Nervender Berufsalltag: 

netzeitung.de«Suche nach perfektem Job ist Zeitvergeudung»

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'Die Kollegen nerven', 'jeder Tag ist gleich': Nur wenige sind wirklich zufrieden mit ihrem Job (Foto: dpa<br/>Quelle: NZ Netzeitung GmbH)

Lupe 'Die Kollegen nerven', 'jeder Tag ist gleich': Nur wenige sind wirklich zufrieden mit ihrem Job
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Quelle: NZ Netzeitung GmbH

Kaum einer ist zufrieden mit dem Job. Doch wenn alle klagen, ist es offensichtlich egal, wo wir arbeiten, argumentieren Volker Kitz und Manuel Tusch in einem Sachbuch. Ein Netzeitung -Gespräch über den Frust am Arbeitsplatz.

Wer sich mit ein paar Freunden trifft und das Gespräch auf die Berufssituation lenkt, stellt schnell fest: Kaum jemand liebt seinen Job. Die Kollegen nerven, der Chef auch – und geschätzt wird die eigene Leistung auch kaum. «Herzlichen Glückwunsch – Sie haben Ihren Traumjob gefunden!» behaupten dagegen Volker Kitz und Manuel Tusch. Die beiden weisen in einem neuen Buch nach, dass im Prinzip jeder Job gleich ist. Mit Matthias Breitinger sprechen die Autoren über das ewige Gejammer über die Arbeit und die Bewältigung des Frusts.

Netzeitung: Herr Kitz, Herr Tusch, kommt Ihr «Frustjobkillerbuch» nicht zur falschen Zeit? In der Rezession ist doch jeder froh, dass er überhaupt einen Job hat und ihn behält.

Volker Kitz: Das Buch hat auf Anhieb die vorderen Plätze der Wirtschafts-Bestsellerlisten gestürmt – der Bedarf ist offenbar groß. Das Problem ist ja gerade, dass der Mensch eben in guten wie in schlechten Zeiten nicht dazu neigt, mit dem zufrieden zu sein, was er hat. Er denkt immer, woanders wäre noch einmal alles viel besser.

Netzeitung: Laut Ihrem Buch sind mehr als 85 Prozent aller Arbeitnehmer mit ihrem Job unzufrieden. Woher kommt diese breite Unzufriedenheit?

Manuel Tusch: Die Erwartungen an unseren Job sind zu hoch. Wir wollen Spiel, Spannung, Spaß und obendrein noch Selbstverwirklichung, jede Menge Geld und immer nur nette Leute um uns herum. Das kann kein Job bieten. Die Suche nach diesem perfekten Job ist Zeitverschwendung.

Netzeitung: Ist das ein deutsches Phänomen – denn bekanntlich klagen «die Deutschen» gern?

Tusch: In den USA zum Beispiel herrscht in der Tat eine nüchternere Sicht auf den Job: Da wird der Arbeitsvertrag in erster Linie als Austausch «Arbeit gegen Geld» gesehen. Die Rahmenbedingungen um diesen Austausch müssen nicht perfekt sein.

Netzeitung: Der Chef weiß die Arbeit nicht zu schätzen, die lieben Kollegen nerven, jeder Tag ist gleich... – das sind alles keine richtigen Argumente für einen Jobwechsel, sagen Sie. Welche wären denn richtige Gründe?

Kitz: Die Kunst besteht darin, zu unterscheiden zwischen einem echten Einzelfallproblem und den Problemen, die untrennbar mit der Arbeitswelt verbunden sind. Wenn ich nicht nur unzufrieden bin, weil ich gern mehr Geld auf dem Konto hätte – was jeder will – sondern wenn ich mich tatsächlich objektiv weit unter dem Marktwert verkaufe, dann ist es Zeit zu wechseln. Wenn es nicht nur die ständigen normalen Reibereien mit Chef, Kollegen und Kunden gibt – die jeder hat – sondern handfestes Mobbing, dann ist es Zeit zu wechseln. Aber viele Leute neigen dazu, ihren Fall viel zu schnell als Einzelfall zu sehen. In Wahrheit stoßen sie nur an Probleme, die jeder andere auch hat.

