netzeitung.deKennzeichnung für Essen nur Trick der Hersteller

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Jetzt eine große Portion Fritten mit Ketchup (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Jetzt eine große Portion Fritten mit Ketchup
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Dass die Nahrungsmittel-Industrie den Nährwert von Lebensmitteln kennzeichnen will, ist ein fauler Trick. Worum es der Industrie-Lobby tatsächlich geht, ließ sich Markus Scheffler erklären.

Ernährungs-Experten halten die von der Lebensmittelindustrie geplante freiwillige Kennzeichnung mit Nährwertangaben für einen Trick: «Tatsächlich geht es darum, die Ampel zu verhindern», warnt Matthias Wolfschmidt, stellvertretender Geschäftsführer der Verbraucherorganisation Foodwatch, im Gespräch mit Netzeigung.de. «Die Industrie nutzt jede Gelegenheit, um der Politik und auch den Verbrauchern zu erklären, warum die Ampel Unsinn ist und sie angeblich bevormundet würden.»

Die Ampel ist ein britisches Modell zur Kennzeichnung von Lebensmitteln. Dabei bedeutet ein Rot, dass der Nährwert schlecht ist, weil das Lebensmittel beispielsweise zu viele Fette oder Zucker enthält. Grüne und Linkspartei unterstützen dieses Modell der Kennzeichnung.

Tatsächlich habe die Industrie nur Angst um ihre Produktpalette, mutmaßt Foodwatch-Vertreter Wolfschmidt: «Die Hersteller müssten ihre Rezepturen verändern, und ihre Marken würden beschädigt.» Außerdem würde herauskommen, dass angeblich gesunde Lebensmittel wie Cornflakes eigentlich zu den Süßigkeiten zu zählen seien.

Außerdem entspreche die von der Industrie vorgeschlagene Kennzeichnung nicht dem Stand der Diskussion. «Der Charme einer Ampel besteht darin, dass der Verbraucher intuitiv versteht, ob er von einem Lebensmittel die Finger lassen sollte oder nicht», meint Wolfschmidt. Zudem würde er bei jedem Griff in den Lebensmittelschrank zu Hause daran erinnert, was er da gekauft hat.

Unverständliche Informationen
Die Industrie will hingegen nach einem Bericht der «Berliner Zeitung» künftig Lebensmittelinhaltsstoffe zwar kennzeichnen – aber so, dass Verbraucher die Informationen nicht verstehen. So sollen beispielsweise die Kalorien pro Portion und der prozentuale Anteil an der empfohlenen Tageszufuhr angegeben werden. «Im Grunde ist das nichts Neues, die Industrie orientiert sich dabei an der Lebensmittel-Kennzeichnungsverordnung», stellt Foodtwatch-Experte Wolfschmidt fest. Sie spekuliere dabei darauf, dass der Verbraucher ohnehin nicht begreift, was ihm die Angaben sagen sollen.

Die Lebensmittelindustrie hatte wie die Bundesregierung nie ein Hehl daraus gemacht, dass sie das britische Ampel-Modell ablehnt. Bundesverbraucherminister Horst Seehofer (CSU) habe sich von Anfang an die Position der Industrie zu Eigen gemacht: «Von ihm war auch nichts anderes zu erwarten, hat doch das Gezerre um das Verbraucherinformationsgesetz gezeigt, dass ihm die Interessen der Wirtschaft näher stehen als die der Verbraucher.»

«Bund versteht das britische Modell nicht»
Die Bundesregierung begreife den Zusammenhang zwischen Ernährung und Vorsorge nicht, warnte der Foodwatch-Experte. «Die britische Regierung hatte verstanden, dass eine ordentliche und nachvollziehbare Kennzeichnung mit einer gesünderen und bewussteren Ernährung einhergeht und so Folgekosten für Fehlernährung gespart werden.» Die Ampel sei ein «aktiver» und «kluger» Beitrag, um Kosten zu senken.

Der Verbraucherzentrale Bundesverband (VZBV) sieht das ähnlich. «Die Lebensmittel-Lobby versucht die Flucht nach vorne», kritisiert Angelika Michel-Drews, VZBV-Referentin für Ernährung. Die freiwillige Kennzeichnung suggeriere Offenheit und Transparenz, die tatsächlich nicht gegeben sei. «Die Vorschläge der Industrie sind völlig unzureichend: Es hat sich nur ein verschwindend kleiner Teil der Hersteller der Initiative angeschlossen.»

Außerdem orientiere sich die Industrie an Maßstäben, die selbst die VZBV-Expertin nicht nachvollziehen kann. So würde beispielsweise der Verzehr von 90 Gramm Zucker noch als gesundheitlich unbedenklich und mit 200 Kilokalorien umgerechnet. «Das ist völliger Unsinn», sagt Michel-Drews. Die Industrie wolle offenbar Geschäftigkeit vortäuschen, um die von der EU angekündigte einheitliche Kennzeichnung von Lebensmitteln als unnötig zu diffamieren.