netzeitung.deKlimatickets als Ablasshandel kritisiert

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Passagiere beim Einstieg in eine Ryanair-Maschine (Foto: AP<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe Passagiere beim Einstieg in eine Ryanair-Maschine
Foto: AP
Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Freiwillige Zusatzabgaben für Flugreisen ersetzen keine Umweltpolitik. Im Gespräch mit Markus Scheffler erinnern Umweltschützer daran, dass es keinesfalls ein Recht auf billige Flüge gibt.

Drastische Berichte über Klimaschäden durch den Flugverkehr haben viele Passagiere zum Nachdenken gebracht. Für ein ruhigeres Gewissen beim Fliegen könnten so genannte Klimatickets sorgen – freiwillige Zusatzabgaben der Fluggäste beispielsweise an Atmosfair oder Myclimate. Die Airlines selbst halten sich bislang vornehm zurück, auch wenn etwa die Deutsche Lufthansa
bis zum Jahresende ein ähnliches Angebot im Programm haben will.

Die Höhe der freiwilligen Abgabe bemisst sich an den mit dem Flugzeug zurückgelegten Kilometern und den dabei freigesetzten CO2-Emissionen. So werden auf einem Hin- und Rückflug von Berlin nach Mallorca pro Passagier 860 Kilogramm Kohlendioxid abgegeben – dabei ist schon berücksichtigt, dass CO2 in einer Flughöhe von gut zehn Kilometern dreimal so intensiv wirkt wie an der Erdoberfläche.

Ein Flug für eine Tonne Holz
Mit 860 Kilogramm CO2 hat der Fluggast innerhalb weniger Stunden so viel Kohlendioxid emittiert wie ein durchschnittlicher Inder in einem ganzen Jahr oder ein Mittelklassewagen auf 6000 Kilometern Fahrt, argumentiert Atmosfair. Laut Umweltbundesamt entsprechen 860 Kilogramm CO2 der in einer Tonne Holz gespeicherten Menge Kohlendioxid.

Um den durch den Flug verursachten Umweltschaden wieder wettzumachen, schlägt Atmosfair eine Art Ablass vor: Wer zusätzlich zum Flugticket ein Klimaticket für 19 Euro kauft, kann damit den Klimaschaden zu 100 Prozent kompensieren. Der Fluggast muss natürlich nicht die volle Summe für die Umwelt spenden.

Umweltschützer sind skeptisch
Was nach einer sinnvollen Maßnahme klingt, stößt aber nicht auf ungeteilte Zustimmung bei Umweltschützern. «Wir haben uns an der Atmosfair-Kampagne nicht beteiligt, weil wir sie für zwiespältig halten», sagt Angelika Zahrnt, Vorstand beim Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland (BUND), im Gespräch mit Netzeitung.de.

«Es wird von manchen als Entschuldigung oder Ablasshandel betrachtet.» Der eine oder andere werde zwar darüber nachdenken, ob ein bestimmter Flug wirklich sein muss oder es nicht auch mit der Bahn geht. «Andere werden das Geld zahlen, und der durch sie verursachte Schaden wird sie nicht weiter jucken.»

Technologischer Durchbruch nötig
Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hält Klimatickets für zweifelhaft: «Aktive Klimapolitik ist das nicht», kritisiert DIW-Energieexpertin Claudia Kemfert. «Die funktioniert nur, indem das Fliegen deutlich teurer wird und technologische Durchbrüche wie das CO2-freie Flugzeug entwickelt werden.»

Der Flugverkehr sollte Kemfert zufolge unbedingt in den Emissionshandel einbezogen werden - «damit die Fluggesellschaften den Druck direkt spüren und an die Entwickler weitergeben können». Die Signalwirkung gehe von den Ticketpreisen aus. Dennoch: «Es ist immerhin besser als Nichtstun», meint BUND-Vorstand Zahrnt.

Steuerbefreiung «skandalös»
Jeder sollte sich gut überlegen, ob ein Flug wirklich erforderlich ist, meint DIW-Expertin Kemfert. Das Bewusstsein für die Umweltschäden zu schärfen, sei eine gute Idee. «Ich halte den zusätzlichen Kauf von Klimatickets, deren Erlös in den Umweltschutz fließt, für sinnvoll. Allerdings ist er kein Ersatz für aktive Klimapolitik.»

Sehr viel besser und wirksamer wären dem BUND zufolge politische Maßnahmen: «Die Befreiung von der Mineralöl- und Ökosteuer ist skandalös. Außerdem sollte der Flugverkehr in den Emissionshandel einbezogen werden», fordert auch Zahrnt. Ferner müsse der Druck auf die Firmen erhöht werden, energiesparende Flugzeuge herzustellen. «Der Staat muss den Unternehmen Beine machen.» Dass freiwillige Maßnahmen nichts bringen, werde beim CO2-Ausstoß von Autos sichtbar. «Die Hersteller haben sich zwar zu Grenzwerten verpflichtet – passiert ist aber nichts.»

Soziale Gründe gegen höhere Ticketpreise ins Feld zu führen, hält BUND-Vorstand Zahrnt für falsch: «Die Preise niedrig zu halten, damit sich auch weniger Reiche einen Badeurlaub in der Karibik leisten können, ist eine verquere Argumentation», findet sie. Tatsächlich sei das soziale Argument «egoistisch und zynisch»: «Der Klimawandel selbst hat nämlich unsoziale Auswirkungen und wird dazu führen, dass Menschen im Süden, die sehr viel ärmer sind und kaum CO2 emittieren, am meisten betroffen sind.»

«Jetzt erst recht»
Dass der Klimaschutz anders als vor zehn Jahren kein Nischenthema mehr ist, sondern die Schlagzeilen beherrscht, findet Zahrnt wichtig. «Die Menschen wissen heute, was der Klimawandel für Bangladesch bringt, dass den Eisbären in einigen Jahren die Eisschollen fehlen. Und auch bei uns haben die Leute die Veränderungen registriert.»

Gleichwohl bestehe aber die Gefahr, dass Menschen sich sagen «Jetzt erst recht» - und rasch zu den Malediven fliegen, bevor es sie nicht mehr gibt, räumt Zahrnt ein. «Es kommt jetzt darauf an, den Leuten auch zu sagen, dass es noch Chancen gibt, den Klimawandel zu begrenzen, so dass die Erde nicht völlig aus dem Gleichgewicht gerät.»