Netzeitung: Die Kernthese Ihres Buches lautet: Hör auf, über deinen Job zu jammern und jede Woche Stellenanzeigen zu wälzen, sondern lerne, deinen jetzigen Job zu lieben. Geht das so einfach?

Tusch: Wir stellen in unserem Buch unterschiedliche Strategien für unterschiedliche Probleme vor: Wer von Chef oder Kollegen genervt ist, kann mit ein bisschen Übung eine bessere Distanz zu den Dingen entwickeln. Die fehlt vielen. Wir beschreiben, wie man seine auch negativen Gefühle bei der Arbeit zwar zulassen, aber doch im Griff behalten kann und wie man erfolgreicher mit seiner Umwelt kommuniziert. Wer Lob und Anerkennung für seine Arbeit vermisst, für den gibt es Übungen, mit denen man seinen Selbstrespekt stärken kann. Man kann mit bestimmten Methoden auch seine materielle Zufriedenheit steigern, ohne dass ständig mehr Geld auf der Gehaltsabrechnung steht.

Netzeitung: Oder sollte man sich einfach selbständig machen – dann ist man sein eigener Chef?

Kitz: Auch die «Flucht in die Selbstständigkeit» löst nicht die universellen Probleme des Arbeitslebens. Statt des Chefs ruft dann der Kunde direkt an, kritisiert die Arbeit, setzt Bedingungen, spart mit Lob. Das Geld reicht auch den Selbstständigen nie. Und nervige Leute finden sich auch außerhalb der Angestelltenwelt. Unter dem Strich begegnet man allen Problemen auch als Selbstständiger wieder. Gerade diese Woche haben wir eine ausführliche, leidenschaftliche Zuschrift einer Leserin bekommen, die uns genau diese Erfahrung eindrucksvoll bestätigt hat.

Netzeitung: Eine andere These besagt: Was dich in deinem Job bedrückt, hat gar nichts mit dem Job zu tun, den du hast. Woran liegt die Unzufriedenheit dann – und wie lässt sie sich «heilen»?

Tusch: Wir haben zwei Jahre lang recherchiert und sehr viele Leute befragt, aus unterschiedlichen Altersgruppen, unterschiedlichen Geschlechts, auf unterschiedlichen Hierarchie-Ebenen und auch in ganz unterschiedlichen Berufen. Die meisten von ihnen jammern über die gleichen Probleme. Selbst Leute in Vorstandsetagen klagen, sie könnten ja nichts frei entscheiden und seien unterbezahlt. Und keiner würdige ihre Arbeit. Wenn das aber so ist, dann werden wir diese Probleme auch im nächsten Job nicht los. Diese Einsicht ist schon einmal wichtig: Wenn wir die unheilvolle Jagd nach dem vermeintlich perfekten Job einstellen, dann wird plötzlich viel Energie frei. Die können wir nutzen, um an uns selbst zu arbeiten. Hierfür bietet unser Buch erprobte psychologische Übungen.

Netzeitung: Es geht also vor allem darum, die persönliche Einstellung zum Job und zu sich selbst zu ändern. Das ist aber ein langwieriger Prozess. Welche Tipps haben Sie, damit im Arbeitsalltag sofort anzufangen?

Kitz: Sehr viele positive Rückmeldungen haben wir bislang auf die von uns beschriebene Methode der gewaltfreien Kommunikation bekommen. Sie hat schon sehr vielen Menschen geholfen, besser mit Kollegen und Vorgesetzten klarzukommen. Bewährt hat sich vor allem die so genannte «Ich-Botschaft». Bei ihr steht nicht der «Du»-Vorwurf im Vordergrund, sondern eine sachliche Beschreibung aus der eigenen Perspektive. Der andere fühlt sich dann nicht so schnell angegriffen und ist leichter bereit, Zugeständnisse zu machen.

Volker Kitz hat Jura und Psychologie studiert und arbeitet heute als Anwalt und Lehrbeauftragter an der Münchener Uni. Manuel Tusch hat Psychologie und Erwachsenenbildung studiert und hat heute eine psychologische Praxis und ein Ausbildungsinstitut in Köln.

Volker Kitz/Manuel Tusch: Das Frustjobkillerbuch: Warum es egal ist, für wen Sie arbeiten. Campus Verlag 2008, 254 Seiten, 19,90 Euro.