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Gegen Flugangst hilft schon Wissen übers Fliegen

29. Jun 2007 14:07
Fliegen kann so schön sein - wenn man nicht unter Flugangst leidet.
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Viele Urlauber steigen jetzt wieder mit Magendrücken oder Ohrensausen in ein Flugzeug - völlig unnötig, sagt Fachmann Viktor Ziegler. Matthias Breitinger holte sich Tipps gegen Flugangst.

In einer Allensbach-Umfrage gestanden 38 Prozent der befragten Flugverkehr-Reisenden ein, unter Flugangst zu leiden – von leichtem Unbehagen bis hin zu nicht kontrollierbarer Panik. Dabei ließe sich diese in Fachkreisen als Aviaphobie bekannte Angst durchaus besiegen, meint Experte Viktor Ziegler. «Flugangst hat man irgendwann einmal erlernt», sagt der Fachmann, der selbst einst darunter litt, im Gespräch mit Netzeitung.de. «Aber was erlernt wurde, kann wieder verlernt werden.»

Ziegler zählt im deutschsprachigen Raum zu den Pionieren der Flugangstbekämpfung. Im Interview mit Netzeitung.de erklärt der einstige Werbechef von Austrian Airlines, woher Flugangst kommt, warum Wissen Macht ist und was Menschen mit Flugangst, die in der jetzt beginnenden Reisezeit sich auf den Weg zum Flughafen machen, machen sollten. Einfach nur Tabletten oder Alkohol zu sich zu nehmen, bringe jedenfalls nichts.

Netzeitung.de: Herr Ziegler, ab wann spricht man von Flugangst? Eine gewisse Nervosität vor dem Flug ist doch normal.

Viktor Ziegler: Das ist normal, und Angst ist beim Menschen zunächst auch etwas Positives. Das hat sich bei der Evolution des Menschen entwickelt – Angst schützt uns vor Gefahren. Davon unterscheiden muss man aber eine Phobie, die krankhafte Angst, bei der man immer und überall eine Gefahr sieht. Die Flugangst ist eine solche irreale Angst vor einer angenommenen Gefahrensituation, die überhaupt nicht besteht. Man glaubt nur, in Gefahr zu sein. Das ist das gleiche wie bei einer Schlangenphobie, bei der der Phobiker am Ende sogar vor Blindschleichen zurückzuckt, weil er glaubt, gleich werde er sterben.

Das Problem dabei: Wenn wir in einer Gefahr sind, reagiert der Körper automatisch – entweder kämpfen oder davonlaufen. Nun sitzen Sie in 10.000 Metern Höhe im Flugzeug, hören ein Geräusch, das Sie nicht kennen, und wähnen sich in Gefahr. Der Körper reagiert mit Schweißausbruch, Herzrasen und Hyperventilation und bereitet sie sich so auf Kämpfen oder Davonlaufen vor. Nur: Wogegen wollen Sie kämpfen und wo wollen Sie hinrennen, wenn Sie im Flugzeug sitzen?

Netzeitung.de: Viele, die Flugangst haben, kommen ja erst gar nicht in diese Situation. Die würden sich nie in ein Flugzeug setzen ...

Ziegler: ... und genau das habe ich vor 30 Jahren auch gemacht. Mein allererster Flug war ganz schlecht – er ging nach London, und wir hatten furchtbar schlechtes Wetter. Danach bin ich jahrelang nicht mehr geflogen, bis ich Werbechef bei Austrian Airlines wurde und mir Flugangst einfach nicht mehr leisten konnte. Ich habe es geschafft, sie zu besiegen. Und das können viele andere auch.

Netzeitung.de: Menschen, die wegen ihrer Phobie Flüge vollkommen meiden, sind ein Potenzial für Airlines. Befassen die sich mit diesem Thema?

Viktor Ziegler
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Ziegler: In Umfragen gestehen sich 30 bis 40 Prozent Flugangst ein, dazu kommt die Dunkelziffer. Das sind also 100 Millionen Menschen, die unter Flugangst leiden. Für die Fluggesellschaften ist das in der Tat ein gewaltiges Potenzial – doch Airlines und Reisebüros tun so, als gäbe es das Problem nicht. Die meisten Airlines wollen sich mit Flugangst nicht beschäftigen. Die machen lieber Billigpreis-Aktionen als dass sie potenziellen Passagieren helfen, die sich mit ihrer Flugangst an sie wenden. Doch das sind Menschen, die ein Problem haben. Die steigen selbst dann nicht in ein Flugzeug, wenn man den Preis noch mal um fünf Euro senkt, sondern sie fragen nach einer Problemlösung.

Netzeitung.de: Wie entsteht Flugangst überhaupt? Muss man mal, so wie Sie, einen schlechten Flug miterlebt haben?

Ziegler: Einer meiner Grundsätze ist: Flugangst hat man irgendwann einmal erlernt. Dazu muss man nicht einmal unbedingt ein schlechtes Erlebnis gehabt haben, da genügen schon negative Berichterstattung über die Gefahren des Fliegens oder Erzählungen von Bekannten. Aber was erlernt wurde, kann wieder verlernt werden. Fragen Sie ein sechsjähriges Kind nach Flugangst. Es wird gar nicht wissen, was Sie meinen.

Es gibt natürlich auch Menschen, die aus ihrer Flugangst ein Statussymbol machen. Die kokettieren damit. Frauen setzen ihre Flugangst wiederum oft als «Armes-Ich-Syndrom» ein, um vom Freundes- und Familienkreis Mitleid und mehr Zuneigung zu bekommen.

