07.05.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Günter Wallraff
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH
Als Hausfriedensbruch sieht der Lidl-Lieferant Wallraffs Enthüllungen über die Zustände in seinem Betrieb an. Der Discounter versucht, mit vagen Zusagen ein neuerliches PR-Desaster zu verhindern.
Der Inhaber einer Backfabrik im Hunsrück hat gegen den Kölner Autor Günter Wallraff Anzeige wegen Hausfriedensbruch gestellt. Nach einem einmonatigen Undercover-Einsatz hatte Wallraff in einer Reportage für «Die Zeit» schwere Vorwürfe gegen den Lieferanten des Discounters Lidl erhoben. Die Arbeitsbedingungen seien menschenverachtend, gravierende Sicherheitsmängel sorgten immer wieder für Verbrennungen und andere Verletzungen, sagte der 65-jährige Enthüllungsautor am Mittwoch in Köln. Das Einschleichen in Betriebe unter falscher Identität, um später Missstände anzuprangern, ist Wallraffs Markenzeichen. Berühmt wurde er als türkischer Arbeiter Ali und als «Bild»-Reporter Hans Esser.
Wallraff hatte als angeblich 51 Jahre alter Frank K. in der Fabrik in der rheinland-pfälzischen Kleinstadt Stromberg gearbeitet, die ausschließlich für Lidl in Europa Aufbackbrötchen herstellt. In der Magazinbeilage «Leben» der Wochenzeitung «Die Zeit» schildert der Schriftsteller («Ganz unten»), wie die Arbeiter bis zur Erschöpfung für deutlich weniger als acht Euro brutto Stundenlohn schuften, wie es immer wieder zu Unfällen kommt, Sicherheitsvorkehrungen am Fließband nicht eingehalten werden und der Schimmel an den Wänden blüht.
Zwar habe ihm der Lidl-Aufsichtsratsvorsitzende Klaus Gehrig in der Talkshow «Johannes B. Kerner» am Dienstagabend zugesagt, er werde sich für bessere Arbeitsbedingungen bei dem Lieferanten einsetzen, sagte Wallraff. Er habe aber Sorge, dass es nicht zu Veränderungen kommen werde, auch wegen des Preisdrucks in der Produktion. Allerdings habe nach seiner Veröffentlichung zumindest eine Putzkolonne den Schimmel entfernt, wofür die Bänder vier Tage lang angehalten worden seien.
Auf der Lidl-Homepage hieß es, es sei dem Dicounter nachgewiesen worden, dass die Fabrik nach dem höchsten Standard für Lebensmittelbetriebe zertifiziert worden sei. Lidl habe dem Hersteller in den vergangenen zwei Jahren mehrere deutliche Preiserhöhungen gezahlt. (dpa)