Beratung tut Not:
«Um die Abgeltungsteuer kommt keiner herum»
08.08.2008
Herausgeber: netzeitung.de
Christian Machts: Aus unserer Sicht gibt es kaum jemanden, der darum herumkommt, wenn er sich mit Kapitalanlage in irgendeiner Form beschäftigt oder zukünftig Kapital aufbauen will. Daher sollte sich jeder mit der Frage befassen, was die Abgeltungsteuer bedeutet. Man ist leicht geneigt zu sagen: Leute, die wenig Geld haben, sind außen vor. Aber auch die sind durchaus betroffen, und zwar schon dann, wenn sie im Monat nur 50 Euro in einen Fondssparplan einzahlen.
Machts: Der Ansatz ist gut und sinnvoll. Was in der Umsetzung herausgekommen ist, ist an vielen Stellen auch eine wirkliche Vereinfachung gegenüber den bisherigen Regelungen. Zum Teil wird aber die bisherige Situation verkompliziert. Die Reform hat immer noch viele Ausnahmen und Sonderregelungen, dass das grundsätzliche Ziel aus unserer Sicht nicht vollständig erreicht wird. Die Sache ist weiterhin sehr komplex, so dass der Privatanleger sie nur bedingt überschauen kann.
Netzeitung: Viele bauen ihre Altersvorsorge über Sparpläne mit Aktienfonds auf. Was ändert sich für sie?
Netzeitung: Sind Riester-Sparer betroffen?
Machts: Nein, sie sind derzeit explizit ausgenommen und gehören damit zu den wenigen, die sich keine Sorgen machen müssen, weil sich an der bestehenden Besteuerung nichts ändern wird.
Netzeitung: Als Gewinner der Reform gelten Zinssparer mit hohem Einkommen, die ihre Einkünfte bisher zum hohen persönlichen Satz versteuern mussten. Aktienbesitzer jammern dagegen über die Abgeltungsteuer. Sind Aktien ab Januar out?
Machts: Nein. Ich gehe davon aus, dass die neue Steuer bei Aktien am Jahresanfang zu weniger Transaktionen führen, aber keinen langfristigen spürbaren Rückgang bringen wird. Die Anleger werden aber etwa anders handeln, weil sie nicht mehr auf die steuerliche Haltefrist von zwölf Monaten achten müssen. Wenn Sie künftig eine Aktie kaufen, wissen Sie: Von jedem Euro Kursgewinn gehen pauschal 25 bis 28 Cent ab. Das berechnen Sie natürlich vorab in Ihre Anlageentscheidung mit ein. Beziehungsweise: Sie werden an der einen oder anderen Stelle vielleicht auch etwas risikoreicher investieren.
Machts: Wer 100 Prozent auf Aktien setzen möchte und mit diesem Risiko umgehen kann, für den bleibt ein Aktienfonds auch mit der Abgeltungsteuer eine attraktive Alternative. Den Anlegern, die in Einzelaktien investieren, empfehlen wir aber, sich noch 2008 intensiv Gedanken darüber zu machen, ob die Anlage in Einzelaktien langfristig der richtige Weg für sie ist oder man nicht besser in einen Aktienfonds investiert, der professionell gemanagt ist und sich in Zukunft auf sämtliche Marktlagen ausrichten kann.
Denn wenn Sie noch in diesem Jahr ein Investment erwerben, haben Sie Bestandsschutz nach derzeitigem Steuerrecht, also vor allem die Steuerfreiheit von Kursgewinnen nach zwölf Monaten für die nächsten Jahre und Jahrzehnte. Das heißt aber, dass Sie jetzt eine flexible Anlage finden sollten, die in der Lage ist, sich auf lange Sicht auf unterschiedliche Marktphasen einzustellen, die in den nächsten Jahren kommen können, und die jeweils eine gute Rendite verspricht. Denn niemand weiß, ob beispielsweise Rohstoffe oder Emerging Markets in drei, fünf oder gar zehn Jahren noch so attraktiv und spannend sind wie heute und welches Thema dann die Märkte treibt. Da empfiehlt sich vorrangig ein breit aufgestellter Dach- oder Multi-Instrumentfonds, in dem Fondsmanager das gesamte Spektrum an Anlageprodukten nutzen können.
Netzeitung: Umschichtungen innerhalb der Fondshülle wären dann auch künftig steuerfrei?