Netzeitung.de: Sie haben ein Buch geschrieben, das helfen soll, die Flugangst zu besiegen. Bis zu welchem Grad von Flugangst reicht es, nur ein Buch darüber zu lesen, und ab wann braucht man doch Therapie oder ein Anti-Flugangst-Seminar?

Ziegler: Bei schweren Fällen ist es sicherlich ratsam, ein Seminar zu besuchen, wo man mit Gleichgesinnten zusammen kommt. Das Buch liest man allein, setzt sich mit der Problematik auseinander und findet auch Lösungsansätze zur Bekämpfung der Flugangst. Wenn das alles aber nicht mehr hilft, dann rate ich zu einem Seminar. Aber das ist wirklich der letzte Schritt.

Bei zwei von drei Fällen hilft schon, ein Buch zu lesen, um überhaupt zu wissen, was beim Fliegen geschieht. Das wissen ja die wenigsten, und genau diese Angst vor dem Unbekannten ist ein Hauptauslöser für Flugangst. Das merke ich bei Vorträgen: Wenn ich den Leuten sage «Jetzt erklären Sie mir mal, wie ein Flugzeug mit 150 Tonnen auf 10.000 Meter Höhe kommt und nicht herunter fällt», muss ich feststellen: 99 Prozent haben keine Ahnung. Genau hier setzt das Buch an: Wissen vermitteln. Was wir nicht kennen, erzeugt Angst. Und dabei geht es nicht nur darum, wie das Fliegen funktioniert, sondern wie unser Körper funktioniert, wenn wir Angst bekommen.

Netzeitung.de: Jetzt beginnt die Urlaubszeit. Was raten Sie jemandem, der mit mulmigem Gefühl zum Flughafen fährt?

Ziegler: Er sollte sich schon vorher informieren, beispielsweise durch mein Buch, was man beim Fliegen spürt, sieht und hört. Allein schon das Wissen um die Abläufe und die Technik hilft, beruhigter ins Flugzeug zu steigen. Dann ist Fliegen kein Mysterium mehr.

Netzeitung.de: Wie können Betroffene am besten entspannt fliegen? Wo sollten sie am besten sitzen – eher vorne, in der Mitte oder hinten?

Ziegler: Das ist von Mensch zu Mensch verschieden. Das kommt auch auf den Flugzeugtyp an. Sind die Triebwerke vorn, ist es natürlich im hinteren Teil ruhiger. Aber es gibt auch Menschen, die einfach Angst haben, hinten zu sitzen, weil in ihren Augen der Weg zum Ausgang dann so lang ist. Jeder sollte für sich selbst entscheiden, was er am liebsten macht, wie er am besten entspannt sitzt. Es gibt Menschen, die sitzen gern am Fenster, um hinauszusehen. Menschen mit Flugangst sitzen aber eher am Gang, weil sie auf keinen Fall sehen wollen, wie hoch oben sie sind, und weil sie glauben, dann näher am Fluchtweg zu sein.

Was auf jeden Fall hilft: positiv denken, also negative Gedanken austauschen. Ansonsten sollten die Betroffenen vermeiden, sich allzu sehr auf alle möglichen Geräusche und Bewegungen des Flugzeugs zu konzentrieren.

Netzeitung.de: Viele versuchen, ihre Flugangst mit Pillen oder Alkohol zu bekämpfen. Hilft das etwas?

Ziegler: Es bringt im konkreten Fall den Effekt, die Symptome zu dämpfen. Aber die Flugangst ist nicht weg, sie kommt beim nächsten Mal wieder. Viele Menschen mit Flugangst reden sich dann aber ein, sie seien beim letzten Mal dem Problem davongelaufen. Dann wird die Flugangst umso schlimmer.

Netzeitung.de: Gegen Schlangenphobien gibt es die Therapie der graduellen Konfrontation – Betroffene werden also zunächst langsam an ein Terrarium herangeführt usw. Funktioniert das bei Flugangst auch: Man beginnt zum Beispiel mit einem kurzen Flug von Köln nach München?

Ziegler: Vollkommen richtig. Oft genügt schon ein Mittagessen am Flughafen, damit der Betroffene sieht, wie die Abwicklung dort funktioniert und wie die Flugzeuge kommen und gehen, und er die ganzen Geräusche hört. Das ist schon der erste Schritt. Und danach: fliegen, fliegen, fliegen. Das ist heutzutage nicht mehr so teuer, als dass man es sich nicht leisten könnte. Was man sich nicht leisten kann und sollte, ist, sich von einer irrationalen Angst – und das ist Aviaphobie ja – beherrschen zu lassen. Und sich dem negativen Einfluss des Monsters namens Angst auf Privat- und Berufsleben auszuliefern.

Viktor Ziegler litt selbst jahrelang unter Flugangst. Der Niederösterreicher arbeitete als Journalist und wurde 1979 Werbeleiter bei Austrian Airlines. Als selbst Betroffener entwickelte er ein Konzept zum Verlernen der Aviaphobie. Heute ist der 59-Jährige begeisterter Vielflieger. Ziegler leitete in Österreich viele Anti-Flugangst-Seminare.

Kürzlich erschien bei Merian Zieglers Buch «Das Erfolgsprogramm für entspanntes Fliegen: So besiegen Sie Ihre Flugangst». Mit dem Flugangst-Fachmann sprach Matthias Breitinger.

 
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