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Abgespeist: 

Tumbe Allesfresser und gefährliches Essen

21. Apr 2008 10:37
Gammelfleisch
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Wenn es nur das Gammelfleisch wäre. Thilo Bode zeigt in seinem neuen Buch, wie Verbraucher mit Lebensmitteln legal vergiftet werden – und keinen schert es. Markus Scheffler hat das Buch gelesen.

Gerade einmal zwei Jahre ist es her: Ob in Bayern, Berlin oder im Rheinland – kaum ein Tag verging, ohne dass in einem Schlachtbetrieb oder in einer Lebensmittelfabrik Gammelfleisch gleich tonnenweise gefunden wurde. Dass das Umetikettieren von ungenießbarem Fleisch nur die Spitze des Eisbergs ist und Betrug am ahnungslosen Verbraucher vielmehr Alltag, zeigt Thilo Bode in seinem Buch «Abgespeist». Der Chef der Berliner Verbraucherorganisation Foodwatch schildert darin die unerhörten Zustände der globalen Lebensmittelindustrie, deren Problem nicht vereinzelte schwarze Schafe sind, sondern wo der Missstand Normalfall ist.

Ob radioaktive Substanzen in Kindernahrung, Acrylamid in Chips oder Nitrofen in Bio-Eiern – der Vertrieb von giftigen und lebensgefährlichen Lebensmitteln ist legal und wenn nicht, ist es auch egal. Der Gesetzgeber schaut weg oder nutzt im Ernstfall seinen Ermessensspielraum – angeblich im Interesse der Beschäftigten, deren Arbeitsplätze gefährdert wären, wenn der Handel mit verdorbenen Lebensmitteln auffliegt, tatsächlich aber, um den Firmen satte Gewinne zu sichern. Mit Gammelfleisch, das zu Döner, Fertigbuletten und Gulasch verarbeitet wird, lassen sich schließlich traumhafte Renditen erzielen.

Politik schaut dem Treiben zu

Skandalös ist dabei, wie die Politik dem Verbraucher selbst noch die Schuld in die Schuhe schiebt. Selbst die Grünen ätzten angesichts der immer neuen Funde an Gammelfleisch, «Geiz ist Geil» und Schnäppchenjäger zwängen die bedauernswerte Industrie geradezu, die Preise auf Kosten der Qualität zu drücken und Sondermüll als Lebensmittel zu verkaufen. Dass auch von billigen Lebensmitteln keine Lebensgefahr ausgehen darf und Teures auch nicht unbedingt besser ist, leuchtet zwar ein – die Politik stellt sich dennoch taub.

Dass der Verbraucher ohnehin nicht mit dem Einkaufswagen und Kaufboykott gegen die mafiösen Strukturen der Lebensmittelindustrie und ihrer Lobby ankommt, die Bode zufolge weit ins Landwirtschaftsministerium und in die EU-Behörden hineinreicht, ist so einleuchtend wie deprimierend. Wer weiß schon, was hinter den vielen E-Substanzen steckt, die nicht nur ungenießbar klingen, sondern es auch sind? Wer kennt schon den feinen Unterschied zwischen natürlichen und naturidentischen Aromen, Separatorenfleisch und herkömmlichem Fleisch? Und wer will schon wissen, dass der Erdbeerjogurt seinen Geschmack allem möglichen chemischen Substanzen und Pilzen verdankt, nur keiner Erdbeere?

Mehr Informationen für den Verbraucher, der von der Industrie wie ein tumber Allesfresser abgespeist wird, schaden sicher nicht. Ob die von Bode eingeforderten Informationsrechte aber tatsächlich ein wirksames Mittel sind, um die Industrie zum Umdenken zu zwingen, sei dahingestellt. Dass Agrarsubventionen beispielsweise schädlich sind und die Bauern in der dritten Welt in die Armut treiben, ist kein Geheimnis. Es zu wissen hilft dennoch nichts. Und dass die in der Werbung angepriesene Extraportion Milch tatsächlich eine Extraportion sein mag, die Schokolade aber dennoch nicht gesünder macht, darf auch als bekannt gelten. Was ich im Supermarkt kaufen und wem ich trauen darf, wird deshalb auch nicht klarer.

Industrieinteressen dominiern den Markt

Thilo Bode
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Ursache ist, dass die Industrie ihre unanfechtbare Stellung nicht nur der Unwissenheit und Arglosigkeit der Verbraucher, sondern auch einer starken und undurchsichtigen Lobby in Berlin und Brüssel verdankt, wo Lobbyisten, Industrie und Politik zu einem unentflechtbaren Interessenblock verschmolzen sind. Dort läuft die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Politik wie geschmiert, und die Regeln nicht nur des deutschen oder europäischen, sondern des weltweiten Lebensmittelmarktes werden maßgeblich von den Lebensmittelkonzernen, Agrarbetrieben und inzwischen Energieunternehmen bestimmt.

Wie diese Allianz zu brechen ist, kann Bode auch nicht erklären – seine «Vision vom guten Essen» klingt deshalb vorerst wie ein Märchen. Zu lesen, wie Verbraucher beim Essen hinters Licht geführt werden und warum die Masche so gut funktioniert, lohnt allemal.

Thilo Bode:
Abgespeist. Wie wir beim Essen betrogen werden und was wir dagegen tun können.
Fischer Verlag: Frankfurt am Main 2007. 256 Seiten, 14,90 Euro

 
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