100 Jahre Grundig: Der Tonmeister des Wirtschaftswunders07. Mai 2008 08:11  |  Max Grundig im Jahr 1988 | Foto: dpa |
|
In den 60ern gab es nur wenige westdeutsche Haushalte ohne Gerät aus seiner Schmiede: Vor 100 Jahren wurde der Industrielle Max Grundig geboren. Mit dem Aufstieg japanischer Produkte begann der Niedergang seines Imperiums.
Er war einer der Pioniere des Wirtschaftswunders: Vor 100 Jahren, am 7. Mai 1908, wurde in Nürnberg der Industrielle Max Grundig geboren. Radio, Tonband oder Fernsehgerät - wo Grundig draufstand, war deutsche Ingenieurskunst drin. Der Name steht für fast sechs Jahrzehnte bundesdeutscher Unternehmensgeschichte, vier davon im Glanz des Erfolgs, zwei im quälenden Niedergang.
Der ganz große Erfolg Grundigs begann nach Kriegsende mit einer trickreichen Geschäftsidee - dem «Heinzelmann». Es war das Jahr 1947: Die amerikanische Besatzungsmacht hat den Radiokauf an Bezugsscheine gebunden. Max Grundig unterläuft das, indem er den als Spielzeugbaukasten getarnten «Heinzelmann» auf den Markt bringt. Offiziell ist das kein Rundfunkgerät, aber jeder einigermaßen Begabte kann daraus eines basteln. Nur die Röhren muss man sich auf dem Schwarzmarkt besorgen.
TippDas Rundfunkmuseum Fürth, das in Max Grundigs ehemaligem Direktionsgebäude untergebracht ist, zeigt bis 19. Oktober die Ausstellung «Happy birthday Max Grundig».- » Link zum Rundfunkmuseum Fürth
|
|
Durchbruch mit dem «Heinzelmann» Geboren als Sohn eines Lagerverwalters und einer Fabrikarbeiterin musste Max Grundig schon früh Verantwortung übernehmen. Sein Vater starb, als er zwölf Jahre alt war, die Mutter brachte fortan die Kinder allein durch. Als Vierzehnjähriger begann Grundig eine Lehre bei einer Installationsfirma. Zuhause bastelte er Radios und einen Bildfunkempfänger, 1930 machte Grundig sich selbstständig und kam bald auf seine erste Umsatzmillion. Während des Krieges produzierte er, auch mit Hilfe von Zwangsarbeitern, für die Wehrmacht: Trafos, Steuerungsgeräte.
 |  Grundig-Werk in Nürnberg (Archivbild von 1999) | Foto: dpa |
|
Der «Heinzelmann» katapultiert den Radiotüftler dann ins Wirtschaftswunder. Schon 1952 ist die Firma aus dem fränkischen Fürth Europas größter Radiohersteller. Grundigs Geräte aus hochglanzlackiertem Nussbaum bringen die Welt ins Haus. Rudi Schurike besingt die Caprifischer, Konrad Adenauer warnt in rheinischem Zungenschlag vor den «Soffjets» und im Berner Wankdorfstadion schreit Herbert Zimmermann, dass aus dem Hintergrund Rahn schießen müsse.
Flop Video 2000
Auch für die Schwimmbadwiese hat Grundig etwas: Wer im Freibad Bill Haley hört, der hört ihn aus dem Grundig-Boy, dem ersten Kofferradio der Nachkriegszeit. Grundig baut Musikschränke, Tonbandkoffer und das erste deutsche Fernsehgerät unter der 1000-Mark-Grenze. In Fürth und Nürnberg wachsen die Fabrikhallen, Mitarbeiter um Mitarbeiter wird eingestellt. Als Max Grundig 1983 seinen 75. Geburtstag feiert, hat sein Unternehmen 27 Millionen Radios, 23 Millionen Fernseher und 16 Millionen Tonbandgeräte hergestellt.
Daten & Fakten1957 beschäftigte Grundig bereits 15.000 Menschen, in der Blütezeit Ende der 70er Jahre waren es 38.000. Der Konzern zählte damals 23 Produktionsstätten allein in Deutschland, außerdem Werke in zahlreichen europäischen Ländern. 1982 schaffte das Unternehmen die Umsatzmarke von drei Milliarden Mark. Als japanische Geräte den deutschen Markt eroberten, geriet Grundig indes unter Druck. Das Unternehmen schrieb Verluste, und in den 80er Jahren verloren tausende Beschäftigte ihren Job. |
|
Doch das Ende zeichnete sich damals schon ab. Selbstherrlich glaubte der alternde Patriarch an die Unaufhaltsamkeit seiner Erfolgsgeschichte. Was wollten ihm die Japaner mit ihren VHS-Videorekordern schon anhaben? Sein System Video 2000 galt als technisch überlegen. Doch Sony und Co hatten längst den US-Markt aufgerollt, sie produzierten billiger und gleich noch die passenden VHS-Filmkassetten dazu. Der Kampf der Videosysteme wurde für das fränkische Unternehmen zum Fiasko. Auf dem Weltmarkt hatten sich die Vorzeichen geändert. Unterhaltungselektronik made in Germany, entwickelt von deutschen Ingenieuren, produziert in deutschen Werkshallen und vertrieben vom Händler um die Ecke, das war Grundigs Erfolgsrezept - und wurde zu seinem Untergang.
Abstieg bis zur Insolvenz
 |  Im Mai 2001 demonstrieren Grundig-Mitarbeiter gegen den Abbau von Arbeitsplätzen. | Foto: dpa |
|
1984 zog sich Grundig aus seinem Unternehmen zurück. Der niederländische Philips-Konzern übernahm das Kommando. Mehr als ein Jahrzehnt lang wechselten sich nun Hoffungen und Rückschläge ab. 1997 beendete Philips mit einem Milliardenverlust sein Grundig-Abenteuer. Es folgte ein Totentanz: Wechselnde Investoren und Unternehmensberater gaben sich die Klinke in die Hand, doch die Firma war nicht mehr zu retten. 2003 meldete die Grundig AG Insolvenz an. 1300 Mitarbeiter wurden entlassen. Sie waren der klägliche Rest von einst 35.000 Beschäftigten.
Der Untergang des Grundig-KonzernsNach der Insolvenz wurde Grundig zerschlagen und die einzelnen Sparten verkauft. Grundig Multimedia, das ehemalige Kerngeschäft, gehört heute komplett dem türkischen Koç-Konzern. Die früheren Randbereiche von Grundig - Diktiergeräte und Satelliten-Empfänger - leben als Grundig Business Systems (GBS) bzw. Grundig Sat Systems (GSS) fort. Die frühere Autoradio-Sparte wurde vom US-Hersteller Delphi übernommen und existiert als Delphi Grundig weiter. GBS gehört Finanzinvestoren, GSS wurde als Management-Buy-out gegründet. |
|
Max Grundig war schon am 8. Dezember 1989 in Baden-Baden gestorben. Hier hatte er als letztes Lebenswerk mit gewaltigem finanziellen Aufwand das Luxushotel Bühlerhöhe restaurieren lassen. Seiner dritten Ehefrau Chantal hinterließ er einen lukrativen Vertrag mit Philips, der die Niederländer zwang, 20 Jahre lang 45 Millionen Mark jährlich zu zahlen. An die Idee, das Geld wieder in die Firma zu stecken, verschwendete sie keinen Gedanken. Bei den Arbeitern trug ihr das den Beinamen «eiskalte Witwe» ein. (Von Peter Reindl, epd)
|