Machts: Genau, das ist der Charme an diesen Produkten. Sämtliche Umschichtungen, die der Portfolio-Manager innerhalb des Fonds vornimmt, unterliegen nicht der Steuer. Es wird erst dann steuerrelevant, wenn der Kunde irgendwann den Fonds verkauft und noch keine 12 Monate seit Erwerb vergangen sind. Deshalb raten wir dazu, noch im Jahr 2008 eine solche Fondshülle zu erwerben. Was die Dividende betrifft: Sie wird in klassischen Fonds voll steuerpflichtig sein. Inwiefern die Versteuerung von laufenden Erträgen wie Dividenden und Zinsen innerhalb von Fondskonzepten optimiert ist, sollte beim Bankberater hinterfragt werden.
Netzeitung: Sind die Depotkosten weiterhin steuerlich absetzbar?
Netzeitung: Es gibt weiterhin einen Steuerfreibetrag auch wenn er dann anders heißt für den ich bei meiner Bank Freistellungsaufträge erteilen kann. Was sollte ich da in den kommenden Monaten noch tun?
Machts: Sie müssen sich genau anschauen, wie sie diese Aufträge zukünftig verteilen. Der künftige Sparerpauschbetrag liegt zwar in gleicher Höhe wie der heutige Freibetrag, es werden darauf aber mehr Elemente angerechnet. Heute betrifft das Zinsen und Dividenden, künftig aber auch jeden Euro Kursgewinn. Deshalb muss man jetzt seine Vermögensanlage in der Summe überprüfen und sich speziell anschauen, bei welchen Banken man welche Freibeträge verteilt hat. Also: Wo sind schon heute Kursgewinne abzusehen? Wo erwartet man Zins- und Dividendenerträge? Dann sollte man den Pauschbetrag neu anpassen.
Doch man muss noch mehr tun. Das zeigt sich beim Thema Verlustverrechnung. Sie wird mit der Abgeltungsteuer tatsächlich einfacher als heute. Ein Beispiel: Sie kaufen eine Aktie und machen damit 100 Euro Verlust. Sie kaufen auf der anderen Seite einen Fonds und machen mit dem 100 Euro Gewinn. Passiert das alles bei einer Bank, wird beides sauber verrechnet und Sie zahlen keine Steuern. Machen Sie das aber bei zwei unterschiedlichen Banken, müssen Sie die Verlustverrechnung über Ihre Einkommensteuererklärung regeln. Also müssen Sie nicht nur die Verteilung des Freistellungsauftrags überprüfen, sondern sollten auch darüber nachdenken, wie viele Banken Sie für Ihre Vermögensanlage wirklich brauchen. Ich rate dazu, die Kapitalanlage bei einer Bank zu konzentrieren und dann dort den Steuerservice zu nutzen.
Netzeitung: Was müssen Leute machen, deren persönlicher Steuersatz unter 25 Prozent liegt? Die zahlen dann doch zuviel Steuern.
Netzeitung: Man hat bisweilen das Gefühl, dass zurzeit sehr viel Werbung rund um die Abgeltungsteuer gemacht wird aber stets mit dem Tenor: Steuern sparen bis zum Umfallen.
Machts: Damit werben in der Tat manche Strukturvertriebe, weniger die Banken. Auf keinen Fall sollte man aus Steuergründen blind ein Produkt kaufen, das «irgendwie» abgeltungsteueroptimiert ist. Man sollte sich ernsthaft überlegen, ob das angebotene Produkt zur persönlichen Philosophie und zum Risikoprofil passt. Der Kunde muss verstehen, was er da gerade kauft: Wie hoch ist der Aktienanteil, und bin ich bereit, dieses Risiko für das Mehr an Rendite zu tragen? Im Fazit heißt das, nicht Steuern sparen um jeden Preis, sondern mit professioneller Unterstützung das passende Produkt für die individuelle Geldanlage zu finden.
Zusätzlich haben wir aktuell die Situation, dass viele das Thema Abgeltungsteuer aufgrund der hohen Komplexität vor sich herschieben. Womöglich merken sie erst Mitte Dezember, dass sie sich damit doch auseinandersetzen sollten und sie noch schnell einen Termin bei ihrem Bankberater brauchen. Das wird dann nicht mehr funktionieren. Mein Tipp: Sich frühzeitig mit der Bank in Verbindung setzen. Lassen Sie sich zu dem Thema beraten und zwar ganz individuell für Ihre Vermögenssituation. Es geht darum, den gesamten Vermögenshintergrund zu beleuchten, inklusive steuerlicher Rahmendaten. Das sollte dann in eine vernünftige Empfehlung münden.
Christian Machts ist bei der Commerzbank in Frankfurt verantwortlich für Produktentwicklung und Wertpapiervertrieb. Mit dem Anlageexperten sprach Matthias Breitinger.

