20. Feb 2007 11:07
Die Steuerfreiheit für Kerosin ist eine «Sünde», klagt der Chef des Umweltbundesamtes im Interview mit Netzeitung.de. Wegen höherer Preise würde der Flugverkehr nicht zusammenbrechen, meint Andreas Troge.
Netzeitung.de: Herr Troge, was nutzen Klimaschutzmaßnahmen in Europa, wenn China und Indien für sich das Recht auf Entwicklung beanspruchen – notfalls auf Kosten des Klimas?Andreas Troge: Wir haben die einmalige Chance zu zeigen, dass wir unseren Wohlstand erhalten und vermehren und gleichzeitig mit dem Treibhausgasausstoß runter können. Effiziente Fahrzeuge und neuere Antriebe signalisieren vor allem jenen Ländern, die nicht unseren Klimaschutz-Standard haben, dass man die natürlichen Lebensgrundlagen mit moderner Technik erhalten und die Motorisierung vorantreiben kann. Die Chinesen haben das verstanden und haben deshalb ab 2008 Emissionsgrenzwerte für Fahrzeuge festgelegt – die übrigens auch für deutsche Hersteller gelten. Bestimmte Fahrzeuge sind dann in China nicht mehr verkäuflich …
Netzeitung.de: Experten gehen davon aus, dass der Flugverkehr in den kommenden Jahren rasant weiter wächst. Umweltschützer fordern eine Kerosinsteuer und die Einbeziehung der Fluggesellschaften in den Emissionshandel. Würde das nicht die begrüßenswerte wirtschaftliche Entwicklung in den Schwellenländern behindern?
Troge: Ein Flugzeug bläst Kohlendioxid und Stickstoff in einer Höhe von acht bis zehn Kilometern in die Luft. In dieser Höhe wirken die Stoffe etwa zwei- bis viermal so treibhausintensiv. Wir können jenen, die sich das Fliegen nicht leisten können, nicht erklären, warum der einzelne Autofahrer für die wenigen Tonnen CO2, die er emittiert, nicht nur Mineralöl-, sondern auch Ökosteuer zahlt, die Fluggäste aber nicht.
Ich halte es auch für dringend erforderlich, den Flugverkehr in den Emissionshandel einzubeziehen. Außerdem sollten wir Kerosin endlich besteuern. Die Steuerfreiheit diente dazu, die Preise niedrig zu halten und damit den Flugverkehr zu fördern. Daran festzuhalten, ist eine Sünde und sorgt dafür, dass Fliegen billig ist und der Flugverkehr weiter zunimmt.
Der Flugverkehr wird auch nicht zusammenbrechen, wenn es teurer wird, sondern nur langsamer zunehmen: Ob geflogen wird oder nicht, hängt mehr vom verfügbaren Einkommen als vom Preis ab – zumal der in Zeiten von Billigfliegern ohnehin sehr niedrig ist.
Netzeitung.de: EU-Umweltkommissar Stavros Dimas hat sich darüber amüsiert, die Deutschen würden sich in Sachen Umwelt- und Klimaschutz für Musterknaben halten. Reicht es noch nicht, wenn Verbraucher den Müll trennen, Altpapier sammeln und leere Batterien zum Supermarkt zurückbringen?Troge: Wir alle können und müssen mehr machen. Dass Deutschland nicht mehr Musterknabe ist, ist auch keine besondere Erkenntnis – schließlich haben alle EU-Staaten ihr Bewusstein für den Umweltschutz und Klimawandel geschärft. Wir sollten aber nicht vergessen, dass Deutschland viele Debatten um mehr Umweltschutz angestoßen hat.
Netzeitung.de: Was kann der Einzelne denn mehr tun?
Troge: Verbraucher können ihre elektrischen Geräte mit einem Vorschaltgerät versehen. Es verhindert, dass Strom verbraucht wird, falls das Gerät nicht läuft. Das gilt für praktisch alle elektrischen Geräte.
Außerdem brauchen wir energieeffiziente Elektrogeräte und sparsamere Autos.
Allein bei Haushaltsgeräten wie Waschmaschinen, bei Geräten mit Stand-by-Betrieb oder Gegensprechanlagen an Haustüren haben wir Effizienz-Reserven von 4500 Megawatt. Das ist ein Viertel aller derzeit geplanten neuen Kraftwerkskapazitäten.
Wohnungs- und Hauseigentümer können außerdem ihre Immobilie wärmedämmen und an ein Fern- oder Nahwärmenetz anschließen. Das rechnet sich bereits nach wenigen Jahren. Wärmenetze dienen dem Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung, die viel effizienter ist, als es Kraftwerke sein können, die nur Strom produzieren und Wärme an die Luft oder an Flüsse abgeben.
Netzeitung.de: Mieter sind da machtlos …Troge: Das Eigeninteresse des Vermieters ist Rendite. Wenn er an den Energie-Einsparungen beteiligt würde wie die Mieter, hätte er auch ein Interesse an einer energetischen Modernisierung. Außerdem brauchen wir einen Mietspiegel, der die Warmmiete berücksichtigt. Einige Mieter fragen schon heute angesichts der hohen Wärmekosten nicht mehr, was die Wohnung kalt kostet, sondern wie hoch die Warmmiete ist. Der geplante Energiepass hilft da nicht immer, weil mitunter nur der Wärme-Verbrauch des Vormieters erfasst wird – und dessen Heizverhalten kenne ich nicht.
Netzeitung.de: Sind Steuererhöhungen beispielsweise beim Strom oder die Einführung einer generellen Pkw-Maut geeignet, die Menschen zum Energiesparen zu bewegen?
Troge: Eine höhere Stromsteuer würde nur etwas bewirken, wenn ich den Menschen gleichzeitig zeigte, wie sie ihren Energiebedarf senken. Wenn ich Bürgerinnen und Bürgern zeigen will, wie sie höheren Kosten ausweichen, muss ich sie darüber informieren, wie viel beispielsweise ein Kühlschrank im Laufe seiner Lebensdauer an Strom verbraucht und wie hoch der Verbrauch vergleichbarer Geräte ist.
Mit Andreas Troge sprach Markus Scheffler.