in der Warteschleife hängt. Wenn Sommer und Ricke wirklich nichts von dem Datenangriff gewusst haben sollten, spräche das allerdings fast noch mehr gegen sie, als wenn sie es gebilligt oder veranlasst hätten. Das ist wie bei Siemens: Es gibt Dinge, für die ein Chef geradestehen muss, ganz egal wer sie in Auftrag gegeben hat.
Netzeitung: Im Fall des früheren «FTD»-Chefreporters Enzweiler soll die Telekom eine Detektei zur Ausspähung des Journalisten beauftragt haben. Inwieweit müssen vor allem investigativ arbeitende Wirtschaftsjournalisten damit leben, dass Unternehmen vieles tun, damit Betriebsgeheimnisse gerade im kleinen Führungszirkel nicht nach außen dringen?
Froitzheim: Wenn man weiß, wie oft Pressesprecher ihren Gesprächspartnern auf netteste Art ins Gesicht lügen und wie oft schon Anzeigen wegen kritischer Berichterstattung storniert wurden, macht man sich wenig Illusionen darüber. Ich fürchte, man wird sich mit diesem Risiko genauso abfinden müssen wie die Kollegen vom Politikressort, bei denen ja nicht nur irgendwelche Privatdetektive heimlich herumschnüffeln, sondern gleich ganz offen der Staatsanwalt anrückt, um Spuren zu sichern, die zum Informanten weisen. Insofern hat das doch noch eine andere, nun ja, Qualität. Wenn stimmt, was ich gelesen habe, scheinen sich die Detektive beim Kollegen Enzweiler übrigens ziemlich dilettantisch angestellt zu haben.
Froitzheim: Genau. Profis wie Enzweiler sind doch nicht so naiv, dass sie irgendwelche wildfremden Besucher in ihrem Büro allein lassen. Wobei mir allerdings eine Gänsehaut kam, war die Nachricht, die Telekom habe einen Spitzel in die «Capital»-Redaktion eingeschleust. Das ist, wenn es sich bewahrheitet, der schwerste Hammer. Seinen eigenen Kollegen möchte man eigentlich vertrauen können. Mir tun die Nachwuchsjournalisten leid, die jetzt noch ein Praktikum in einer interessanten Redaktion suchen.
Netzeitung: Besonders kritisch wird es, wenn es Unternehmen darum geht, bestimmte Machenschaften, etwa Korruption, unter den Teppich zu kehren. Da wird die investigative Presse zur «Kontrollinstanz». Sehen Sie angesichts des Falles Telekom der womöglich nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs ist eine Gefahr für die Pressefreiheit? Welche Konsequenzen muss die Politik ziehen, etwa für einen besseren Informantenschutz?
Froitzheim: Die Politik wird da wenig ausrichten, schon allein, weil die Politiker sich selbst ärgern, wenn ihnen Journalisten unaufgefordert in die Karten schauen. Unter all den aktuellen Gefahren für die Pressefreiheit ist ein präpotenter Werkschützer nur eine mittlere Größe.
Froitzheim: Wenn ich das wüsste, würde ich mich bei Herrn Obermann als PR-Berater bewerben und ein unverschämtes Gehalt verlangen.
Mit Ulf Froitzheim sprach Matthias Breitinger.

